Er war’s nicht.

Genies fallen nicht vom Himmel. Wir haben keinerlei Information darüber, WIE Shakspere zu den Kompetenzen gekommen ist, die er in seinem (?) Werk entfaltet.

Es gibt immer wieder Beispiele, wie jemand aus einfachsten Verhältnissen zu genialer Bildung kommt; in Shakespeares Zeit etwa Marlowe und Ben Jonson. Bei beiden wissen wir allerdings, wie das gelaufen ist. Bei Shakespeare bleibt es ein Rätsel.

Dass jemand aus bildungsfernem Haus zum sprachmächtigsten Mann und zum Kulturheros Englands heranwächst, erfordert besondere Umstände. Ein so bemerkenswerter Weg bleibt im England der frühen Neuzeit nicht undokumentiert; er schlägt sich schriftlich zumindest andeutungsweise nieder – wie bei Marlowe und Ben Jonson.

Nun könnte man einwenden: Es sei eben ein unglücklicher Zufall, dass wir darüber im Falle Shakespeare nichts erfahren.

Doch begründet eine solche Lücke nicht wenigstens einen ersten vernünftigen Zweifel?

Dieser Zweifel vertieft sich, wenn man im nächsten Schritt feststellt: Von diesem Mann aus Stratford ist (anders als bei allen anderen wichtigen Autoren der Zeit) kein Brief, kein Dokument, kein Hinweis eines anderen – ist nichts überliefert, das uns unmissverständlich zeigemn könnte: Er hatte die Qualifikation für das Werk, bzw. er war Autor von Werken. Sogar seine Unterschriften irritieren. Hat der versierte Vielschreiber wirklich so unbeholfen unterschrieben?

Das Testament kommt – drittens – hinzu. Wir erkennen in ihm weder sprachlich noch inhaltlich etwas von dem Sprach- und Dichtergenie.

Unser Zweifel verstärkt sich weiter angesichts der ca. 70 zeitgenössischen Dokumente, die sich auf den Mann aus Stratford beziehen und die ihn entweder als Schauspieler oder als tüchtigen Geschäftsmann zeigen – aber nie als Autor.

Fügen wir fünftens hinzu: Als der Mann aus Stratford 1616 stirbt, löst das etwa bei Ben Jonson und anderen Schriftstellerkollegen keine Reaktion aus. Wir würden Elegien und Nachrufe erwarten, und solche hatten durchaus eine gute Chance gehabt, bis auf unsere Zeit zu kommen.

Italien spielt im Werk eine (für das damalige England) überraschend große Rolle und kommt in einer Weise vor, die uns nahelegt: Der Autor war dort. Der Mann aus Stratford war nie in Italien, er ist kaum gereist, hat kaum mehr gesehen und erlebt als die Welt zwischen London und Stratford.

Siebtens fällt uns auf, dass Shakspere von Bildung für Frauen nicht viel zu halten scheint: Seine zwei Töchter bleiben funktionale Analphabetinnen. Dabei hätte der erfolgreiche Geschäftsmann das Geld für solchen Unterricht gehabt. (Wir denken an die vielen gebildeten Frauen in den Werken.)

Unser Zweifel hat sich schrittweise vertieft. Wir finden keinen Bezug dieses Mannes aus Stratford zu humanistischer Bildung und zu Kunst unabhängig von den Werken.

Mit Skepsis betrachten wir also das First Folio, das Shakspere 7 Jahre nach seinem Tod zum Autor Shakespeare macht: So eindeutig, wie es zu erwarten wäre, werden die Werke dem Geschäftsmann aus Stratford allerdings nicht zugeschrieben.

Betrachten wir – neuntens– das Werk selbst. Stratford, die Erfahrungswelt des Geschäftsmanns dort und in London, das Streben in die Gentry kommen ebenso wenig vor wie das Beispiel eines Aufsteigers in die humanistische Bildungselite. Shakspere aus Stratford war ein erfolgreicher und stolzer Streber. Wer verbindet diese Eigenschaft mit den Motiven, die sich im Werk ausdrücken?

Wir finden also keinen biographischen Bezug unseres tüchtigen bürgerlichen Kaufmanns zu Shakespeares Werk und zu dessen (wenn auch oft kritisch gebrochener) Identifikation mit der Aristokratie.

Wir wundern uns nicht zuletzt über die Sonette, die in Ton, Perspektive und Thematik nicht zur Biographie dieses bürgerlichen und erfolgreichen Aufsteigers passen. Veröffentlicht wurden sie im Jahre 1609 ohne Beteiligung des Autors. Die Widmung stammt nicht vom Autor, sondern vom Herausgeber; die Widmung vermeldet überdies, der Autor der Sonette sei bereits verstorben. Die Dark-Lady-Sonette hätten in Stratford höchst prekär gewirkt: Der auf Reputation bedachte Mann aus Stratford hätte unbedingt verhindern müssen, sie unter seinem Namen drucken zu lassen. Wollte er sich etwa als Ehebrecher outen?

Die Zweifel verdichten sich mit jedem dieser zehn Schritte und werden mit den Hinweisen auf die Sonette zum Beweis.

Die Orthodoxen spielen diese Zweifel herunter, oder ignorieren sie, oder sie isolieren sie, sehen sie nicht im Zusammenhang.

Im Zusammenhang aber verdichten sie sich zum Indizienbeweis: Shakspere war nicht Shakespeare. „Shakespeare“ erweist sich als Pseudonym für einen Autor, der Grund hatte, seine Identität zu verbergen.

So sei mit meinem Leib mein Name auch begraben“ (Sonett 72)

… während ich, bin ich erst fort, für alle Welt gestorben sein werde. (Sonett 81)

Sonette, Prosaübersetzung von Klaus Reichert

Der Autor sagt es uns selbst: Sein Name bleibt verborgen. „Shakespeare“ ist sein Pseudonym.


Eine etwas ausführlichere, aber ebenso zusammenfassende Begründung in englischer Sprache bringt die De Vere Society.


 

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