Nelson 7: Schwache Gedichte

1 bis 6 waren die Einwände Brysons contra Oxford. Ich ergänze sie um die weiteren Einwände Nelsons.

Die paar Gedichte, die wir von Oxford haben, sind für einen Hofmann nicht schlecht, aber für einen, der Shakespeare sein soll, viel zu schwach.

Bryson bringt das Argument auch:

Warum hätte er damit zufrieden sein sollen, der Welt ein paar Stücke, die heute keiner mehr kennt, sowie mittelmäßige Gedichte unter seinem eigenen Namen zu schenken, doch sich hinter einem fremden Namen zu verstecken, als er mit zunehmendem Lebensalter eine unglaubliche Genialität entwickelte? Auf diese Frage erwidert Looney immer nur: „Das freilich ist seine Angelegenheit, nicht unsere.“ Dann ist es aber auch unsere Sache, ob wir Oxford für den Verfasser von Shakespeares Werken halten – oder nicht.

Einige Antworten in Kürze – sie werden noch ausführlich formuliert und im einzelnen belegt werden:

  1. Sowohl das Theater als auch die englische Sprache waren zu Anfang von Oxfords Karriere noch wenig entwickelt. Englisch war noch keine Sprache der Kunst und der Wissenschaft – das war entschieden Latein. Theater musste sich erst befreien von den Formen des christlichen Spiels, musste sich erst als Kunstform entwickeln und durchsetzen. Um 1570, in der Zeit des Anfangs von Oxfords literarischer Produktion, gibt es noch kaum literarische Produkte von hoher Qualität in englischer Sprache oder auf der Bühne. Oxford und andere von seiner Generation mussten die neue Kunstwelt Theater-Gedicht-Englisch erst schaffen.

2. Einge der Gedichte, die eindeutig Oxford zuzuschreiben sind, zeigen bereits etwas von dem später genialen sprachlichen und gestalterischen Zugriff des Autors.

3. Was nach der Italienreise von Oxford an Literatur produziert wurde, blieb anonym und wurde später unter dem Pseudonym Shakespeare einem Autor zugeordnet, der anonym bleiben musste. Einige der Theaterstücke und einige der Sonette sind in den späteren 1570er Jahren anzusetzen, eventuell in frühen, später verbesserten Fassungen.

4. Ist es nicht sehr viel leichter, den Weg Oxfords zur Genialität zu erklären als den Weg Shaksperes aus Stratford?

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2 thoughts on “Nelson 7: Schwache Gedichte”

  1. Ich kenne Goethehasser, die meinen, Goethes Lyrik werde überschätzt. Seine Dramen und seine Prosa sowieso. Und dann lästern sie über einzelne ausgewählte Werke und Stellen …

    Solches Verhalten kann übrigens auch den Meistern passieren. Zwei Beispiele fallen mir dazu ein: Celibidache meinte, Mahler sei ein ganz, ganz schlechter Komponist gewesen. Und Reich-Ranitzki meinte, James Joyces Ulysses werde überschätzt.

    Dass der Tribe der Stratfordianer seinem Todfeind Oxford nicht die Gnade der ästhetischen Würdigung seiner frühen Gedichte gewährt, muss uns nicht wundern. Diese Stratfordianer sind sogar imstande, die Sonette ihres Barden zu kastrieren – sie zu reinen Lyrikspielereien zu degradieren, sie ihres existenziellen persönlichen Bezugs zu entkleiden und sie damit zu lyrischen Nichtigkeiten zu machen.

  2. Wer sagt bitte, die bekannte Lyrik von Oxford sei schlecht? Entzückend zum Beispiel das Gedicht über das Tennisspiel. Dazu kommt die ungemein vergnügliche, von Kurt Kreiler hervorragend aufbereitete, erste englische Novelle „Die Abenteuer des Fortunatus Infoelix.“ aus der Feder Oxfords zusammen mit diversen sehr hübschen Gedichten im gleichen Band. („Hundreth Sundrie Flowers“). Da hat er George Gascoigne vorgeschoben als Autor des Buches, wie er als Jugendlicher schon seinen Onkel und damaligen Lehrer Arthur Golding vorgeschoben hat bei der hinreißenden Übersetzung von Ovids „Metamorphosen“, übrigends angeblich Shakespeares Lieblingsbuch. Was allein da schon zauberhafte Sprachschöpfungen in diesem Werk zu entdecken sind, von einer Qualität, die nachweislich Golding davor und danach nicht annähernd erreicht hat, zeigt uns den jugendlichen Oxford als kommenden Meister der englischen Sprache. Er hat ja damals schon Französisch und Italienisch gesprochen und geschrieben, natürlich Latein und Alt Griechisch. Dafür gibt es Belege: Abrechnungen für Bücher, Lehrpläne, die Namen der Lehrer – alles penibel von Burghley aufgelistet, da er bis zur Volljährigkeit seines Mündels alles aus dessen Einkommen entnommen hat. Sprachfertigkeit, Wendigkeit im Ausdruck durch Fremdsprachen und dazu Übersetzungen, vor allem aus dem Lateinischen, das hat den jungen Earl geschult. Dazu kommt sein Studium des Rechts am Grey´s Inn, wo Rhetorik ein wesentlicher Unterrichtsgegenstand gewesen ist. Von nichts kommt nichts…

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