Exkurs: Puritanische Theaterfeindlichkeit 1575 – 1642

1607 gibt William Shakspere dem Arzt und Puritaner John Hall seine älteste Tochter zur Frau. Zugleich ist damit deutlich, wer der Haupterbe seines großen Vermögens werden wird: die nun puritanische Familie Hall.

Einige Jahre darauf zieht sich William Shakspere aus dem Theaterleben zurück.

John Hall erweist sich später als Parteigänger des radikalen, autoritär und theokratisch orientierten puritanischen Vikars von Stratford, Thomas Wilson.

John Hall ist also – so meine Theorie – nicht Puritaner im weiteren Sinne – also einer, der die christliche Religionsausübung reinigen will von katholischen Traditionsbeständen und es vorzieht, den sonntäglichen Gottesdienst nicht in der anglikanischen Version (die noch einige katholische Formen enthält) abzuhalten.

John Hall ist strikter Calvinist. Calvinisten lehnen das Theater aus religiösen Gründen ab. John Hall gehört zu ihnen – wenn man seine Unterstützung für Thomas Wilson 1619 und danach dafür als Beleg gelten lassen will.

Ich schließe daraus: John Hall steht dem Theater grundsätzlich und aus religiösen Gründen ablehnend gegenüber.

(Das ist eine Theorie. Es würde mich interessieren, was sich dagegen einwenden ließe. Dass auch strenge Calvinisten ausnahmsweise mal theatertolerant gewesen sein könnten? Oder dass John Hall eben doch kein solcher strenger Calvinist gewesen sei? Wie ließe sich das angesichts der Faktenlage begründen? Nur damit, dass der Mann theatertolerant gewesen sein MUSS, weil er sonst nicht in die Theaterfamilie eingeheiratet hätte?)

Könnte Shaksperes Rückzug vom Theater auch auf den Einfluss von John Hall zurückzuführen sein?

Generell lässt sich sagen, dass nach 1600 Theater in Stratford überwiegend als unsittlich abgelehnt wird, auch wenn die Theaterbefürworter gelegentlich noch gegen den Bann von 1602 und den verschärften Bann von 1612 noch Ausnahmen erlauben können.

Stratford ist unter dem Einfluss der Puritaner eine theaterfeindliche Stadt geworden – schon zu Shaksperes Lebzeiten. Sein Schwiegersohn und Erbe hat diese Entwicklung unterstützt oder sogar vorangetrieben – so müssen wir annehmen.

Was haben die Puritaner – und damit auch John Hall – gegen das Theater?

Jonas Barish (The Antitheatrical Prejudice, Univ. of California Press 1981; Seite 80 – 190) beantwortet die Frage. Um es kurz zusammenzufassen, lasse ich einen Puritaner reden:

Glücksspiele sind schlimm, aber wenigstens wissen die Sünder das. Theater ist schlimmer, denn sowohl die Macher als auch die Zuschauer sind sich der Sünde nicht bewusst.

Theater ist Götzendienst, eine Erfindung des Teufels. Der Mensch täuscht auf der Bühne etwas vor, was er nicht ist. Er lügt und betrügt. Er verführt die dem Laster geneigten Zuschauer. Und die zahlen dafür auch noch Geld!

Gott schafft den Menschen. Der Mensch schafft sich nicht selbst. Seine Aufgabe ist es, sich zu finden. Herauszufinden, wie und wozu ihn Gott geschaffen hat und dies zu akzeptieren. Gott ruft den Menschen, der Mensch hat zu antworten.

Gott der Schöpfer verlangt von seinen Geschöpfen, dass sie eindeutig sie selbst sind, konform mit sich selbst und Gottes Willen. Der Versuch, als etwas anderes zu erscheinen, ist Sünde. Sich zu verkleiden und eine andere Person zu spielen ist Sünde. Sich selbst als etwas anderes zu schaffen als das, wozu Gott ihn gemacht hat, ist Todsünde.

Der Mensch soll sein und bleiben, was er real ist. Wir Puritaner legen wert auf Wahrheit, auf Ehrlichkeit, auf Gradlinigkeit, auf Treue zu uns selbst und zu unserem Schöpfer. Wir lehnen Fiktionen ab. Darum sind wir auch gegen die katholischen Liturgien (auch in ihrer anglikanischen Version).

Theater ist Machiavellismus. Der Fürst spielt die Tugenden je nach Bedarf, seine Methode ist der Schein, der er als Schauspieler erzeugt, sein Kriterium ist der Erfolg beim Publikum. Er täuscht seine (leichtgläubigen) Bürger mit System. Er ist ein Betrüger. Ein Teufel.

Der Schauspieler ist ein Proteus und nimmt opportunistisch und strategisch die im Moment nützliche Gestalt an. Er ist ein Monster. Er schmeichelt dem Publikum und dessen niederem Geschmack – und dient der Hölle – und kassiert.

Der Schauspieler ist ein Chamäleon. Was ist seine wahre Farbe? Skrupellos wechselt er die Farbe. Schauspieler sind unzuverlässig, wechselhaft, eitel, ohne Substanz. Ihre Verwandlungsfähigkeit macht sie gefährlich. Denn jeder Wandel ist gefährlich.

In seiner Wandelbarkeit und Unbeständigkeit verkörpert der Schauspieler den Verfall der Welt, den Abfall von Gott, die Hinwendung zum Laster und zum Teufel.

Was macht das Theater mit den Menschen? – Es hält ihn von der Arbeit ab. Es steht für Müßiggang, Faulheit, Eitelkeit, Vergnügen, Verschwendung. Es hält ihn vom Beten und vom Kirchgang ab. Es symbolisiert alles, was der konsequent reformierte Gläubige verabscheut.

Außerdem: Die Bibel (AT, Deuteronomium) verbietet es Frauen, in Männerkleidern aufzutreten. Eben das geschieht schändlicherweise auf der Bühne: Frauenrollen werden von Personen männlichen Geschlechts gespielt. (Noch schlimmer wäre es, wenn sich Frauen selbst zu so unsittlicher Tätigkeit herabwürden ließen.)

Die Polemik der (konsequent calvinistischen) Puritaner gegen das Theater beginnt etwa um 1575. Noch erlauben sie Theater in einem begrenzten Rahmen: als Lehrstück im Rahmen der Erziehung der Menschen.

Damit ist es zuende, als sich das Theater (auch dank Shakespeares Wirken) professionalisiert und die großen Theatergebäude eingerichtet werden, etwa das Globe. Jetzt, ab den 90er Jahren, verurteilen die Puritaner das Theater kompromisslos und fanatisch.

Ihre Theaterfeindlichkeit steigert sich im Verlauf der kommenden Jahrzehnte und mündet in das generelle Theaterverbot 1642 für ganz England.

Es fällt auf, mit welcher Hemmungslosigkeit, Intensität, Wut, Obsession die Puritaner das Theater verdammen. Ihre moralische Empörung hat damit zu tun, dass sie den verführerischen Charakter des Theaters mittels einer Gegenleidenschaft bekämpfen müssen: der Leidenschaft des Verdammens, der Lust am Ausagieren eines Vorurteils.

Der Gegentrend in England bleibt leise. Es gibt kaum lautstark engagierte Verteidiger. Erst mit der Restauration der Stuarts nach 1660 setzen sich die Anhänger des Theaters wieder durch.

Wo steht hier Shakespeare, der Autor? – Er ist entschieden Anti-Puritaner. Für sie hat er die Figur des Malvolio parat. Shakespeare liebt das Theater. Ihn fasziniert die Wandlungsfähigkeit des Menschen, das Spiel mit verschiedenen Identitäten. Er schätzt die Vitalität auch dann, wenn sie zum Scheitern führt. Hamlet, Falstaff, Cleopatra sind für ihn ambivalente, aber keine negativen Charaktere. Und er ist vernarrt in einen Bassanio

Shakspere hingegen verheiratet seine Tochter mit einem erklärten Puritaner und vererbt diesem auch noch den Großteil seines Vermögens …

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