Grammar School & University

Es gab eine in Stratford-upon-Avon, wie in jeder vergleichbaren Kleinstadt. Was wissen wir über sie? (Dazu gibt es die grammar school Seite.)

Für die Stratfordianer ist es wesentlich, dass ihr Shakespeare hier, an der Lateinschule, das meiste von dem, was er später an Latein und klassischer Bildung bewiesen hat, eben in dieser Landschule lernen konnte.

Die Lateinschulen wurden seinerzeit nicht unbedingt als Brutstätten guter Bildung angesehen. Das kann und darf nicht stimmen, meinen die Shakespeare-Biographen. Shakespeare selbst ist der Beweis. Zumindest die Lateinschule von Stratford muss eine Superschule gewesen sein. Glänzendes Latein, profunde Bildung entlang von Cicero, Ovid, Vergil, Seneca, Cato, Terenz … auch der Bibel. Wozu brauchte er da noch eine Universität?

Die verdirbt ohnehin nur den Geist mit ihrem formalisierten Lehrwesen, dem ewigen Auswendiglernen, den sterilen Debatten … Grammar School war ein Segen, die Universität wäre ein Schaden gewesen für dieses Naturgenie Shakespeare.

Wie kommen die Biographen des Barden zu solch einer Einschätzung? – Sie kommen dazu, weil sie sie brauchen. Weil sie nicht erklären können, wie ihr Held zu seiner hohen Bildung gekommen sein könnte.

Denn an der Uni war er definitiv nicht.

(Fast alle anderen großen und freien Geister sind an den Universitäten eher nicht verdorben worden; sie haben die relative Freiheit dort und die Möglichkeiten, miteinander zu lernen und zu debattieren und die Bibliothek zu besuchen, erfolgreich genutzt. Sind sie aber vielleicht deshalb keine Shakespeares geworden?)

Hat William überhaupt die Lateinschule besucht? Und wie lange? – Wir wissen es nicht. Wir können aber aus dem völligen Fehlen von Schriftlichem aus seiner Feder bzw. den zweifelhaften Unterschriften, aus der Sprache des Testaments und dem Fehlen von Hinweisen auf irgend etwas, das mit Bildung zu tun hat, sowohl im Testament als auch sonst in seinem bürgerlichen Leben, schließen, dass es nicht allzu lange gewesen sein kann.

Sein Vater wird ihn, sobald ihn die wirtschaftliche Krise ergriffen hat, zur Arbeit in die Firma gesteckt haben. Und da war er dann bis ca. 1588 – in diesem Jahr wird er noch in Stratford genannt (Ein Prozess wegen einer Hypothek findet statt, und William wird zusammen mit Vater und Mutter erwähnt.)

Wie steht es mit „Shakeshaft“ und dem Houghton-Testament? Und der Aubrey-Anekdote von ca. 1680, der junge Shakespeare sei in jüngeren Jahren Schulmeister in der Provinz gewesen? – Zweimal nichts ergibt eine Million: Aubreys Klatschgeschichten zählen nicht, und Shakeshafte ist nicht Shakespeare, und Shakeshaft wird in dem Testament nicht als Schulmeister genannt. Es ist eine reine Phantasiegeschichte – die sich dann in den meisten Biographien findet, manchmal breit ausgewalzt wie bei Ackroyd.

William war die gesamte Zeit zu Hause in Stratford und hat im väterlichen Unternehmen gearbeitet, bis er 1588 oder ein Jahr später nach London gegangen ist – oder nach London geschickt worden ist.

Eine Bildungsgeschichte, die zum breiten, tiefen und lebendigen Wissen des Autors Shakespeare hätte führen können, ist nicht zu erkennen.

Der Punkt ist nicht, dass ein Mann aus bildungsfernen Verhältnissen keine prächtige Bildungskarriere machen könnte, sondern dass man eine solche im Falle Shakspere nicht erkennen kann.


Im Falle von außergewöhnlichen Begabungen beginnt die Prägung in der früheren Kindheit. Ich denke an Mozart in der Musik. Aber auch in Nicht-Wunderkind-Fällen lassen sich frühe intensive Lernerfahrungen und Bildungseindrücke erkennen.

Shakespeare war ein Sprachgenie. Wie ist er dazu geworden – wenn er denn der Mann aus Stratford war?

Man müsste annehmen, dass zum Beispiel seine Großeltern oder Eltern wunderbar und wortschatzreich erzählt haben. Früh müsste er nach Büchern gegriffen haben, vielleicht denen, die ein gebildeter Stratforder oder ein Lateinschul-Leiter ihm zur Verfügung gestellt hat. (Bei Marlowe war es so.)

Über das Sprachniveau in Williams Umgebung als Kind wissen wir nichts. Die Biographen Shakespeares gehen nicht darauf ein oder wissen nicht, dass eine solchermaßen anregende Kindheit Voraussetzung für das Entwickeln allerhöchster Qualität ist.


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