Looney

1920 erschien sein Buch „Shakespeare“ Identified. Shakespeare war Edward de Vere, 17th Earl of Oxford.

J. Thomas Looney (oo ausgesprochen wie o in no, home, low) war Lehrer in der nordenglischen Stadt Newcastle-on-Tyne, lebte von 1870 bis 1944.

Wie ich ist er über The Merchant of Venice gestolpert. In seinem Fall hauptsächlich über die Frage, wie jemand, der so zum Geld steht wie der Autor des Stücks, zugleich ein bieder tüchtiger Geschäftsmann wie Shakspere aus Stratford gewesen sein kann.

Werk und Persönlichkeit (im Falle des Stratforders) widersprechen sich. Der Mann aus Stratford kam für ihn nicht mehr in Frage. (Die Gründe dafür stellt er im ersten Teil seines Buches dar.)

– Wer war es dann? Looney kam auf die ebenso einfache wie geniale Idee:

1. Gehen wir davon aus, dass wir nicht wissen, wer der Autor ist.

2. Studieren wir dann genauestens das gesamte Werk und filtern heraus, welche Eigenschaften dem Autor zukommen müssen.

3. Suchen wir dann unter den Persönlichkeiten der in Frage kommenden Zeit, auf wen diese Charakteristika am besten passen.

Hier Looneys 18 Charakteristika (knapp zusammengefasst nach Hope/Holston, S. 76-77):

    1. Ein gereifter Mann von anerkanntem Genie
    2. Offensichtlich exzentrisch und rätselhaft
    3. Äußerst sensibel – sich dadurch absondernd
    4. Unkonventionell
    5. Findet nicht die angemessene Wertschätzung
    6. Hat anerkannterweise literarischen Geschmack
    7. Ein Theater-Enthusiast
    8. Ein Lyriker von anerkanntem Talent
    9. Hoch gebildet, mit Hochgebildeten verkehrend
    10. Ein Mann in feudalen Verhältnissen
    11. Ein Mitglied der höheren Aristokratie
    12. Auf der Seite Lancasters
    13. Ein Italien-Enthusiast
    14. Ein Mann des Sports (u. a. der Falkenjagd)
    15. Ein Liebhaber der Musik
    16. Liederlich und unvorsichtig in Geldangelegenheiten
    17. Schwankend in der Beziehung zu Frauen
    18. Möglicherweise mit katholischen Neigungen, aber vor allem ein Skeptiker

Looney betont besonders Punkt 16 – im Hinblick auf The Merchant of Venice. Der Autor schätzt die Verschwender und verachtet diejenigen, die mit dem Geld genau umgehen.

Und stößt auf Edward de Vere, 17th Earl of Oxford. Und beginnt, das Leben dieses Mannes (soweit das in seiner Zeit möglich war) zu studieren.

Dabei hilft ihm die Entdeckung der Juvenilia Oxfords – die frühen Gedichte. Die Verwandtschaft zum Beispiel mit Venus and Adonis ist erkennbar.

Dabei hilft ihm auch einer damals wichtigsten Stratfordianer, der Shakespeare-Biograph Sidney Lee. Der hat – Looneys Entdeckung nicht ahnend – im Dictionary of National Biography über Oxford die Qualität seiner Lyrik hervorgehoben:

Oxford, trotz seines gewalttätigen und perversen Temperaments, trotz seines exzentrischen Geschmacks in der Kleidung und trotz der rücksichtslosen Verschwendung seiner Mittel, ließ wahren Geschmack in Musik und schrieb Verse von großer lyrischer Schönheit erkennen.

Puttenham und Meres rechnen ihn zu den Besten seiner Zeit in der Komödie; aber obwohl er Patron von Schauspielern war, hat keine Probe seiner dramatischen Kunst überlebt.

Es liegen noch genügend seiner Gedichte vor, um Webbes Kommentar zu bestätigen, dass er der beste der Hofpoeten in den frühen Tagen von Queen Elizabeth war …

zit. nach Hope/Holston, 79

Mit Oxfords Juvenilia haben wir Shakespeares Juvenilia. (Es gehört zu den Unglaubwürdigkeiten im Fall Shakspere, dass keine solchen Juvenilia vorhanden sind. Aus dem Nichts springt hier das Genie auf die Bühne. Wer – mit gesundem Menschenverstand ausgestattet – schüttelt da nicht zweifelnd den Kopf?)

Looney kann zeigen, wie sehr sich das, was wir über Oxfords Leben wissen, im Werk Shakespeares niederschlägt. Alle späteren Oxfordianer bauen darauf auf, orientieren sich daran.

In einem wichtigen und interessanten Punkt hat sich Looney geirrt: The Tempest hält er nicht für ein Werk von Shakespeare. Nicht, weil es angeblich 1610/11 verfasst worden sei, sondern aus sprachlichen und inhaltlichen Gründen.


1920 – das Jahr der Veröffentlichung von Looneys Shakespeare-Werk jährt sich 2020 zum runden Geburtstag. Bis dahin werde ich das Buch gelesen und en detail in unser Internetbuch eingearbeitet haben. Looney muss ausführlich gewürdigt werden.

Auf Shapiros Looney-Verunglimpfung werde ich bald zurückkommen. Wie bei Stratfordianern üblich, so ergeht sich Shapiro in Angriffen ad hominem. Auf die Argumente Looneys geht er allenfalls nebenbei und selektiv ein.


 

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2 thoughts on “Looney”

  1. Leider kennen wir kein Theaterstück, dass SICHER Oxford zuzuschreiben ist. Alles, was wir ihm zuschreiben, ist SHAKESPEARE.
    Ich lasse mir das Fenster des Zweifels an Oxford einen Spalt weit offen.

    (Ich gehöre zu einem Denktyp, der etwas zugleich leidenschaftlich vertreten kann, weil er es für sehr wahrscheinlich hält – und doch die Möglichkeit des Irrtums in Betracht ziehen kann.
    Ich bin zum Beispiel mein ganzes Leben Sozialist gewesen – und habe mir immer wieder mit Faszination vorgestellt, dass vielleicht ein Leo Brux des Jahres 2100 denken könnte, dies sei eine verfehlte Orientierung gewesen.
    Oder, banaler und noch provokativer: Ich sitze gerade auf einem Stuhl. Der Stuhl IST ein Stuhl. Ohne Zweifel. Unter welchen Umständen ließe sich nun denken, dass eben dieser Stuhl kein Stuhl wäre? Dazu ein Gedankenspiel. Mittels Zeitreise lande ich vor der Höhle von Steinzeitmenschen. Die sehen mich auf eben diesem Stuhl sitzen. Wäre dieser Stuhl FÜR DIESE STEINZEITMENSCHEN, die nicht wissen können, was ein Stuhl ist, ein Stuhl?
    Also: Ich bin ein notorischer Zweifler und Infragesteller. Grade dann, wenn ich mir meiner Sache sicher bin, fange ich an zu überlegen, wie sich vielleicht meine Sicherheit untergraben ließe. Und neugierig höre ich meinen Opponenten zu. Ich lasse mich irritieren. Das Resultat ist dann allerdings in der Regel, dass die Standpunkte, die ich vertrete, in meinem Kopf ziemlich gründlich abgesichert sind. Eben weil ich immer wieder aufs Neue durch das Feuer des Zweifels gehe.)

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