First Folio: Der Droeshout-Stich

Jeder hat es schon x-mal gesehen, dieses seltsame Kopf-Schulter-Portrait von „Shakespeare“ bzw. Shakspere. Es ist das wohl berühmteste Künstlerportrait der Welt.

Es ist leider ausgesprochen unattraktiv. Provozierend schlecht gemacht.

Der Kopf ist viel zu groß im Vergleich zum Körper darunter. Ein groteskes Missverhältnis.

Der auslandende steife weiße Kragen (oder was es sonst sein soll) stört.

Die Augen sind nicht auf gleicher Höhe. Sie sind auch etwas zu klein für die Gesamtfläche des Gesichts. Sie stehen zu nah beieinander.

Der Mund ist zu klein und sitzt zu weit rechts.

Die linke und die rechte Seite des Wamses passen nicht zusammen. Hier werden eine Hälfte der Vorderseite des Wamses und eine Hälfte des Rückseite gemeinsam frontal präsentiert. Die Ärmel links und rechts und die Stickereien links und rechts widersprechen sich.

Links hat der Kragen eine Stütze, rechts nicht.

Das Gesicht ist maskenhaft leblos. Man hat insgesamt den Eindruck einer Theatermaske und den eines Harlekins.

Die vielen sichtbar falschen bzw. irritierenden Details beschreibt John M. Rollett in Shahan/Waugh, Seite 113 – 125. Dort werden die Fehler auch bildlich dargestellt. (Ein ausgesprochen witziger Essay, übrigens.)

Wer war der – inkompetente? – Künstler? – Martin Droeshout Jr. wurde 1601 geboren, stand mit 21 am Anfang einer durchaus erfolgreichen Karriere als Kupferstecher.

Unwahrscheinlich, dass er den 1616 gestorbenen Shakspere gesehen hat. Vielleicht hatte er eine Portraitzeichnung von einem anderen als Vorlage. Vielleicht hatte er aber nicht einmal das. (Kam es den Herausgebern auf die Ähnlichkeit überhaupt an?)

Unwahrscheinlich, dass Droeshout aus Inkompetenz Schund produziert hat. Die Fehler müssen Absicht gewesen sein. (Jeder weiß, dass die Stickereien links und rechts sich entsprechen müssen. Ein Zeichner und Kupferstecher kennt das Verhältnis von Kopf und Körper. Etc.)

Das „Portrait“ ist in seinen Details dermaßen falsch, dass wir uns auch wundern, warum die Herausgeber dieses überaus edlen und teuren Werkes solchen Pfusch akzeptiert haben sollten. Wir müssen davon ausgehen, dass das Portrait durchaus genauen Vorgaben folgte und zur Zufriedenheit der Herausgeber geliefert wurde. Es sollte so aussehen.

Gibt es irgend ein vergleichbar missglücktes Portrait in der damaligen Buch- und Bildwelt Englands? – Man hat noch keins gefunden.

Ungewöhnlich ist auch, dass das Bild keinen Rahmen und keine Ornamente zeigt. Nicht zuletzt fehlt das Wappen des Gentleman Shakspere. Außerdem ist es viermal größer als die in Folios gegebenen Portraits sonst – eben deshalb bleibt kein Platz für die üblichen symbolischen Ornamente. Nicht zuletzt durch die besondere Größe des Portraits fallen die Fehler ins Auge.

Im First Folio kommentiert Ben Jonson dieses Portrait so:


This Figure, that thou here seest put
It was for gentle Shakespeare cut

… … … … Reader, look
Not on his picture, but his Booke.

Leser, wir haben diese Gestalt für (!) den edlen Shakespeare stechen lassen – schaut nicht auf sein Bild, schaut auf sein Buch! – Das bedeutet wohl: Ignoriert das Bild! (Denn das ist nicht wirklich der Autor!)

Die folgenden Verse könnten ebenfalls zweideutig gelesen werden:

O, cold he but have drawn his wit

As well in brass, as he hath hit

His face …

„hit“ kann gelesen werden als „hid“ = hidden:

Der Stecher hat das Gesicht des Autors verborgen.

Verbinden wir diese Hinweise mit der einmalig falschen Bekleidung und dem verzerrten Kopf, dann können wir feststellen: Wir werden hier witzig auf den Arm genommen:

Die Herausgeber zeigen uns mittels einer Art Karikatur, dass sie uns in Bezug auf den Autor täuschen.


Mein Partner hat auf der Titelseite unseres Internetbuchs die Portraits nebeneinander gestellt – und dabei eine Entdeckung gemacht: Oxford und der entstellte Droeshout-Shakespeare sind sich ähnlich: Man betrachte die Nase und die auffallende Kerbe der Oberlippe, die Augenbrauenbögen, die hohe Stirn! Bringt der Kupferstich die absichtsvoll verfremdetes Portrait des wahren Shakespeare?

Wie der Stratford-Shakespeare vielleicht ausgesehen hat, könnte uns Dugdales Zeichung vom ursprünglichen Monument in der Kirche zeigen: ganz anders. (Einmal angenommen, er habe sich im Halbdunkel der Kirche nicht beim Zeichnen vertan.)


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