Handschuhmacher

Der Vater war professioneller Handschuhmacher. Sein Sohn William wird dieses Handwerk bei ihm gelernt haben. (Frage: Wohl nicht in den angeblich sieben Jahren, in denen der Junge den ganzen Tag in der Grammar School sitzen musste. Also wohl danach – ca. ab 1580?)

Greenblatt (in Will in der Welt) schlägt den Bogen zum Werk:

Handschuh, Häute und Leder kommen in den Stücken oft vor, und zwar so, daß sich darin offenbar eine ungezwungene Vertrautheit mit diesem Gewerbe widerspiegelt.

Romeo sehnt sich danach, ein Handschuh an Julias Hand zu sein, damit er ihre Wange berühren kann.

Der Hausierer im Wintermärchen hat Handschuhe im Gepäck, die „süß wie Damaszener Rosen“ duften.

„Wird nicht Pergament aus Schafsfellen gemacht?“ fragt Hamlet, und Horatio antwortet: „Ja, mein Prinz, und aus Kalbsfellen auch.“

Der Kerkermeister in der Komödie der Irrungen trägt eine Uniform aus Kalbsfell und sieht „wie eine Baßgeige in seinem ledernen Futteral“ aus.

Petruchio in Der Widerspenstigen Zähmung hat einen Zügel, der aus Schafsleder gemacht ist;

der Flickschuster in Julius Cäsar besohlt Schuhe, die aus Rindsleder hergestellt sind;

Kesselflicker tragen nach Angaben im Wintermärchen Taschen aus Schweinsleder.

Als Shakespeare im Sommernachtstraum die phantastische Welt der Elfen vor Augen führen wollte, spielter er mit Miniaturversionen dieses Gewerbes: die von der Schlange abgelegte „bunte Haut“ ist „ein weit Gewand für eines Elfen Glieder“, und das Gefolge der Elfenkönigin „führt mit Fledermäusen Krieg, / Bringt ihrer Flügel Bald als Beute heim, / Den kleinen Elfen Röcke draus zu machen“.

„Eine Redensart ist nur ein lederner Handschuh für einen witzigen Kopf: wie geschwind kann man die verkehrte Seite herauswenden!“ witzelt der Narr in Was ihr wollt, als er sich über die Leichtigkeit ausläßt, mit der man Sprache verdrehen kann.

Wenn der kleine Will seinem Vater im Handschuhmacherladen half, dann nahm er zweifellos die Qualitäten von gutem Ziegenleder wahr, das wegen seiner Elastizität und Biegsamkeit geschätzt wurde, und sie machen großen Eindruck auf ihn:

„O, dies hier ist ein Witz aus Ziegenleder“, sagt Mercutio scherzend zu Romeo, „der sich von einem Zoll bis zu einer Elle ausdehnen läßt“.

In Heinrich VIII wird der zögernden Anne Boleyn im Hinblick auf die Gaben des Königs gesagt, sie „fänden doch wohl Raum / In Eurem saffian-zärtlichen Gewissen, / Wenn Ihr’s nur dehnen wolltet!“

Eine stolze Liste … und doch, wenn man einmal berücksichtigt, wie wichtig Lederwaren damals für diejenigen waren, die sie sich leisten konnten, ist das alles eher Allgemeinwissen. Und es ist fast alles aus der Perspektive des Kunden, des Nutzers, des Verbrauchers gesagt, nicht aus der des Produzenten. – Ich kann hier keinen Handschuhmacher erkennen.

Was die Häufigkeit angeht: Wie häufig wird Kleidung genau beschrieben, auch bezüglich ihres Materials und ihrer Herstellung? Dies nur als Beispiel. Nach der Methode Greenblatt könnte man den Autor auch als Uhrmachersohn, als Seemanssohn, als Sohn eines Hirten etc. beschreiben.

Demgegenüber können wir fragen, wie Shakspere zu dem Insider-Wissen bezüglich der aristokratischen Jagd kommt. Da geht es wirklich um Feinheiten, die nur der kennt, der dabei war.

Was die juristische Kompetenz angeht, so könnte man ein Buch mit 1000 Seiten füllen, wenn man alle Beispiele aufzählen und erläutern wollte. Da haben wir es mit wirklichem und hochkomplexem Insider-Wissen zu tun, das demAutor souverän präsent ist als einem, der durch und durch juristisch denkt.

Und etwas fehlt völlig: Shakespeare schreibt so gut wie nichts übers Geldverdienen, über bürgerliches Geschäftemachen. Dabei steht das doch im Zentrum der Tätigkeit sowohl seines Vaters als auch von ihm selbst.

Begegnet man Antonio, dem Kaufmann von Venedig, hat man den Eindruck, der Autor hat vom frühkapitalistischen Geschäftsleben keine Ahnung. Dieser Antonio – angeblich Großkaufmann – lehnt das Bankenwesen rabiat ab, er hasst seinen Feind Shylock nicht nur, weil der dein Jude ist, sondern auch deshalb, weil er Geld nur gegen Zinsen verleiht …

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