Geschichte der Autorschaftsfrage

Baustelle.

Hier zunächst nur ein knapper Überblick.

Phase 1: bis 1623

Es sieht so aus, als ob niemand angenommen hat, das Werk, das unter dem Namen Shakespeare bekannt war, wäre dem Schauspieler und Theaterunternehmer aus Stratford-upon-Avon zuzuschreiben. Teils interessiert man sich nicht für den Autor, teils akzeptiert und respektiert man das Pseudonym, wohl auch unter dem Gesichtspunkt der Machtfrage. Hier stehen die Interessen der Monarchie und der hohen Aristokratie (zumindest einiger politisch mächtiger Familien) auf dem Spiel. Dass sich Pseudonym und William Shakspere aus Stratford parallel setzen lassen, nützt der Strategie des Verbergens.

Phase 2: 1623 – 1660

Mit dem First Folio wird das Werk Shakespeares für die Nachwelt gerettet – und das Pseudonym Shakespeare mit dem Mann aus Stratford verbunden. Die englische Welt ist allerdings dezidiert theaterfeindlich geworden. Theater wird fast nur noch geschätzt am verkommenen Hof und bei einigen verschwenderischen Aristokraten. Die Hofwelt wird von den immer puritanischer werdenden Bürgern Englands im Bürgerkrieg bekämpft und entmachtet. Theater ist Sünde und wird 1642 in aller Form verboten. Es ist in nach Shaksperes Tod keine Ehre für Stratford, die Stadt des Schöpfers von bühnenwirksam publikumsverführenden Theaterstücken zu sein. Nur wenige erinnern sich noch an den eigentlichen Autor oder an den Geschäftsmann. Ein Antiquar, der ausführlich und zuverlässig über Stratford berichtet, erwähnt Shakspere und zeichnet das Monument in der Kirche (einen schnurrbärtigen Mann mit den Händen auf einem Sack). John Benson gibt 1640 die Sonette heraus – und setzt Fragezeichen. Offensichtlich bezweifelt er, dass der Autor der Mann aus Stratford war. Das Portrait von Shakespeare lässt er auffallend ändern: Shakespeare erscheint jetzt bildlich als Aristokrat.

Phase 3: 1660 – 1720

Restauration. Come-back des Theaters. Dem First Folio folgt ein Second Folio, jetzt sogar mit dem attraktiven Stück Pericles. Einige Shakespeare-Stücke kommen auf die Bühne, wüst verunstaltet, dem Zeitgeschmack angepasst. Auch die Sonette gibt es wieder, in verfälschter Version. Man fängt an, sich zu fragen: Wer war dieser Shakespeare? Ein Klatsch-Sammler, Aubrey, lässt sich ein Dutzend Bären aufbinden – denn was gibt es schon über den Kaufmann aus Stratford zu berichten, mehr als zwei Generationen danach? Und was über den im Dunkel der Geschichte verschwundenen Autor? Eine erste, schwache Biographie über „Shakespeare“ erscheint 1709. Das Monument in der Kirche von Stratford wird jetzt endlich mit Feder und Papier ausgestattet, damit es passt. Die ersten Shakespeare-Pilger besuchen die Stätte des Barden.

Phase 4: 1720 – 1770

Mitte des Jahrhunderts beginnt die Begeisterung für Shakespeare, der Autor wird zum Idol der englisch-imperialen Kultur. Das Theatergenie Garrick sorgt für wirkungsvolle und einigermaßen zuverlässige Aufführungen von Theaterstücken. Stratford mit seinem Barden wird zur Pilgerstätte. Der aktuelle Besitzer von New Place ist darüber so erbittert, dass er den Shakespeare-Baum fällt. Wofür man ihn aus der Stadt vertreibt.

Phase 5: 1770 – 1830

Mit Malone und Steevens beginnt die wissenschaftliche Beschäftigung. Das Werk wird genau untersucht, vernünftig editiert, die Sonette erscheinen in ihrer originalen Fassung, der Blick auf die Biographie wird kritisch. Wer war dieser Mann? Man sucht und sucht und sucht Dokumente – und findet – fast ausschließlich aufs Geschäftliche bezogene Dokumente. Es ist zum Verzweifeln. Die Zeit ist romantisch gesinnt – man braucht einen Shakespeare, der sich romantisch anbeten lässt – und findet einen biederen Geschäftsmann. So geht das nicht. An die Seite der nüchternen, verantwortungsbewussten Wissenschaftler (wie Malone) treten die Fälscher, die ein Dokument nach dem andern herbeizaubern und der begeisterten Welt vorlegen, die den hilfreichen Manipulatoren jeden Hinweis auf einen lebendigen, interessanten Shakespeare aus Stratford abnimmt.

Phase 6: 1830 – 1920

In Stratford blüht die Shakespeare-Wirtschaft. Den sittsamen Viktorianern macht Shakespeare zwar einige moralische Probleme. Diese unmöglichen Sonette vor allem. Aber das hält sie nicht ab, den Großen Barden aus dem Kleinen Stratford zum irdischen Gott ihrer Imperialen Kultur zu machen. – Wie ein Blitz fährt unter sie die durchaus begründete Behauptung von Delia Bacon (und einigen Nachfolgern), nicht der Mann aus Stratford sei der Autor, sondern Francis Bacon: zwei bedenkenswerte Gedanken. Zum Glück für die Stratfordianer ist es für eine Frau in dieser exzessiv patriachalischen Zeit schwierig, auf Männergebiet begabt und ehrgeizig zu sein und zugleich gesund zu bleiben. Delia Bacon endet im Irrenhaus. Aber der böse Geist des Zweifels ist aus der Flasche. Emerson, Walt Whitman, Mark Twain, Henry James, Sigmund Freud und andere werden zu Zweiflern. Werk und Biographie passen im Falle William Shakspere aus Stratford nicht zusammen, so stellen sie übereinstimmend fest. Ergo ergibt sich ein vernünftiger Grund zum Zweifel. Ergo muss man sich nach anderen Kandidaten umsehen.

Phase 7: 1920 – 1990

George Looney hat die geniale Idee, die Frage nach der Autorschaft nicht nur offen zu halten, sondern einen Kriterienkatalog aus dem Werk abzuleiten: Wie müsste die Person, wie müsste ihr Leben gewesen sein, um zum Werk zu passen? Er geht alle möglichen Kandidaten durch und entdeckt: Edward de Vere, 17th Earl of Oxford ist der Kandidat, der weitaus am besten passt. Das Ehepaar Ogden verfasst bald darauf ein fulminantes Oxford-Buch: This Star of England.

Sigmund Freud macht sich stark für das Buch von Looney. Charlie Chaplin, Orson Welles, Sir John Gielgud u. a. bekennen sich zu ihren Zweifeln an dem Mann aus Stratford.

Wie reagiert die Stratford-Community auf die Baconianer und Oxfordianer (zu denen sich 1953 die Marlowianer hinzugesellen)? – Man blockt ab. Konzentriert sich auf die (unvermeidlichen) Schwächen dieser nicht-akademischen Literatur-Laien und macht sie nach Möglichkeit lächerlich.

Mit Chambers vor allem und eine Generation später mit Schoenbaum bauen die Stratfordianer – ohne einen ernst nehmenden Seitenblick auf die Zweifler zu werfen – ihre wissenschaftliche Position durchaus kompetent aus. Die Autorschaftsfrage wird weier ignoriert, wird tabuisiert, geistert als blinder Fleck durch die Bücher der stratfordianischen Akademiker.

Die Opposition der Zweifler erlebt eine lange Zeit der Flaute.

Phase 8: 1990 – heute

Das Internet und die generell grassierende Experten-InFrageStellung schaffen neue Möglichkeiten, sich gegen die (in der Autorenfrage) dogmatisch schlummernden Anglisten bzw. gegen ihr abfälliges Nebenbei-Urteil zu wehren und sich auf eigene, auf Laienfaust an die von den Profis methodisch verweigerte Forschungsarbeit zu machen.

Diese Opposition – wie es sich gehört: bunt zusammengesetzt, uneinig in fast allem – gewinnt an Fahrt, bringt immer mehr seriöse Beiträge hervor, sammelt immer mehr Zweifler um sich, die sich nicht als Deppen, Verrückte, Perverse, Verschwörungs-Irrre abqualifizieren lassen.

Langsam, langsam merken die Stratfordianer, dass sie vielleicht doch mal einen Versuch machen müssen, auf die anschwellende Kritik anders zu antworten als nur mit beleidigenden Abwimmelungen. Shapiro, Kathman, Edmondson und Wells bemühen sich. Ihr Ton bleibt beleidigend, die Attacken tendieren immer noch zum Angriff auf die Person und zum Stöhnen über die dumme Unbelehrbarkeit der Zweifler. (Ich empfehle, die Stratfordianischen Verteidigungen zu lesen – und mit den Darstellungen der Kritiker zu vergleichen.)

Noch hält das Tabu, noch funktioniert der Blinde Fleck, noch steht die Mauer der Abwehr – dieses nun fast schon verzweifelte Dogma, es gebe keinen, aber auch gar keinen Zweifel an der Verfasserschaft des William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon.

Wie lange wird die Mauer noch halten?

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