Grammar School & University

Es gab eine in Stratford-upon-Avon, wie in jeder vergleichbaren Kleinstadt. Was wissen wir über sie? (Dazu gibt es die grammar school Seite.)

Für die Stratfordianer ist es wesentlich, dass ihr Shakespeare hier, an der Lateinschule, das meiste von dem, was er später an Latein und klassischer Bildung bewiesen hat, eben in dieser Landschule lernen konnte.

Betrachtet man das Ideal-Programm der grammar school, dann war sie ein Bildungswunder. In einigen der Pro-Stratford-Darstellungen wird sie über viele Seiten hinweg als solches gepriesen. So gut wie die vollständige klassische Bildung (außer dem griechisch-sprachigen Teil) sei dort geboten worden, in Theorie und Praxis. Alles, was Shakespeare in seinen Werken an klassischer Bildung vorzuweisen hat, habe er dort gewinnen können.

(Die Lateinschulen wurden allerdings seinerzeit nicht unbedingt als Brutstätten guter Bildung angesehen. Es gab viel Kritik an ihrer Leistung.- Das wäre zu prüfen.)

Allerdings: Die Lateinschule hat nur die Anfänge der Rhetorik gelehrt. Der Autor Shakespeare erweist sich aber als einer, der das volle Rhetorik-Programm gelernt und so vollständig verinnerlicht hat, dass er es mühelos jederzeit zur Verfügung hat. Die Feinheiten der Rhetorik in allen ihren ca. 150 Raffinessen erlernt man aber an der Universität. (Man hat gezeigt, dass der Autor über so gut wie alle Varianten der Rhetorik professionell verfügt. Die grammar school war im Rahmen des Triviums nur für Latein zuständig, kaum für Rhetorik und Logik.)

Wie steht es mit dem Zugang zu Büchern an der grammar school von Stratford? Welche standen im Regal? Welche hatte der Lehrer privat? Wie kamen die Schüler an diese Bücher ran? An welche? – Wir haben keine Ahnung. Aber soviel meine ich sagen zu dürfen: Freien Zugang zu einer Klassikerbibliothek gab es eher nicht.

Wie dem auch sei, Shakespeare selbst sei der Beweis, dass das grammar-school-Ideal gelegentlich realisiert werden konnte. Zumindest die Lateinschule von Stratford muss eine Superschule gewesen sein. Glänzendes Latein (von wegen

small latin, wie Ben Jonson neckisch behauptet), profunde Bildung entlang von Cicero, Ovid, Vergil, Horaz, Seneca, Cato, Terenz … auch der Bibel. Wozu brauchte er da noch eine Universität?

Einige gehen noch weiter: Die Universität verderbe ohnehin nur den Geist mit ihrem formalisierten Lehrwesen, dem ewigen Auswendiglernen, den sterilen Debatten … Grammar School sei ein Segen, die Universität wäre ein Schaden gewesen für dieses Naturgenie Shakespeare.

Wie kommen die Biographen des Barden zu solchen Einschätzungen? – Sie kommen dazu, weil sie sie brauchen. Weil sie anders nicht erklären können, wie ihr Held zu seiner hohen Bildung gekommen sein könnte.

Denn an der Uni war er definitiv nicht. Einen Mentor und Zugang zu einer größeren Bibliothek hatte er wohl auch nicht – wir würden es wohl wissen, hätte er solche Möglichkeiten gehabt.

(Apropos Uni: Fast alle anderen großen und freien Geister sind an den Universitäten eher nicht verdorben worden; sie haben die relative Freiheit dort und die Möglichkeiten, miteinander zu lernen und zu debattieren und die Bibliothek zu besuchen, erfolgreich genutzt. Sind sie aber vielleicht deshalb keine Shakespeares geworden?)

Aber bitte, gestehen wir der grammar school ihre Großartigkeit einmal zu.

Hat William überhaupt die Lateinschule besucht? Und wie lange? – Wir wissen es nicht. Wir können aber aus dem völligen Fehlen von Schriftlichem aus seiner Feder bzw. den zweifelhaften Unterschriften, aus der Sprache des Testaments und dem Fehlen von Hinweisen auf irgend etwas, das mit Bildung zu tun hat, sowohl im Testament als auch sonst in seinem bürgerlichen Leben, schließen, dass es nicht allzu lange gewesen sein kann.

Frühestens 1571 – mit 7 – könnte er die grammar school begonnen haben. Dann wäre er damit bis 1578 fertig gewesen, im Klassischen voll ausgebildet (- angeblich). Ist es wahrscheinlich, dass er schon mit 7 begonnen hat? (Keine Ahnung. Ich habe keine zuverlässigen Informationen darüber, wann genau die Boys in der Regel mit der Lateinschule begonnen haben.)

1575 gerät der Vater in die wirtschaftliche Krise. Jetzt braucht er seinen Sohn als billige Arbeitskraft.

Jetzt ist es aus mit der Klassik. Die Realität des Arbeitsalltags bestimmt Will Shaksperes Leben in den kommenden bildungsprägenden Jahren. Bleibt jetzt Zeit für Bücher? Für das Bewahren und Weiterentwickeln des Gelernten? Woher die Bücher nehmen? Einen Mentor, der sie liefern und der die nötige Orientierung geben kann, taucht im Umfeld von Stratford auch nicht auf. (Wie anders das doch bei Ben Jonson und Christopher Marlowe ist, die ebenfalls aus eher bildungsfernen Handwerkerverhältnissen kommen, aber das Glück haben, von einem Mentor entdeckt und gefördert zu werden – und frühzeitig Zugang zur Welt der Bücher zu bekommen.)

Also, beachten wir: Genies fallen nicht vom Himmel. Sie wachsen unter günstigen Bedingungen. Ein guter Fußballer mag ausnahmsweise mal erst mit 15 angefangen haben, Fußball zu spielen – aber nicht ein Messi, Maradona, Ronaldo. Genialität entwickelt sich dank fördernder Bedingungen. Nehmen wir zugunsten von Stratford an, dass die örtliche grammar school für fünf Jahre solche genie-befördernde Wirkung gehabt habe – was bleibt mit der Zeit davor und danach? Wenn Shakspere von 7 bis 12 in der Lateinschule war, was hat er dann für seine Bildung im Alter von 13 bis 25 tun können?

In der Stratforder Arbeitswelt war er wohl bis 1588 – in diesem Jahr wird er noch in Stratford genannt (Ein Prozess wegen einer Hypothek fand statt, und William wird zusammen mit Vater und Mutter erwähnt.)

Wie steht es mit „Shakeshaft“ und dem Houghton-Testament? Und der Aubrey-Anekdote von ca. 1680, der junge Shakespeare sei in jüngeren Jahren Schulmeister in der Provinz gewesen? – Zweimal nichts ergibt eine Million: Aubreys Klatschgeschichten zählen nicht, und Shakeshafte ist nicht Shakespeare, und Shakeshaft wird in dem Testament nicht als Schulmeister genannt. Es ist eine reine Phantasiegeschichte – die sich dann in den meisten Biographien findet, manchmal breit ausgewalzt wie bei Ackroyd.

William war die gesamte Zeit zu Hause in Stratford und hat im väterlichen Unternehmen gearbeitet, bis er 1588 oder ein Jahr später oder früher nach London gegangen ist – oder nach London geschickt worden ist. Auch da ging es dann ums Arbeiten, Geldverdienen, weniger um das Erwerben von weiterer Bildung.

Eine Bildungsgeschichte, die zum breiten, tiefen und lebendigen Wissen des Autors Shakespeare hätte führen können, ist insgesamt nicht zu erkennen.

Der Punkt ist nicht, dass ein Mann aus bildungsfernen Verhältnissen keine prächtige Bildungskarriere machen könnte, sondern dass man eine solche im Falle Shakspere nicht erkennen kann. Und dies wiederum ist zu sehen im Zusammenhang mit dem weiteren Gang der Biographie bis hin zur Sprache des von Shakspere diktierten Testaments.


Anmerkung 1

Im Falle von außergewöhnlichen Begabungen beginnt die Prägung in der früheren Kindheit. Ich denke an Mozart in der Musik. Aber auch in Nicht-Wunderkind-Fällen lassen sich frühe intensive Lernerfahrungen und Bildungseindrücke erkennen.

Shakespeare war ein Sprachgenie. Wie ist er dazu geworden – wenn er denn der Mann aus Stratford war?

Man müsste annehmen, dass zum Beispiel seine Großeltern oder Eltern wunderbar und wortschatzreich erzählt haben. Früh müsste er nach Büchern gegriffen haben, vielleicht denen, die ein gebildeter Stratforder oder ein Lateinschul-Leiter ihm zur Verfügung gestellt hat. (Bei Marlowe war es so.)

Über das Sprachniveau in Williams Umgebung als Kind wissen wir nichts. Die Biographen Shakespeares gehen nicht darauf ein oder wissen nicht, dass eine solchermaßen anregende Kindheit Voraussetzung für das Entwickeln allerhöchster Qualität ist.

Anmerkung 2

Nehmen wir einmal an, Will Shakspere wäre ein toller Schüler der grammar school gewesen, hätte glänzend auch die fünfte Jahrgangsstufe 1575/1576 absolviert. Was nun? Was tut er für seine Bildung die folgenden Jahre, zunächst einmal bis zur Heirat mit 18 (1582), dann bis zum Beginn der Arbeit in London (ca. 1588, da ist er 24), dann bis zum ersten wirtschaftlichen Erfolg, den zu bekommen ihm sicherlich eher merkantile Betätigigung als Bildungserwerb möglich gemacht hat?

Stellen wir uns den ab 1576 in der Firma des Vaters beschäftigten Knaben Will vor. Wieviel Zeit bleibt ihm fürs Lesen? Wie bekommt er Lesestoff? Er ist 13, 14, 15, 16, 17, 18 Jahre alt … Sicher würde es den Vater ärgern und den Stratforder Bürgern auffallen, wenn er bildungsbesessen nach Büchern jagt und sich jede freie Minute zum Studieren hinsetzt und zu Schreibversuchen, zum Verfassen erster jugendlicher Werke. So etwas fällt in einer Kleinstadt auf. Macht der Junge das ganz allein? Ohne einen Mentor? Ohne Freunde, die damit etwas anfangen können?

Marlowe, so habe ich bei Honan gelesen, hatte das Glück, durch einen Mentor Zugang sogar zum nicht-jugendfreien Teil der Privatbibliothek zu bekommen. Wir können uns vorstellen, wie der Gelehrte in Canterbury dem jungen Genie auch für Gespräche und Orientierung zur Verfügung stand. Geht ein jugendlicher Bildungsgang bis hin zum Literaturgenie ohne solche Mentoren und ohne solch frühen Zugang zur Welt der Bücher?

Anmerkung 3

Gibt es in Shakespeares Werk auch nur ein einziges Mal eine Figur, die sich autodidaktisch oder sonstwie von unten nach oben arbeitet? Die etwa als bildungsbessener Jüngling ihren Weg zur hohen Bildung geht?

Ich sehe nur das Gegenteil: Shakespeare macht sich lustig über die Bildungsambitionen der Handwerker in Midsummernight’s Dream, über Dogberrys Bemühung um eine gebildete Sprache in Much Ado About Nothing, in Malvolios lächerliche Ambition, die sozial hoch über ihn gestellte Olivia in The Twelfth Night

Der Shakespeare der Werke hält nichts von Aufsteigern. Aber viel von denen, die da bleiben, wo sie hingehören. Er ist Aristokrat und verteidigt die für ihn natürliche Standesordnung gegen die aufmüpfige Bürgerwelt.

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *