Contra 6: Italien

War der Autor in Italien?

Kein anderer Autor seiner Zeit steht der italienischen Welt so nahe wie Shakespeare. Kein anderer Stückeschreiber siedelt seine Dramen so häufig in Italien an wie Shakespeare.
Kein anderer Autor hat so viel Ahnung von Italien wie Shakespeare.
Kein anderer Autor als Shakespeare weiß Details, die man normalerweise nur kennen kann, wenn man dort gewesen ist.

Für die Stratfordianer ist das alles kein Problem. Ihr Mann sitzt in der Mermaid Tavern und lässt sich von Italienbesuchern alles erzählen. Dann geht er zu John Florio, dem englischen Italiener, und leiht sich ins Englische übersetzte Werke von Italienern aus und das eine oder andere, das es noch nicht auf Englisch gibt, übersetzen.

Ist das denkbar?

Natürlich ist es denkbar. Aber nicht wahrscheinlich.

Natürlich ist es denkbar, dass Shakespeare seinen Venedigreisenden fragt, wie lange die Bootsfahrt und wie lange die Kutschenfahrt vom Rialto bis zur „Belmont-Villa“ dauern. Oder was man sieht, wenn man aus einem bestimmten Tor von Verona herausgeht, und dass man von Verona nach Mailand tatsächlich auch mit dem Flussboot reisen kann. Und er lässt sich ein paar hübsche italienische Sprüche, die man nur dort kennt, ins Englische übersetzen, um sie dann im Werk anzubringen.

Betrachtet man sich die Fülle von Beispielen, wie sie uns Richard Paul Roe (The Shakespeare Guide to Italy: Retracing the Bard’s Unknown Travels. – 2011) vorführt, werden wir überzeugt: Mag es auch denkbar sein, dass der Autor alles aus zweiter Hand hat – es ist unwahrscheinlich.

Das Italien-Argument ist damit keine smoking gun, kein für sich allein entscheidendes Argument gegen den Mann aus Stratford und für einen italienreisenden Engländer, aber ein starkes Indiz, das im Verbund mit den anderen Indizien zur Klärung der Autorschaftsfrage beiträgt.

(Direkte Indizienbeweise liefern die Sonette und liefert das Testament sowie die fehlenden Autorschafts-Dokumente.)

Reisen wir nun mit Shakespeare und Richard Paul Roe nach Italien!

(Die Abreise verzögert sich noch etwas. Die Italienseiten schreibe ich im Mai oder Juni.)


Bryson, S. 112f:

Er sprach offenbar ein wenig Französisch und ganz bestimmt richtig gut Italienisch (oder er hatte jemanden an der Hand, der ihm mit richtig gutem Italienisch aushalf), denn Othello und der Kaufmann von Venedig halten sich eng an italienische Vorlagen, die zu der Zeit, als er schrieb, noch nicht auf Englisch existierten.

… mit der Geographie hatte er’s nicht so, – besonders in Italien, wo sehr viele seiner Stücke spielen. In Der Widerspenstigen Zähmung versetzt er einen Segelmacher nach Bergamo, die wohl am weitesten von der See entfernt liegende Stadt Italiens, während er im Sturm Prospero und in den Beiden Veronesern Valentin in Mailand bzw. Verona in See stechen lässt … Falls er wusste, dass es in Venedig Kanäle gab, verschwieg er es uns in beiden Stücken, die er in Venedig spielen ließ.

Bryson hätte sich einmal die Italien-Argumentation der Oxfordianer ansehen sollen. Sie hätte ihn informiert, dass zum Beispiel Bergamo tatsächlich für Segeltuch-Handwerk bekannt war, und dass man von Verona per Boot nach Mailand kommen konnte. Dass es im berühmten Venedig berühmterweise Kanäle gab, wusste wahrscheinlich sogar der Geschäftsmann aus Stratford, selbst dann, wenn er sich dafür nie interessiert haben sollte.

Immerhin, Italienisch hätte der Autor schon können müssen … Wie hätte er denn an Texte kommen wollen, von denen er mangels Sprache nicht einmal eine Ahnung haben würde?

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