First Folio: Inschrift unter dem Monument

Es gibt also auch eine Inschrift unter dem Monument.

Sie ist schwach formuliert und fehlerhaft umgesetzt. Aus ihr wird niemand so recht schlau.

IUDICIO PYLIUM, GENIO SOCRATEM, ARTE MARONEM: TERRA TEGIT, POPVLVS MÆRET, OLYMPVS HABET.

STAY PASSENGER, WHY GOEST THOV BY SO FAST? READ IF THOV CANST, WHOM ENVIOVS DEATH HATH PLAST WITH IN THIS MONVMENT SHAKSPEARE: WITH WHOME, QVICK NATVRE DIDE: WHOSE NAME DOTH DECK YS TOMBE, FAR MORE THAN COST: SIEH ALL, YT HE HATH WRITT, LEAVES LIVING ART, BVT PAGE, TO SERVE HIS WITT.

Als Datum ist angegeben:

Obit and o 1616. Aetatis 53 Due 23 Ap

Der lateinische Teil lautet ungefähr: Die Urteilsfähigkeit von Nestor, das Genie von Sokrates, die Kunst von Vergil: Die Erde umschließt, die Menschen sorgen sich, Olympus besitzt.

Weder mit Nestor noch mit Sokrates noch mit Vergil hat Shakespeare viel gemein, eher mit Ovid.

Nestor und Sokrates sind keine Autoren.

Der Tote nennt sich nicht Shakespeare, sondern Shakspeare. Warum verwendet man nicht die für den Autor eingeführte Schreibweise bzw. den Autorennamen? Weil Shakspere in Stratford eben nur als Shakspere und nicht als Shakespeare bekannt war und vielleicht auch nicht als Autor Shakespeare bekannt sein wollte?

Und würde es sich nicht auch gehören, hier den Vornamen dazuzusetzen?

Auch sonst kann kaum jemand genug mit dem Text anfangen, weder die Stratfordianer noch ihre Gegner.

Einge Interpreten meinen allerdings, in der Inschrift doch einen Beleg dafür zu finden, dass Shakspere als Dichter geehrt wird. Immerhin steht da, er habe geschrieben und hinterlasse „lebende Kunst“.

Hier ist Diana Prices Vorschlag, wie man sich diese Inschrift vielleicht erklären kann:

Zunächst einmal: Sie macht Shakspere nicht als Autor der Werke Shakespeares kenntlich, nicht einmal als Dichter. Und die Inschrift ist sprachlich auf jeden Fall verunglückt.

Zweitens: Sie hätte auf dem geplanten, aber nicht realisierten Sarkophag stehen sollen. (Da haben die Nachkommen wohl gespart.) Auf dem Platz, auf dem sie nun steht, war nicht genug Raum für alle nötigen Informationen, wenn man sie dem vorgegebenen Text hätte hinzufügen wollen. Schon die Sterbedaten hat man nur mühsam anfügen können.

Der Text selber könnte – könnte! – tatsächlich von Shakspere stammen: Er passt zur öfters aufgespießten Anmaßung dieses Mannes, der glaubt, auch dichten zu können … und sich damit lächerlich macht.

Vergleicht man mit den Epitaph-Texten anderer Autoren, so hätte die Inschrift für Shakespeare lauten können:


Hier liegt William Shakespeare, unser großer Dramatiker.
Weder der Marmor noch das vergoldete Monument
Werden länger leben als sein machtvoller Vers.

Diana Price bringt eine schöne Reihe von Beispielen, wie man so etwas damals für andere formuliert hat.

Passt es nicht zu dem uns überlieferten Shake-scene-Charakter und zu „Sogliardo“, dass er Verse „schwulstet“, schließlich auch die für seinen Sarkophag „rausbombastiert“ – ganz wie Shakespeares Dogberry (in Much Ado About Nothing): Konstabler Dogberry legt allergrößten Wert darauf, gebildet zu erscheinen, gebildet zu sprechen, und was dabei herauskommt, ist unsinnig und lächerlich – so unsinnig und lächerlich wie dies hier in der Inschrift:

SIEH ALL, YT HE HATH WRITT, LEAVES LIVING ART, BVT PAGE, TO SERVE HIS WITT.

Wer schreibt solchen Schwachsinn? Ein von sich selbst eingenommener Angeber. Der hier auch noch so tut, als ob er am Werk des Autors mitgearbeitet hätte?

Ein tüchtiger und erfolgreicher und angesehener Geschäftsmann kann sich auf einem anderen Feld als Idiot erweisen.


Diana Price: Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2012. Seite 170 – 175


Die nicht „honigzüngige“ Inschrift auf dem Grabstein lautet:

Um Jesu Willen, Freund, lass du

Den hier verschloßnen Staub in Ruh;

Gesegnet sei, wer schont den Stein,

Verflucht, wer störet mein Gebein.

zit nach Sobran, S. 37

Ist das ein Werk von Shakspere, Stratford? Dazu würden die Knittelverse auf dem Grabstein seines Freundes, des hier offen als Wucherer angesprochenen John Combe passen:

Zehn auf Hundert fuhr nun in die Gruf;

Hundert zu eins, daß Gott ihn nicht ruft.

Wenn jemand fragt, wer ruhet nun hier,

Spricht der Teufel: „John Combe, und der gehört mir.“

dito, S. 37f

Verse von Shakspere, Stratford? – Wir hätten dann wirklich „Stratfords vortrefflichsten Dichter“ vor uns, meint – grinsend – Joseph Sobran.

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