Nelson 11: Gegen autobiographische Kurzschlüsse

Überhaupt ist es falsch, alle Literatur als prinzipiell autobiographisch zu verstehen, wie Looney und seine Nachfolger es tun und die deshalb meinen, unbedingt den Stratforder ablehnen und den Aristokraten vorziehen zu müssen.

 

 

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9 thoughts on “Nelson 11: Gegen autobiographische Kurzschlüsse”

  1. Das ist ein Aspekt, den ich so noch nicht gelesen habe – danke für den Tipp.

    Mein Grund, warum ich die Sonett-Kastration nicht plausibel finde, ist zunächst ein ganz pragmatisch historischer: Waren die Leser in England um 1600 bereit, das ICH der Shakespeare’schen Sonette für ein fiktives zu halten? Das wäre ja nun erst einmal zu belegen, würde ich sagen. Darum bemühen sich die Stratfordians nicht. Sie erwähnen nur den einen Fall, in dem ein epigonaler Sonettdichter mitteilt, dass er sein Publikum gefoppt hat – das ist aber etwas anderes als eine postmoderne Ich-Konstruktion.
    Ein weiterer Einwand: Erst meinen die Kastratoren, es sei doch auch möglich, auch denkbar, dass … – um dann umstandslos zu unterstellen, genau das sei der Fall, die Sonette seien Als-ob-Theatergedichte.

    Dieses Argument dürfte aber bei vielen, die keine Profis in solchen Dingen sind, nicht unbedingt durchschlagen. Sie können sich denken: Ja mei, er war halt a Genie, der Schaikspier, do is doch ois mögli.

    Darum finde ich das kombinierte Sonett-Widmungs-Argument besonders attraktiv. Es ist empirisch, einfach, schlagkräftig.
    (1) „ever-living“ heißt um 1600 in England: der Autor ist tot. (Dass „ever-living“ im vorliegenden Kontext nur diese Bedeutung haben kann, ist bewiesen.)
    (2) Darum schreibt der Verleger die Widmung. (Warum denn sonst! Autor lebt – Verleger schreibt Widmung: Gibt es den Fall damals?)
    Ergänzend:
    (3) Das Dark-Lady-Ehebruchsargument – ÖFFENTLICH darf der Ehebruch nicht werden! (Der Kaufmann aus Stratford darf also nicht der Autor sein.)
    (4) Das Argument, dass die Stratfordianer das Problem 1 – 3 geradezu systematisch vermeiden, weil sie keine plausible Antwort finden.

    Nun, dies ist meine Behauptung – aber (das sagen mir 70 Jahre Lebenserfahrung) – meine Behauptungen können (wie die aller anderen) falsch sein. Sie müssen getestet werden. So hart und schneidend wie möglich.

    Ich möchte also wissen: Wie könnte der gewiefteste Stratfordianer gegen meine vier Punkte argumentieren?

    Ich fürchte, ich werde mich selbst in diesen gewieften Stratfordianer verwandeln müssen – denn die Stratfordianer lassen mich schmählich im Stich. Die Aufgabe stelle ich mir für das Jahr 2020 – November und Dezember gehören noch einem anderen Thema.

    Etwas Hilfe bei diesem Angriff auf meine Behauptungen (1) – (4) könnte ich aber schon gebrauchen …

  2. Lieber Herr Brux, da muss ich mich auch wieder einmal einlesen in die diversen Biographien der Straties…das mache ich nur mehr ungern, es nervt einfach und bringt keine neue Erkenntnisse zu Oxford. Aber gut, wenn es denn ein Projekt werden soll, dann kann ich das schon machen. Konsens der Stratfordianer ist ja meist, die Sonette sind nicht autobiographisch, Punkt. Faktum ist aber zum Beispiel, dass der Anlass der ersten 17 Gedichte einem Aufruf von William Cecil nachkommt, den Earl of Southampton zu einer Heirat mit Cecils Enkelin zu bewegen. Auch andere Dichter sind diesem Aufruf nachgekommen. Der schöne Henry hat aber widerstanden und lieber eine horrende Summe Geldes als Strafe gezahlt. Cecils Enkelin ist Oxfords erstgeborne Tochter Elisabeth de Vere, die dann später den Earl of Derby geheiratet hat. Der Dichter Shake-speare ist also genau dort, wo man ihn vermuten müßte, wenn es Edward de Vere ist.

  3. Wir sind da fast ganz einer Meinung. Nur halte ich Kreilers Idee, die Dark Lady könnte Elizabeth Trentham sein, für wenig plausibel. Hat er eine Frau geheiratet, die er bei der Heirat verachten und hassen musste?

    Wie dem auch sei: Worin Sie mir helfen könnten, wäre dies:
    Was genau sagen die Stratfordianer zu der Sonett-Story? Also zum „ever-living“ und der Tatsache, dass der Herausgeber die Widmung schreibt, nicht der – noch lebende und verfügbare! – (angebliche) Autor der Sonette? Und gibt es einen Biographen, der mal auf die schwierige Situation eines Autors Shakspere/Stratford hinweisen würde, wenn sein Ehebruch mit der Dark Lady öffentlich würde?

    Ich hab schon ein paar wenige Stellen im Auge, in denen Stratfordianer etwas über die Widmung und das „ever-living“ schreiben – Schoenbaum ist der einzige, der sich wenigstens ein bisschen herantraut, aber er lässt die Sache sozusagen schweben. Ich werde nächstes Jahr den Versuch machen, alle ca. 20 Biographien der letzten 50 Jahre auf diese Sache hin zu untersuchen.

    Ich konnte auch noch nie mit jemandem über die Ehebruchs-Veröffentlichungssituation 1609 sprechen. Mir scheint, dass ich da der erste bin, der auf diese Schwierigkeit gestoßen ist, aber ich könnte mich täuschen (1. hat es vielleicht schon mal jemand entdeckt; 2. interpretiere ich vielleicht die Dark-Lady-Sonette nicht ganz richtig?).

    Wie wäre es möglich, genau hierzu (also zu 1609/Sonette) ein nüchternes Gespräch unter Fachleuten zu veranstalten und dabei zu versuchen, Stratford ZU RETTEN. Also so gut wie möglich zu zeigen, dass mein Beweisversuch unzureichend ist? Ich WILL mich widerlegen lassen. – Leider sind die Stratfordianer nicht dazu bereit, es selbst zu versuchen. Sie sagen schlicht und einfach: Da gibt es nichts zu beweisen oder zu widerlegen. Tabu ist tabu. Also muss ich es selbst versuchen – ich muss zeigen, dass ich unrecht habe. Erst wenn mir das nicht gelingen sollte, kann ich mir – vorläufig – sicher sein.

  4. Die abenteuerliche Geschichte der Erstpublikation der Sonette zeigt doch einen Punkt ganz deutlich: mit Stratford hat das gar nichts mehr zu tun. Wer auch immer Thomas Thorpe das Manuskript der Gedichte zugesteckt hat, der Autor war es nicht. Thorpe hat als Herausgeber in der von ihm verfassten Widmung die Floskel „ever-living“ verwendet, das heißt zwingend, der Dichter weilt nicht mehr unter den Lebenden. Außerdem heißt der Titel „Shake-speares Sonetts“, das ist abschließend gemeint – es werden keine weiteren Sonette mehr folgen, denn er der Dichter ist verblichen. Die erste Auflage ist schnell vergriffen, bzw. wird ganz schnell eingezogen und bis zur zweiten Auflage, diese ist überdies stark bearbeitet, vergehen fast 30 Jahre. Es läßt sich daraus ableiten, dass die Veröffentlichung der Sonette nicht gewollt und schnell unterdrückt worden ist. Warum? Sicher nicht auf Grund der Qualität, sondern, weil manche der handelnden Personen identifizierbar und noch lebend sind! Auf Grund der abzuleitenden Konstellationen in den Gedichten könnte es zu Erbstreitigkeiten kommen, zumindestens aber zu Irritationen. (zb. war der 18. Earl of Oxford ein Bastard?) Sowohl Southhampton, als auch eventuell Pembroke hätten Grund zur Sorge gehabt. Die „Dark Lady“ wäre sicher auch zu identifizieren, wenn man die Frau fände, der mit beiden Earls ein Verhältnis nachsagt worden ist. Vielleicht war es wirklich Oxfords zweite Ehefrau Elisabeth Trentham und der Sohn Henry das Resultat der Menage a trois. Auf jeden Fall muss man nicht darüber dikutieren, ob die Sonette einen autobiographischen Hintergrund haben oder nicht. Das sind handfeste erlebte emotionale Ausbrüche und Befindlichkeiten in sublime Poesie verwandelt, für mich ist das sonnenklar!

  5. Noch einen Gedanken dazu:

    Einmal angenommen, man würde die Als-Ob-Hypothese für plausibel halten. Müsste man dann nicht fragen, was den Autor veranlasst haben könnte, hier zunächst ein im Ansatz homosexuelles Freundschaftsdrama und dann das Dark-Lady-Drama zu inszenieren? Und dies mit seinem „ich“ als Hauptperson? Man könnte sagen: Er lotet menschliche Möglichkeiten literarisch aus. Aber wird er dies auf die gefährlichste Weise machen, die da möglich ist: sein Ich dem Leser bloßstellen? – Wenn er Jago oder Macbeth oder Falstaff oder Lear oder Shylock sprechen lässt, können wir schon auch immer mitdenken, dass er auch in diesen Personen drin ist, dass auch sie Geist von seinem Geist sind. Aber da kann der Autor immer sagen, bitte, ich selbst bin nicht Jago, bin nicht Shylock! Da gibt es kein 1:1. Wenn er aber „ich“ in einem Gedicht sagt, ohne Rollennamen auftritt, kommt niemand drauf, dass er nur eine Rolle, eine Theaterrolle annimmt, die mit ihm nur geistig zu tun hat, aber nicht biographisch oder existenziell.

    Wann eigentlich beginnt sich das lyrische Ich vom Autoren-Ich zu trennen? Und warum? Ich nehme an, das ist nicht vor dem 19. Jahrhundert passiert, vielleicht erst im 20. Jahrhundert. Dieser Frage muss ich mal nachgehen.

  6. Dass die Sonette nur ein fiktionales Ich bieten sollen, finde ich besonders interessant.

    War der Autor und waren die Leser DAMALS schon postmoderne Literaturkritiker? Wir können uns sicher sein, dass die Leser damals ein ICH für ein ICH genommen haben. Der Autor, der „ich“ sagt, meint auch sich selbst, spricht von sich selbst. Was denn sonst!

    Einmal angenommen, der geniale Autor hätte sich hier bereits von dieser Selbstverständlichkeit gelöst – seine Leser wären ihm nicht gefolgt. Er hätte also immer annehmen müssen, dass seine Leser ihn mit dem Narrativ seiner Sonette identifizieren würden. Etwa mit der Liebe zum „fair youth“ oder mit dem Dark-Lady-Drama.

    Diejenigen, die die Sonette sozusagen kastrieren und zu Als-ob-Sonetten degradieren, gehen auf Probleme mit ihrer Annahme nicht ein. Sie schlagen ihre Interpretation vor – ohne weitere Argumentation als den Hinweis auf einen Sonett-Epigonen, der tatsächlich mal nach Veröffentlichung einer (konventionellen) Serie dem Leser hähähä gesagt hat – die ganze Liebesbeziehung sei bloß erfunden. Was ja wiederum voraussetzt, dass er angenommen hat, der Leser würde das lyrische Ich für das Autoren-Ich halten.

    Als also Thorpe 1609 die Sonette veröffentlicht hat, hat JEDER angenommen, Autoren-Ich und lyrisches Ich seien eins.

    Müssten die Shakespeare-Sonette-Metzger wie Nelson das nicht zugeben?

    Und dann die möglichen Konsequenzen überlegen? Etwa den nun öffentlich eingestandenen Ehebruch (WENN der Autor der Stratforder war)?

  7. Ich schließe mich David an, das kann man sicher nicht generalisieren. Wenn man überhaupt über Nelson in Zusammenhang mit Oxford reden möchte, darf man nie Nelsons Motiv vergessen: er hat das Buch nur geschrieben, um Oxford als Kandidat für Shakespeares Werke auszuschließen. Autobiographische Bezüge, die sich bei Oxford zu Hauf finden lassen, muss er natürlich abqualifizieren. Siehe die Sonette: sie müssen fiktional sein, denn spräche der Autor persönlich zu uns, müssten wir zwingend einen Hofmann in ihm vermuten.

  8. Das lässt sich weder in die eine noch in die andere Richtung generalisieren und müsste nun mal phylologisch untersucht werden mit den Methoden der Statistik. Womit wir endlich bei der Wissenschaft wären und jenseits von Götterweihe.

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