Ein ähnlicher Fall: Wer war Stella?

Seit ca. 1582 kursierte als handgeschriebenes, vielfach kopiertes Manuskript der Sonett-Zyklus „Astrophel and Stella“, verfasst von Philip Sidney. Ein Meisterwerk. 1586 starb der Autor. 1591 wurden die Sonette gedruckt und ein Bestseller. Sidney wurde Kult.

Man fragte sich natürlich: Für wen stehen Astrophel und Stella. Astrophil ist Sidney. Soviel war klar. Klar war den Zeitgenossen aus dem näheren Umkreis von Sidney auch, wer Stella war: Penelope Devereux, verheiratete Lady Rich.

Den Außenstenden jedoch, die die gedruckte Version zugänglich wurde, war das nicht bekannt. Sie konnten die versteckten Hinweise, die die Identität verbürgt haben, nicht entschlüsseln.

Verdeckt musste die Identität bleiben, denn Lady Rich (geb. 1563) war mit Lord Rich verheiratet und hatte mit ihm fünf Kinder. Eine die Ehe in Frage stellende Beziehung konnte sie schon riskieren – aber öffentlich durfte das nicht werden. (Auch wenn Sidneys Sonette, ganz anders als die von „Shake-speare“, keusch blieben.)

Also durfte Lady Rich nicht Stella sein.

Das wurde um so nötiger, als Lady Rich sich 1590 einen neuen Liebhaber nahm, Lord Mountjoy. Immer noch verheiratet mit dem ungeliebten Lord Rich – bekam sie sechs Kinder von Lord Mountjoy. Wie gesagt, der Ehebruch war nicht das Problem, auch die unehelichen Kinder wren keins. Bekannt durfte es nicht werden; wurde es nun aber, denn Lady Rich machte die Sache öffentlich, ließ sich scheiden und lebte noch ein, zwei Jahre zusammen mit Lord Mountjoy, bevor sie starb.

Mit der Öffentlichkeit des Ehebruchs war Lady Rich entehrt. Umso wichtiger war es nun, ihre Identität mit Sidneys Stella zu verbergen, um die Ehre des Autors zu schützen.

Zwar kam schon immer wieder einmal einmal ein andeutender Hinweis auf die wahre Identität, aber das wurde nicht ernst genommen, hat sich nicht verbreitet. Selbst als 1691 jemand die Identität Stella-Lady Rich offen feststellte, wurde das ignoriert. Das ging so bis ins 20. Jahrhundert. Die Hinweise auf Lady Rich als Stella verdichteten sich – dennoch verneinte ein Teil der Anglistik, dass Stella die unmoralische Dame sei. Das Tabu wurde verteidigt.

Auch mit dem Argument, man solle gefälligst Biographisches aus der Beschäftigung mit Kunstwerken heraushalten.

Lady Rich war Sidneys Stella. Wir wissen es heute. Wie konnte es so lange verborgen bleiben?

Der Fall Stella/Lady Rich/Sidney zeigt einige Parallelen zum Fall Shakespeare.


Peter R. Moore beschreibt den Fall ausführlich in „The Lame Storyteller, Poor and Despised“, S. 312-323.

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