Contra 7: First Folio

In der First-Folio-Debatte haben auch die Stratfordianer einige starke Punkte auf ihrer Seite. Der Verweis auf den Mann aus Stratford als Autor ist ernst zu nehmen. Aber dann müssen Sie den Droeshout-Stiches verdauen – der macht sprachlos. Und es gibt einige weitere, verstecktere Ungereimtheiten.


Mit dem First Folio behaupten die Herausgeber – 1623, also sieben Jahre nach Shaksperes Tod, dass der Schauspieler, Theaterunternehmer und Geschäftsmann William Shakspere aus Stratford-upon-Avon der Autor der Werke ist, die unter dem Namen Shakespeare veröffentlicht worden sind.

900 große Seiten umfasst das First Folio – die erste Gesamtausgabe nicht der Werke, sondern nur der 36 Theaterstücke Shakespeares (auch ohne Pericles, der im Second Folio nachgeliefert werden wird). Dazu kommen ein Kupferstich-Portrait des (angeblichen) Autors mit einem Begleitgedicht von Ben Jonson, eine Widmung durch die angeblichen Herausgeber (die beiden Schauspieler), ein längeres Preisgedicht von Ben Jonson sowie das Gedicht von Leonard Digges über das Moniment.

Auffallend ist, dass die Sonette und ebenso die beiden Versepen fehlen – letztere gelten damals für Shakespeares größte Leistung. Die Entscheidung, Sonette und Versepen auszuschließen, kann nur bedeuten: Der Earl of Southampton, dem sie gewidmet sind, lässt ihre Veröffentlichung im First Folio nicht zu. Er ist längst nicht mehr der feminine „schöne Jüngling“, sondern ein mächtiger und kriegerischer und bärtiger Vollblut-Politiker.

Ich selber halte es für besonders bemerkenswert, dass Shaksperes Wappen nicht mitgedruckt wird.

Das stärkste Indiz, dass etwas nicht stimmt, ist der unmögliche Portrait-Stich. Schauen Sie ihn sich genau an – es ist so ziemlich alles falsch daran, und zwar so, dass man die Absicht merkt.

Das First Folio ist ein teures und ehrgeiziges Unternehmen, ermöglicht und vielleicht auch vorfinanziert von den Herbert-Brüdern, dem Earl of Pembroke und dem Earl of Montgomery (dem Ehemann einer Tochter von Edward de Vere, Earl of Oxford).

Die editorische Arbeit wird, so nehmen viele an, in der Hand von Ben Jonson liegen, dem damals bedeutendsten Dichter Englands. Andere glauben der Aussage, die Hemminges und Condell in den Mund gelegt wird: Die zwei Theaterkollegen hätten die Sache in die Hand genommen, im Gedenken an ihren großen Freund.

Ist im First Folio die Zuschreibung des Werks an Shakspere aus Stratford eindeutig?

Auch wenn viele sagen: Da steht Shakespeare drauf, also ist Shakespeare drin – das First Folio ist nicht eindeutig in seiner Feststellung, wer der Autor ist. Die Hinweise darauf, dass es sich um ein Täuschungsmanöver handelt, sind nicht zu übersehen. Es gibt einige deutliche Hinweise auf den Stratforder – und einige mindestens ebenso deutliche Hinweise, dass der nicht der Autor ist, d. h. dass der wirkliche Autor ein Mann von hohem Standesrang ist.

Plausibel ist die Theorie, der Grund für das Fehlen der Lyrik (Sonette, Versepen) und ein Grund für das Verbergen des wahren Autors liege in den Interessen des Earl of Southampton – der als mächtiger, kriegerischer Graf mit seiner peinlichen Jugendsünde nichts mehr zu tun haben will und erfolgreich darauf besteht, dass jeder mögliche Shakespeare/Oxford-Bezug bei der Herausgabe des First Folio vermieden wird.

Wir verdanken es diesem First Folio, dass uns (vermutlich) fast alle Shakespeare-Werke überliefert worden sind, die meisten sogar in relativ zuverlässigem Zustand. Einige erhalten wir hier zum ersten Mal im Druck – wir würden sie sonst nur vom Titel her kennen – oder gar nicht, denn einige sind vermutlich vorher nie aufgeführt worden.

Quantitativ: Wir kwir wissen von ca. 3.000 Theaterstücken aus der Zeit 1550 – 1642, also bis zum Verbot des Theaterbetriebs durch die Puritaner. Davon sind nur 230 erhalten. Von diesen wiederum stammen (mindestens) 37 ganz oder (in einigen wenigen Fällen) teilweise von Shakespeare. Das sind immerhin fast 15%. Dank dem First Folio. Etwa die Hälfte von ihnen wären ganz verloren gewesen, viele andere nur in problematischeren Fassungen erhalten.

Im Falle von Ben Jonson liegt das Überleben von fast allen seinen Werken an dessen eigener Aktivität. Im Falle Shakespeare liegt die Sache seltsam. Der Autor scheint (von den beiden Versepen und eventuell von einigen guten Quartos 1598-1604 abgesehen) keinerlei Wert auf das Überleben seiner Werke gelegt zu haben. Obwohl er in seinen Sonetten davon spricht, seine Kunst werde länger überdauern als Marmor (und dies, ohne dass dabei der Name des Schöpfers bekannt werde).


Dem Kapitel liegen im wesentlichen folgende drei Bücher zugrunde:

Diana Price: Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2012. Seiten 161 – 200

John M. Shahan / Alexander Waugh: Shakespeare Beyond Doubt? – Shakespeare Authorship Coalition. 2016. Seiten 112 – 151

Joseph Sobran: Alias Shakespeare. Solving the Greatest Literary Mystery of All Time. 1997. Simon & Schuster

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