Mein Shakespeare-Weg

Ein autobiographischer Beitrag

1

Steigt ein Büblein auf den Baum
Ach so hoch, man sieht es kaum
Steigt von Ast zu Ästchen
Bis zum Vogelnestchen

Bums! Da liegt er unten.

???

Das ist nicht von Shakespeare. Meine Mutter hat mir das vorgelesen, als ich ca. 5 Jahre alt war. Neben den Versen finden sich zwei farbige Zeichnungen mit dem Jungen, der erst munter hoch steigt und dann tief und schmerzhaft fällt.

Diese Verse und noch ein paar mehr aus dem Buch wusste ich schnell auswendig und habe sie anderen stolz „vorgelesen“, ca. 1955.

Es war mein Einstieg in die Shakespeare-Begeisterung. Die Musik der Sprache hat mich gepackt. Und die Magie der Metaphorik.

2

Machen wir einen Sprung ins Jahr 1978. Ich bin Gymnasiast im Hofmiller-Gymnasium, Freising, naturwissenschaftlicher Zweig. 11. Klasse. Ein ambitionierter Studienreferendar (der spätere Literaturkritiker und Goethespezialist Jörg Drews) macht seine Lehrprobe mit dem Interpretationsthema Kafka, Die Sorge des Hausvaters. Am Tag vorher teilt er die Kopie des Textes aus, eine Schreibmaschinenseite, und bittet uns, sie zu lesen.

Ich lese – und denke mir, mein Gott, was für ein nichts-sagender Text.

Die Lehrprobe beginnt. In den ersten 15 Minuten entfaltet Drews den Sinn. Jedes Wort wird klar, jeder Satz magisch, der Kafkatext eine Offenbarung. Der Zauber der Literatur überwältigt mich. In den zweiten 15 Minuten gibt Drews der Kurzgeschichte eine weitere, ganz andere, aber ebenso stimmige Interpretation – ohne dass damit die erste widerlegt wäre. Ich hab Tränen der Begeistung in den Augen. In den letzten 15 Minuten entwickelt er eine dritte Interpretation, wieder aus einem anderen Blickwinkel – und wieder stimmt alles.

Als ich nach Hause gehe, juble ich. „Jetzt weiß ich, was Kunst ist!“

3

Nächster Sprung. Ich studiere Germanistik an der Uni in München. Ich bin Hölderlin-Fan, jetzt 25, sehe Zeffirellis Romeo-und-Julia-Film und lese daraufhin zum ersten Mal ein Stück von Shakespeare. Begeistert gleich noch eins und noch eins und noch eins. Jetzt möchte ich wissen: Wer war der Autor?!

Ich greife nach der Rowohlt-Monographie (Jean Paris) – und bin enttäuscht. Kein Zusammenhang von Biographie und Werk ist zu erkennen. Ich nehme mir eine zweite vor, Quennell (englisch) – Was bei jedem anderen Dichter (oder Maler oder Komponisten) funktioniert, funktioniert nicht bei Shakespeare. Leben und Werk sind nicht zusammenzubringen.

Pech, denke ich mir, schmerzhaftes Pech. Muss ich eben damit leben.

Was fasziniert mich so an Hölderlin, an Büchner, an Shakespeare (an Faulkner, an Brecht, an Proust, an Joyce, an Cechov, u. a.)? Damals finde ich die Formel: Höllenhitze und Arktiskälte sind immer zugleich gegenwärtig. Heißkalt. Kaltheiß. Es ist eine reißende Spannung in jedem Satz, in jeder Szene. – Es geht ums Ganze, um die Existenz, der Leser fiebert und zittert mit.

4

Ca. 1985 hab ich eine neue Shakespeare-Phase. Am Stück lese ich ein Dutzend Werke sowie die beiden Biographien (Paris, Quennell) noch einmal, dazu eine dritte, Burgess. Die Enttäuschung gräbt sich tiefer.

Diesmal ist bei der Lektüre The Merchant of Venice dabei. Antonio, der Großkaufmann, lehnt kategorisch Kreditgeben auf Zinsen ab. Ich staune: Das ist unmöglich. Kein Großkaufmann kann sich das leisten. So einen Großkaufmann gibt es nicht. Kredit gegen Zins ist um 1600 (aber auch schon früher) eine Selbstverständlichkeit, eine Notwendigkeit im Geschäftsleben. Spinnt Shakespeare? Ich konsultiere einige Interpretationen. Kein Wort darüber.

Ich erinnere mich flüchtig, dass der Autor aus Stratford selber gelegentlich Geld (gegen Zinsen, natürlich) verliehen hat. Wieso schafft er uns nun diesen melancholischen Theaterhelden Antonio, versammelt alle Sympathie des Zuschauers hinter ihm – und lässt sie den Zins verurteilen und hassen? Ist dieser Shakespeare ein Heuchler?

Fieberhaft suche ich nach Erklärungen, hole mir Biographien, auch Schoenbaum, aus der Staatsbibliothek, Interpretationsessays … NICHTS. Der spezielle Fall moneylender Shakespeare vs Zinshasser Antonio wird ignoriert.

Da stinkt etwas, sage ich mir. (Später erfahre ich, dass ich damit nicht der erste bin.) Neugierig hole ich mir noch ein Buch aus der Staatsbibliothek: Ogden, This Star of England – ein uraltes Werk, 900 Seiten dick, über die Zweifel an Stratford und über Oxford als Gegenkandidaten.

Eine elektrisierende Lejktüre. Ich bin nicht leichtgläubig. Ich weiß sehr gut, dass ich all die Angaben, die mir in den Büchern der Fachleute vorgelegt werden, aus Zeitgründen und Mangel an Mitteln nicht selber nachprüfen kann. Wenn die Fachleute streiten, halte ich mich mit meinem Urteil zurück. So auch hier. Immerhin, ich sehe, es gibt vernünftige Gründe, an der Verfasserschaft des Mannes aus Stratford zu zweifeln, und Edward de Vere, Earl of Oxford als Kandidaten in Erwägung zu ziehen.

Nun, Shakespeare ist nicht mein Beruf und nicht mein Hobby, und ich bin und bleibe Laie – was tun? Ich entscheide mich fürs Oszillieren: Ich stelle mir künftig den Autor mal als den Mann aus Stratford, mal als den Earl vor, immer so, dass ich beide als Möglichkeit berücksichtige.

5

Mitte der 90er Jahre steigt Oxford bei mir im Kurs. Erst Klier, dann Sobran führen mich systematisch ein in die Welt des Zweifels an Stratford und die Kandidatur des Grafen von Oxford.

Ich lese jetzt endlich die Sonette und stelle fest: Sobran hat recht. Die Sonette liefern so etwas wie einen Indizienbeweis gegen Stratford. Der Mann aus Stratford kommt als Autor eigentlich nicht mehr in Frage. Aber Vorsicht! Wie leicht täuscht man sich in so einer Frage.

Ich misstraue mir. Ich suche nach Gegenargumenten. Die Stratfordianer liefern sie nicht. Sie schimpfen nur, beleidigen Laien wie mich. Ich bin für sie ein Idiot. Die Sonette werden als l’art pour l’art, als poetische Spielerei, als Sonett-Theater entwertet. Die existenzielle Wucht, die ich in ihnen spüre, das schmerzhafte Leben darin – ist nur Fassade, Material für eine Kunst-Show?

Ich habe viele Biographien von Dichtern gelesen. Dass Werk und Autor krass auseinanderfallen, dass man sich bitte nur ums Werk, nicht um den Autor kümmere, diesen Fall scheint es nicht zu geben – außer bei Shakespeare (und bei einigen akademischen Elfenbeintürmern, die die existenzielle Dimension der Kunst nicht interessiert).

6

An meinem 60sten Geburtstag (2010) lade ich Freunde ein. Ihr Geschenk an mich: Sie sollen meinen Vortrag über das Shakespeare-Mysterium hören und diskutieren. Ich stelle den Fall als letztlich noch offen dar. Wir wissen nicht sicher, wer der Autor der Werke war. (Gelesen habe ich bis dahin auch Andersons Oxford-Biographie, Diana Prices erste Fassung von „Shakespeare’s Unorthodox Biography“ und Poseners orthodoxe Biographie, außerdem Kreilers eindrucksvolles Buch.)

7

Im November 2018 beginnt meine jüngste Shakespeare-Phase. Ich lese in drei Monaten ca. 12 Stücke, einige zum ersten Mal, auch die Sonette erneut, dazu Interpretationen zu jedem der Stücke, dazu die orthodoxen Biographien von Posener (erneut) und Ackroyd, dazu Shapiros Contested Will, dazu eine Reihe weiterer Bücher des Zweifels (Shahan/Waugh, Detobel u. a.). Die Beweislage wird mir klarer. Die Stratfordianer haben keine seriöse Verteidigungsstellung aufgebaut, sie können nur wüten und einschüchtern und behaupten: WIR sind die Experten!

Wissenschaft würde den gegnerischen Standpunkt, den sie widerlegen möchte, erst einmal so stark wie möglich präsentieren. Die Strategie der Stratfordianer hingegen besteht im Lächerlichmachen, Verwirren, Ignorieren.

Mit meinem Freund frido diskutiere ich darüber. Im Februar frage ich ihn, ob es nicht eine Idee wäre, mal eine Website auf Deutsch über das Thema zu machen. Website programmieren kann er professionell.

Ich habe mir bisher keine Notizen zum Thema gemacht, in meinem Kopf hat sich zu viel angesammelt, ich muss in mir selber mal wieder Ordnung schaffen, und wenn ich das mache – warum dann nicht gleich öffentlich, auf einer Website?

Anfang März hab ich die ersten Seiten verfasst …

 

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