King John

Es gibt zwei durchaus ähnliche Stücke dieses Namens:

  • The Troublesome Reign of King John of England (TR)
  • The Life and Death of King John (KJ)

Letzteres ist das im First Folio präsentierte Stück, und es ist qualitativ besser als das erstere (als TR).

TR wird erstmals (anonym) gedruckt 1591, dann erneut 1611 (Autor: W Sh) und 1622 (Autor: W Shakespeare).

Nimmt man an, dass TR nicht von William Shakespeare stammt, erklärt man die Namensnennung als Verkaufstrick. (Der auch bei anderen Nicht-Shakespeare-Dramen angewendet worden ist.)

Außerdem geht man dann davon aus, dass Shakespeare TR als Vorlage für KJ verwendet hat, dass er das Stück also stark überarbeitet hat. Dass es also eigentlich nicht sein Stück ist. (Heute würden wir sagen: Es ist ein Plagiat. Denn der Erst-Autor wird nicht genannt. Das First Folio tut so, als ob das Stück ganz von Shakespeare sei.)

Die Veröffentlichung von 1591 geschah in zwei Teilen. In beiden wird davon gesprochen, dass die Queen’s Men es öfters aufgeführt hätten. Diese waren aktiv nur bis 1589. Das Stück stammt also aus den 1580er Jahren.

Das und die höhere Qualität von KJ spräche dafür, dass TR vor KJ kommt.

Meeres nennt in seiner Liste von 1598 „King John“. Wir wissen nicht, ob er damit KJ oder TR meint.

Nun wird aber KJ nicht wie die anderen Stücke und nicht, wie es zwingend für die Druckerlaubnis auch der First-Folio-Stücke vorgeschrieben war, ins Stationer’s Register eingetragen. Das lässt sich nur erklären, wenn man annimmt, KJ wird als Variante von TR betrachtet. Also stammt TR doch von Shakespeare – so, wie es auch die Nennung auf der Titelseite nahelegt?

Sie sind auch hinreichend ähnlich, um diese Theorie plausibel zu machen.

In beiden Stücken gibt es eine unhistorische, also vom Autor hinzuerfundene Hauptperson: Robert Falconbridge. Manche Stellen sind textidentisch.

Es scheint auch möglich zu sein, dass KJ vor TR kommt; dass TR eine eigenwillig  abweichende Bühnenfassung von KJ ist.

Der Streit ist offen.

Theorie 1: Ein anderer Autor als Shakespeare hat TR geschrieben (eventuell George Peele), und zwar vor KJ. Shakespeare hat dieses Stück dann ca. um 1596 „überarbeitet“.

Theorie 2: Shakespeare hat beide Fassungen geschrieben, KJ ist eine verbesserte Fassung von TR.

Theorie 3: Shakespeare hat zuerst KJ geschrieben. TR ist eine aus unserer Sicht schwächere Bühnenadaption ohne Shakespeares Mitwirkung. KJ wäre also 1591 oder etwas davor anzusetzen.

Betrachtet man die stilistischen Kriterien für den Platz in der Reihenfolge der Shakespeare-Stücke, so könnte man KJ in die Nähe von Richard II setzen – also nach orthodoxer Chronologie in die Mitte der 1590er Jahre.

Ein Stratfordian hingegen sieht deutliche Hinweise darauf, dass das Stück in die Zeit von 1590/91 gesetzt werden müsste – man kann die Details bei Gilvary nachlesen. Ein anderer Stratfordian widerspricht und schiebt das Entstehungsdatum mehr in die Mitte des Jahrzehnts.

Oxfordians nehmen an, TR stamme von Oxfords früher Zeit, ca. 1580, und sei später durch Überarbeitung zu KJ geworden.

Ich bin bezüglich King John kein Fachmann, habe mich bisher nicht in die beiden Stücke und die Details der Debatte vertieft. Die Fachleute sind sich nicht einig – und ich halte mich raus. Stratfordians sind natürlich gezwungen, Theorie 1 zu wählen.


Stratfordians möchten die Platzierung des Stücks ca. 1596 gern dazu nutzen, etwas zu tun, was sie uns sonst verbieten: eine Brücke zu schlagen vom Werk zum Autor; zu ihrem Autor.

1596 stirbt Hamnet Shakspere, 11 Jahre alt, in Stratford. Gibt es denn keine Reaktion des Barden auf den Tod seines Sohnes und Erben?

Doch: diese Verse in King John (der First-Folio-Fassung):

Gram füllt die Stelle des entfernten Kindes,
Legt in sein Bett sich, geht mit mir umher
Nimmt seine allerliebsten Blicke an,
Spricht seine Worte nach, erinnert mich
An alle seine holden Gaben, füllt
Die leeren Kleider aus mit seiner Bildung.

Berührende Worte. Ich nehme es den Stratfordians nicht übel, wenn sie sie als Reaktion Shaksperes, der für sie ja der Autor Shakespeare ist, auf den schmerzhaften Verlust bezeichnen.

Aber ein Beweis für die Identität Shakspere – Shakespeare wäre das selbst dann nicht, wenn wir sicher sagen könnten, King John stamme aus dem Jahre 1596.

Bryson, der sich die Brücke vom Werk zum Mann aus Stratford nicht entgehen lässt (siehe S. 122f), stellt allerdings danach stirnrunzelnd fest: Jetzt, ab 1596, grade jetzt kommen Shakespeares fröhlichste Stücke …

Übel nehme ich es den Stratfordians, dass sie zunächst immer und vehement und mit dem Zeigefinger der hohen Wissenschaftlichkeit biographische Bezüge zurückweisen – aber wenn sich zufällig mal einer ergibt, der ihren Shakspere ein bisschen lebendiger macht, greifen sie sofort und bedenkenlos zu und vergessen völlig ihre heilige Prämisse.

 

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