First Folio: Hemminges und Condell

Das sind zwei Kollegen von Shakspere aus London, Schauspieler und Teilhaber.

Sie treten in zwei Briefen formal als die Editoren auf.

Wir nehmen allerdings an, dass Ben Jonson die Edition besorgt hat und der Autor dieser beiden Briefe war.

Beide Briefe entsprechen dem Stil und der Rhetorik von Ben Jonson. Textvergleiche belegen dies. Condell (1576-1627) und Hemminges (1566-1639) hätten professionelle Autoren sein müssen, um so schreiben zu können. (Was wir nicht ausschließen können, aber für eher unwahrscheinlich halten müssen.)

Als Editoren kommen die beiden also kaum in Frage. Es wäre das erste und einzige Mal, dass sie in diesem Metier gearbeitet hätten – und bei den Werken Shakespeares hat das Editieren hochqualifizierte Arbeit erfordert.

Die tausende von Differenzen zwischen dem Folio und den früheren Quarto-Ausgaben verraten riesige editorische Arbeit. Einge der Stücke wurden von existierenden Quartos aus gesetzt, revidiert, korrigiert.

Paul Edmondson in: Edmondson/Wells (ed): The Shakespeare Circle, S. 322

Hier fehlt eine Szene, da überschneiden sich zwei Möglichkeiten, andernorts bleibt etwas unvollständig oder widerspricht sich, mal steht etwas zwischen den Zeilen – soll es rein oder nicht, mal ist etwas ausgestrichen, aber es ist nicht klar, was dafür eingesetzt werden soll, und da liegt noch ein Blatt mit Text, der eingearbeitet werden könnte oder auch nicht, und diese spezielle Stelle könnte staats- oder familienpolitisch zu riskant sein, sollen wir sie vielleicht weglassen oder etwas umformulieren … und nimmt man jetzt hier das Wort aus dieser oder das Wort aus jener … Es kann zum Albtraum werden, wenn man kein Ben Jonson ist, kein Profi, der es schon mal gemacht hat.

Ben Jonson war der geeignete Mann – im Dienst von Pembroke, extra bezahlt von Pembroke und dem König.

(Natürlich ist das jetzt auch wieder nur eine Theorie. Wir wissen es eben nicht und überlegen uns, was real möglich war und welche der Möglichkeiten am plausibelsten zu sein scheint. Worüber man sich vernünftig streiten kann. Was aber nicht angeht, ist einfach festzustellen, Hemminges und Condell hätten die editorische Arbeit gemacht, denn sie werden dafür im First Folio genannt Dass bezüglich des Folio einiges nicht stimmt, lässt sich kaum leugnen.)

Der erste der beiden Briefe widmet das First Folio den Earls of Pembroke und Montgomery – in bizarren Worten, die (vielleicht nur für uns?) parodistisch übertrieben klingen.

Der zweite Brief zielt auf den Verkauf – ähnliche Beispiele findet man bei Ben Jonson.

Typisch Ben Jonson: Er beleidigt die Käufer – und lädt sie zugleich zum Kauf ein. Er nennt sie „the great variety of readers“ – damals und bei Ben Jonson negativ konnotiert – es gibt nur die eine gute Art des richtigen Lesers. Und nur die hat auch genug Geld, um das teure Buch (nach heutigem Wert: etwa der Monatsverdienst eines Handwerkers) zu kaufen.

Der zweite Brief widerspricht dem ersten: Im ersten ist das Unternehmen idealistisch motiviert, dem Autor zum ewigen Andenken sowie den beiden Grafen gewidmet. Im zweiten geht es um möglichst viel Geld.

Auf der Titelseite wird dem Käufer versprochen: „Published according to the True Orginall Copies„. Im Brief an die Leser heißt es hingegen, die Stücke seien „maimed and deformed“ gewesen und würden nun geheilt und perfekt angeboten – als Leistung der Herausgeber. Sind es also nun Originale oder verbesserte Kopien? Wir ertappen die beiden Autoren (bzw. Ben Jonson) bei einer Lüge.

Wir erfahren auch, dass der Autor seine Manuskripte in solcher Leichtigkeit verfasst habe, dass kaum ein Tintenfleck auf seinen Papieren zu finden sei. – Einmal abgesehen von der tintenfleckigen Unterschrift, die uns von Shakspere überliefert ist: Hat Shakespeare etwa seine Werke nicht immer wieder überarbeitet? Nicht ständig verbessert? (Es ist natürlich möglich, dass er wie Mozart gearbeitet hat. Die Musik wird im Kopf fertig komponiert und dann nur noch niedergeschrieben, rasch und fehlerfrei. Wir wissen aber, dass Shakespeares Werke frühere Fassungen hatten – also nicht, wie bei Mozart, schon in der ersten Version das Endprodukt waren.)

Der Autor, so stellen die beiden Schauspieler (bzw. Ben Jonson) fest, habe nicht die Gelegenheit gehabt, sein Werk selbst herauszugeben. – Aber Shakspere hat seine letzten fünf Jahre im Wohlstand und im Ruhestand zu Hause in Stratford verbracht. Er hatte genug Zeit und Geld, um sich bei der Arbeit etwa durch Kopisten helfen zu lassen. Wie schon früher – sein Werk und die Zukunft seines Werks hat ihn (wenn es denn sein Werk war) wenig interessiert. Seltsam, nicht wahr?

(Angeblich) Hemminges und Condell, die Schauspieler und Teilhaber der King’s Men, behaupten, die Manuskripte gesammelt und für die Herausgabe vorbereitet zu haben aus Bewunderung für den Autor. Es lag nicht unbedingt im finanziellen Interesse der Schauspielgesellschaft, dass solche Werke in Druck gingen. Immer wieder erfährt man, dass sie den Druck zu verhindern versucht haben – und oft auch verhindern konnten. Denn einmal im Druck waren die Texte allen Konkurrenten zugänglich. War es im oder gegen das Interesse der King’s Men, dass das First Folio auf den Markt kam? Jetzt konnte sich jede Theatertruppe gratis bedienen.

„… by death he departed from that right“ – nämlich von dem Recht, seine Werke selbst herauszugeben bzw. die Herausgabe zu überwachen und für originale Textversionen zu sorgen. – Das heißt, es gab durchaus das Recht des Autors, sein Werk selbst zu publizieren – das Recht lag nicht allein bei der Theatergesellschaft, die das Werk gekauft hat.

Wie kommen die beiden angeblichen Editoren zu den Werken, die bisher nie gespielt worden sind? Wenn die King’s Men sie früher bereits gekauft haben – warum haben sie sie nicht gespielt?

Außerdem: Viele Werke waren nicht (mehr) im Besitz der King’s Men, sondern im Besitz der Drucker und Quarto-Herausgeber. Wie kamen die Editoren dann zum Recht auf sie?

Resümee: Hier ist zu vieles zweideutig und fraglich – auch wenn sich vielleicht einige meiner Fragezeichen bei näherer Beschäftigung mit dem Thema noch erledigen sollten.


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