First Folio: Ben Jonson

Stellen nicht Ben Jonson und Leonard Digges unmissverständlich fest: Der Autor der Werke war Shakspere/Shakespeare aus Stratford-upon-Avon?

Da hätten wir den Beweis. Es gibt keinen Zweifel. Warum sollten die Macher und Herausgeber des First Folio lügen?

Wir kennen eine Reihe von Gründen, an der Zuschreibung zu zweifeln, und zumindest einen Grund dafür, warum der wahre Autor ein Pseudonym gebraucht hat.

Ben Jonson selbst ist bekannt für seine sehr absichtsvollen Zweideutigkeiten.

Von Ambiguität, Zweideutigkeit, sprechen wir, wenn der aufmerksame Hörer oder Leser oder Zuschauer erkennen kann, dass ihm außer der zunächst wahrgenommenen Bedeutung noch eine andere nahegelegt wird.

Ben Jonsons Werk ist voll von Zweideutigkeiten. Er gebraucht sie vor allem, um sich zu schützen vor Zensur und vor dem Zugriff von eventuell verärgerten Autoritäten. (Jonson war nicht der einzige, der diesen Weg erfolgreich beschritten hat.) Er vertraut dem Scharfsinn der Leser und der Bereitschaft der Autoritäten, die Sache zu akzeptieren, solange dank der Zweideutigkeit der Schein gewahrt bleibt. Die direkte Konfrontation wird vermieden. Beide Seiten können zufrieden sein. Der Autor hat – durch die Blume – gesagt, was er sagen wollte, die Autoritäten fühlen sich nicht gemeint und nicht verletzt, sondern respektiert.

Die Biographen von Ben Jonson nehmen an, dass er es war, der das First Folio editiert hat, und dass er genau dafür jährlich 66 Pfund (über 30.000 Pfund nach heutigem Wert) aus der Kasse von King James erhalten hat. 1621 wurde der Betrag sogar noch verdoppelt. (Dass Hemminges und Condell elegante Gedichte schreiben und komplexe Werke redigieren und edieren konnten, ist recht unwahrscheinlich.)

William Herbert, Earl of Pembroke war Jonsons Patron. 20 Pfund hat der Autor jedes Jahr vom Earl bekommen – zum Kauf von Büchern. Diesem Grafen hat Jonson 1616 seine eigenen gesammelten Werke gewidmet. Pembroke war auch ab 1615 der Lord Chamberlain, als solcher zuständig für die Theaterstücke, die am Hof und in den öffentlichen Theatern aufgeführt wurden, und für alle Publikationen von Theaterstücken.


Jonson gibt uns einen weiteren Hinweis, der von Shakspere weg und zu einem anderen, früher geborenen Autor hindeutet:

For, if I thought my judgment were of years,
I should commit thee, surely, with thy peers.
And tell how far thou didst our Lyly outshine,
Or sporting Kyd, or Marlowe’s mighty line.

Lily schreibt im wesentlichen 1579-90, Marlowe stirbt 1593, Kyd 1594. Das sind die drei Autoren aus Shakespeares Zeit, die Jonson erwähnt – keine anderen. Das sind die „literary peers“ von Shakespeare. Sie gehören – bezüglich eines Autors aus Stratford – der Anfangsphase seines Schaffens an.

In der darauf folgenden Zeit – eigentlich der Zeit der Blüte nach orthodoxer Chronologie der Werke – wäre Ben Jonson der „literary peer“, und den durfte Shakespeare natürlich nicht überstrahlen.


Es gibt viele Interpreten, die Jonsons Folio-Eloge auf Shakespeare für eine versteckte Kritik, eine hinterhältige Ablehnung halten. John Dryden hat dies schon kurz danach getan: „an insolent, sparing, and inviduous panegyric“ hat er sie genannt. (vgl. Price, 197) Jonson ist einmal geradeaus, das andere Mal zweideutig. Die Zweideutigkeit war nötig, wenn es um die Beziehung des „commoners“ Jonson zum hohen Adel ging. (Das ist ein Aspekt, dem ich weiter nachgehen möchte.)


Weitere Seiten über Ben Jonson:

Shakspere = Sogliardo?

Poet-Ape“

Ben Jonson. Timber


Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *