Komplimente

Die „nettesten Komplimente“ der Stratfordianer an ihre Herausforderer

Vorbemerkung:

Ich werde auf dieser Seite genau 12 aussuchen.

Die Absicht der Stratfordianer ist, uns Zweifler einzuschüchtern. Wir sollen wissen: Wer Stratford in Frage stellt, ist ein Depp. – Möchten Sie als Depp gesehen werden?

Sie sehen, die Einschüchterung wirkt. Sie hat aber auch eine unbeabsichtigte Nebenfolge: Mancher fragt sich, warum die Stratfordianer zu einer solchen Strategie greifen (müssen).

1

Stephen Greenblatt (2005 in einem Leserbrief an die New York Times)

The idea that William Shakespeare’s authorship of his plays and poems is a matter of conjecture and the idea that the „authorship controversy“ be taught in the classroom are the exact equivalent of current arguments that „intelligent design“ be taught alongside evolution.
In both cases an overwhelming scholarly consensus, based on a serious assessment of hard evidence, is challenged by passionately held fantasies whose adherents demand equal time.
The demand seems harmless enough until one reflects on its implications. Should claims that the Holocaust did not occur also be made part of the standard curriculum?

Stephen Greenblatt Cambridge, Mass., Aug. 30, 2005 – New York Timessiehe dazu auch doubtaboutwill 

Greenblatt vergleicht Leute wie mich mit „Intelligent Designern“ (die die wissenschaftliche Forschung dort enden lassen, wo im Moment noch keine wissenschaftliche Erklärung möglich scheint) und mit „Holocaust-Leugnern“.

2

Website des Shakespeare Birthplace Trust I: Stanley Wells. (Das wurde inzwischen entfernt und ersetzt durch den Text 3)

“The phenomenon of disbelief in Shakespeare’s authorship is a psychological aberration of considerable interest. Endorsement of it in favour of aristocratic candidates may be ascribed to snobbery – reluctance to believe that works of genius could emanate from a man of relatively humble origin – an attitude that would not permit Marlowe to have written his own works, let alone Shakespeare’s. Other causes include ignorance; poor sense of logic; refusal, wilful or otherwise, to accept evidence; folly; the desire for publicity; and even (as in the sad case of Delia Bacon, who hoped to open Shakespeare’s grave in 1856) certifiable madness.”

zit. nach doubtaboutwill.org

Ich leide also an einer psychologischen Abirrung, an Snobismus, an Logikschwäche, an der Unfähigkeit, Beweise zu akzeptieren, an Öffentlichkeits-Geilheit, vielleicht sogar (wie im Falle von Delia Bacon) an klinischer Verrücktheit.

Was aus dieser Liste würde auf mich am ehesten passen?

Und Vorsicht, Leute! Wenn Sie auch zweifeln, sind Sie auch dran – Sie können sich gleich etwas von der Liste aussuchen! Etwas muss bei Ihnen pervers liegen.

3

Website des Shakespeare Birthplace Trust II: Stanley Wells in einer Stellungnahme zur Declaration of Reasonable Doubt, gerichtet besonders an die auch von ihm respektierten Shakespeare-Schauspieler und Regisseure Sir Derek Jacobi und Mark Rylance:

I hope I can still be rational and (up to a point) courteous about the subject, but the time for tolerance is over. There is no room for reasonable doubt that William Shakespeare of Stratford-upon-Avon wrote (…) the works traditionally ascribed to him, and maybe one or two others.

… Poor thing, she lost her nerve, came to believe she was the Holy Ghost surrounded by devils, and died in a lunatic asylum. So beware, Mark and Sir Derek!

Poor thing ist – schon wieder – Delia Bacon …
zit nach doubtaboutwill

Stanley Wells, ein Häuptling des Stratford-Stammes, kann nicht anders – für ihn muss ich irgendwie verrückt sein. Oder drauf und dran, verrückt zu werden. Ausdrücklich warnt er Shakespeare-Größen wie Sir Derek Jacobi und Mark Rylance vor dem traurigen Schicksal Delia Bacons.

Wer ist hier eigentlich verrückt?

4

Sir Jonathan Bate & Alexander Waugh’, 21st September 2017 at Emmanuel Centre, London.

„The first person to doubt it was a woman called Delia Bacon. She ended up in a private lunatic asylum. She thought that the author was Francis Bacon.“

(Die erste Person, die daran gezweifelt hat, war eine Frau namens Delia Bacon. Sie hat in einem privaten Irrenhaus geendet. Sie dachte, der Autor sei Francis Bacon gewesen.)

Nett, wie hier der Zusammenhang hergestellt wird zwischen Zweifel an der Autorschaft von William Shakspere aus Stratford-upon-Avon und den Werken Shakespeares. Ja, so kann das enden, liebe Leute … Ihr Zweifler seid eben Spinner …

Wie sich die Stratfordianer festbeißen in Delia Bacon und ihrem Schicksal! Die beiden Verteidigungs-Werke in der Autorschaftsdebatte (Shapiro: Contested Will und Edmondson/Wells: Shakespeare Without Doubt) gehen auf niemand anders so ausführlich ein wie auf Delia Bacon. Dabei spielt die Anregerin des Nachfragens im 19. Jahrhundert für die Zweifler im 20. und 21. Jahrhundert nur noch eine marginale Rolle.

(Siehe unten, die Beiträge im Forum!)

5

Ein wortreiches Kompliment von Jonathan Bate am Anfang der Debatte. Die Absätze sind von mir:

Do you believe in evidence-based argument? Or do you prefer coincidences, conspiracies and cryptograms, hidden codes.

I am here to speak for historical evidence, for truth, for fact. But in our post-truth world, I know that I will not persuade the believers in the ‘fake news’ that Shakespeare did not write Shakespeare, to change their minds.

I will not persuade the cultists of Oxford who have put bits of paper on your chairs. [Negative audience reaction]

Cultists allow emotion and wishful thinking to rule over evidence and common sense.

I am here to address the agnostics among you.

The true believers in the false story are a lost cause. But I’m rather fond of them. They add to the gaiety of nations. [Audience laughter]

Glaube ich an Argumente, die auf empirischer Evidenz basieren? – Ich würde das für mich in Anspruch nehmen – und Jonathan Bate vorwerfen, dass genau er das nicht tut, sobald es um das Große Tabu geht – die Frage, ob der Stratforder der Autor Shakespeare ist oder nicht.

Zur Post-Truth-World gehören die Stratfordianer. Sie kümmern sich grundsätzlich nicht um wissenschaftliche Erörterungen der Verfasserschaftsfrage. Denn für sie existiert diese Frage nicht als eine, die erörtert werden müsste. Sie ist für sie tabu. Wie für den gläubigen Muslim die Wahrheit des Korans als Gottes Wort, so steht für sie von vorne herein und vor aller Debatte fest, dass der Stratforder Geschäftsmann der Autor Shakespeare ist.

Es lohnt sich, seine Einlassungen und die präzise Erwiderung darauf zu verfolgen.

6

(weitere Zitate werden folgen)

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3 thoughts on “Komplimente”

  1. Die beiden Herren (Bate und Waugh) werden ganz unschuldig aus der Wäsche geguckt haben, als sie das über Celia Bacon gesagt – und damit uns irre Ketzer gemeint haben.

    Die ersten, die Shakespeare (den Autor der gerade rasend erfolgreichen Versepen) für Francis Bacon gehalten haben, waren Joseph Hall und John Marston im Jahre 1598 in zwei Büchern, die von Bacon-Freund und mächtigem Bischof von Canterbury, Whitgift, umgehend aus dem Verkehr gezogen wurden. Näheres dazu bei A. J. Pointon, Seite 114. Ich werde dieser Sache noch näher nachgehen.

    (Hall meinte, Shakespeare sei ein Pseudonym, und Marston tippte dann allzu frech auf Francis Bacon. Zu seinem Glück hat er sein eigenes Buch auch unter einem Pseudonym veröffentlicht; sonst wäre es vielleicht gefährlich für ihn geworden. Als Bürgerlicher tritt man den Angehörigen der Hofwelt lieber nicht auf die Zehen!)

    Eine zweite Frage: Wer könnte angesichts der Situation in der Verfasserschaftsfrage hier und heute in Depressionen verfallen? Vielleicht spüren Bate und Waugh schon erste Zeichen davon bei sich selbst und projizieren sie erschrocken auf uns?

    Looneys Shakespeare Identified hab ich mir inzwischen gekauft. Ich komme aber noch nicht gleich dazu, es zu lesen, aber bis zum 100sten Jahrestag werde ich es gelesen haben.

  2. Hier ein weiteres Zitat:
    (Sir Jonathan Bate & Alexander Waugh’, 21st September 2017 at Emmanuel Centre, London.) „The first person to doubt it was a woman called Delia Bacon. She ended up in a private lunatic asylum. She thought that the author was Francis Bacon.“
    Abgesehen davon, daß es durchaus kontrovers diskutiert wird, ob Celia Bacon die erste war, ist die Unterstellung, daß Bacon‘s Meinung über die wahre Autorschaft etwas mit ihrer (späteren) Einlieferung in eine Heilanstalt zu tun habe,
    a. ein „ad hominem“ Argument, was in einer Debatte unter gebildeten Menschen nichts zu suchen hat;
    b. eine Frechheit, weil die Bacon wegen Depressionen eingeliefert wurde.

    Beinahe dasselbe Argument wurde auf J. Thomas Looney gemünzt, als er 1920 sein Buch „Shakespeare Identified…“ herausbrachte, in dem er Edward de Vere als den wahren Shakespeare ermittelt hatte. Unter falscher Aussprache seines walisischen Namens wurde sein Werk als das eines „loony“(Verrückter) disqualifiziert.
    Dabei hatte er als erster eine Methode der Suche bzw. Identifizierung benutzt, die wir heute als „profiling“ in der Kriminalistik finden.

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