Biographie Shakspere: Literary Paper Trail

Für Diana Price (Shakespeare’s Unorthodox Biography) liegt hier das stärkste Argument, das gegen Shakspere aus Stratford spricht:

Es gibt nich ein einziges Dokument, das uns heute zeigen würde, der Mann aus Stratford habe Literatur verfasst. Es gibt nicht einmal eines, das uns zweifelsfrei belegen würde, dass er überhaupt schreiben konnte. Das sei, so betont sie (Seite 296), EINMALIG im Bereich der Autorenbiographien in der Elizabethanischen und Jakobeischen Epoche.

Wir erfahren vieles über den Geschäftsmann – und wir lesen manches über den Autor aus den Werken heraus – und beides passt nicht zusammen. Wir bekommen keine kohärente Lebensgeschichte, keinen plausiblen Charakter, wenn wir beides, Autor und Werk, zusammendenken müssen.

Das beklagen auch einige Stratfordianer, Schoenbaum etwa oder Chambers oder noch früher schon Malone

Man hat die Option, auf den Versuch, Werk und Mann aus Stratford eng aufeinander zu beziehen, zu verzichten. Andere ziehen es vor, uns zu täuschen – und uns einen lebendigen Bezug des „gentle“ Shakespeare zum Werk vorzugaukeln – im Widerspruch zu den Dokumenten, die wir zum Leben von Shakspere haben.

Was für eine seltsame Kombination aus einem
– umtriebig profitorientierten, erfolgreich aufsteigenden, berechnenden, eher geizigen und unintellektuellen Geschäftsmann
– und einem exzentrischen, verschwenderischen, genial musischen, bildungsbesessenen, aber auch depressiv sein gesellschaftliches Scheitern beklagenden Schöpfer der Werke!


Ein Geschäftsmann hinterlässt Dokumente, die ihn als Geschäftsmann ausweisen. (Bei Shakspere sind es erstaunlich viele.)

Ein Arzt wird analog dazu Dokumente hinterlassen, die ihn als Arzt ausweisen – Rechnungen über Medizin etwa, oder Diagnosen.

Ein Autor wird – außerhalb seines literarischen Werks – das eine oder andere Dokument hinterlassen, das zeigt: Er war ein Autor.

Andere werden sich auf ihn als Autor beziehen.

Der Name auf dem veröffentlichten Werk genügt in manchen Fällen für die Identität nicht. Es gibt Pseudonyme und Gründe dafür, ein Pseudonym zu wählen. Dann kann sich die Frage stellen: Wer ist die Person hinter dem Pseudonym?

Wir können im Fall Shakespeare erwarten, dass irgend etwas von seiner schreibenden Tätigkeit die Zeiten überlebt hat – ein Brief von ihm selbst oder an ihn, in dem er als Autor erkennbar wird; ein Manuskript von seiner Hand; eine Schriftsteller-Anekdote, die sich klar auf ihn bezieht; eine Zahlung für ein Werk; ein Bericht von der Begegnung mit ihm, der wiederum zeigt, dass man es mit einem Autor zu tun hat; …

NICHTS gibt es im Fall Shakspere.

Diana Price vergleicht das ausführlich mit zeitgenössischen Autoren. („Shakespeare’s Unorthodox Biography. 2012. Seiten 112 – 126)

Erstaunlich, wie viel wir zum Beispiel von Ben Jonson haben. Aber auch von den anderen, weniger bedeutenden Autoren. Shakespeare war aber – neben Ben Jonson – die Nummer Eins unter den Autoren, auch in der Wertschätzung der Zeitgenossen. Und da bleibt kein paper trail?

Aber Dutzende von Geschäftsvorgänge überleben und schildern uns den Geschäftsmann?

Es ist extrem unwahrscheinlich, dass sich das statistisch so verteilt.

Müsste Shakspere nicht hunderte von Briefen von Stratford nach London geschickt haben, wenn er ein Jahrzehnt lang überwiegend und die letzten Jahre ganz in Stratford gelebt hat, aber doch zahlreiche literarische Beziehungen mit Autoren, Schauspielern, Gönnern etc. in London zu pflegen hatte?

Es liegt auf der Hand, dass wir zu zweifeln anfangen. Dass wir uns fragen: War dieser Geschäftsmann aus Stratford wirklich der Autor?

Wir dürfen das aber nicht fragen, ohne dass wir als Idioten abgestempelt werden.

Diana Price liefert uns ein dicht dokumentiertes Vergleichsbild. Sie benennt 10 Kategorien für Hinweise darauf, dass ein Autor ein Autor war – und untersucht dies dann bei den 24 wichtigsten englischen Autoren der Zeit. Bei den einen ergeben sich Belege für die meisten Kategorien, bei allen aber zumindest einige – nur bei Shakespeare NULL.

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