Oxford-Bio: Jugend 1562 – 1570

1562

Oxford, 12 Jahre alt, ist nun ein Mündel. Allen Besitz verwaltet – und beutet rücksichtlos für sich aus: Robert Dudley, der spätere Earl of Leicester, Günstling der Queen.

Der Junge kommt in den Londoner Haushalt von William Cecil, (später) Baron Burghley; er ist der starke Mann der Regierung Elizabeths – 40 Jahre lang, immer loyal und verlässlich und akribisch wirtschaftend, immer kompetent, immer klug und vorsichtig, erstaunlich selbstlos, poloniushaft diensteifrig.

In seiner Hand liegt nun die Erziehung und der weitere Weg des jungen Oxford. Burghley wird als Vormund der Person der Ziehvater – später auch der Schwiegervater Oxfords.

Mit riesiegem Trauergeleit, dazu mit 140 Pferden, zieht Edward de Vere in London ein und bezieht Logis im Cecil House am Strand. Gepflete Gartenanlage. Große Bibliothek (mit 1500 Büchern und Manuskripten).

Der Junge hat zu studieren.

7.00 – 7.30 Uhr: Tanzen

7.30 – 8.00 Uhr: Frühstück

8.00 – 9.00 Uhr: Französisch

9.00 – 10.00 Uhr: Latein

10.00 – 10.30 Uhr: Schreiben, Zeichnen

Gemeinsames Gebet. Danach Mittagessen.

1.00 – 2.00 Uhr Kosmographie (= Geschichte, Geographie, Ökonomie, Astronomie, u. a.)

2.00 – 3.00 Uhr: Latein

3.00 – 4.00 Uhr: Französisch

4.00 – 4.30 Uhr: Übungen mit der Feder

Feiertage und der Rest der Wochentage: Bibellesen in Englisch und Latein, Reiten, Schießen, Tanzen, Spazierengehen, etc.

Später kommen Griechisch und Italienisch als Fremdsprachen hinzu.

Edward Oxenford (wie er sich nennt) ist nicht allein. Drei oder vier weitere adelige Kameraden lernen zusammen mit ihm.

Burghley kann sich bedeutende Lehrer für seine Zöglinge leisten. Einer ist der Sprachhistoriker Lawrence Nowell, ein zweiter Arthur Golding, Altphilologe und Althistoriker, der gerade Ovids Metamorphosen übersetzt (1567 werden sie gedruckt). Edward Oxenford ist sein Neffe. 1563 bringt er die Übersetzung von Aretinos Gotenkrieg heraus. Das Buch gehört zu den Quellen von Titus Andronicus. Im Jahr darauf widmet Golding seinem Neffen – er ist der Bruder der Mutter – und Schüler die Übersetzung eines lateinischen Textes nach Pompeius Trogus über die griechische und römische Geschichte – voller Bewunderung für das früh sich zeigende Genie.

Vor allem die Übersetzung Ovids wird ein Erfolg – über Jahrhunderte hinweg ist sie die gültige in englischer Sprache. Erstaunlich, dass ein früher Puritaner wie Golding sich auf diese Weise auf die heidnische Götterwelt und ihre unchristlichen Verwandlungen eingelassen hat. Die Bibel und Ovids Metamorphosen werden „Shakespeares“ sprachliche Hauptquellen werden.

1563 Die Mutter heiratet erneut – einen unbedeutenden Mann.

1564 Onkel und Tutor Arthur Golding schreibt über den 14jährigen Oxford:

It is not unknown to others and I have had experience thereof myself how earnest a desire your Honour hath naturally graffed in you to read, peruse and communicate with others as well as histories of ancient time and things done long ago as also of the present estate of things in our days, and that not without a certain pregnancy of wit and ripeness of understanding, the which do not only now rejoice the hearts of all such as bear faithful affection to th’ honourable house of your ancestors, but also stir up a great hope and expectation of such wisdom and experience in you in time to come as are meet and beseeming for so noble a race.

Im Sommer besucht die Queen Cambridge, zusammen mit ihrem „Sommergefolge“. Es gibt dort u. a. Theateraufführungen, zwei in Latein, eine – und das ist etwas Neues und Revolutionäres – in Englisch. Englisch wird allmählich eine Literatursprache und kann Latein ablösen. Der Kopf, der vor allem hinter dieser Entwicklung steht und sie vorantreibt, ist Richard Edwards, Elizabeths Master of the Children (zuständig für Chor, Maskenspiele und Theater) und selbst Dichter und Musiker und Komponist. Oxford wird einige Jahre später den früh verstorbenen Edwards mit einer Gedichtesammlung würdigen. Das englische Theater macht seine allerersten Schritte.

In diesem Jahr werden Marlowe in Canterbury und Shakspere in Stratford-upon-Avon geboren.

1567

studiert Recht im Gray’s Inn. Dort gibt es Anfang des Jahres englisches Theater: eine von Gascoigne aus dem italienischen übersetzte Komödie, von der einiges später in The Taming of the Shrew wieder auftaucht. Gascoigne gehört zu den ersten, die Theaterstücke in englischer Sprache schreiben. Thomas Watson kommt hinzu. Oxford wird von ihnen gelernt haben.

Im Gray’s Inn wird in dieser Zeit der Selbstmord-Fall Hales diskutiert. Er hat sich ertränkt. Oder hat ihn das Wasser ertränkt? (Es war damals noch nicht möglich, Unzurechnungsfähigkeit in Betracht zu ziehen; Hales war als Opferfolter nicht mehr bei sich. Als Selbstmörder kann er sein Vermögen nicht weitervererben, die Krone zieht es ein.) – In Hamlet kommentieren zwei Clowns den Tod Ophelias in einer Weise, die an die Debatte dieses Jahres erinnert.

Der Mordfall Brincknell

Am 23. Juli übt sich der 17jährige Oxford mit dem Kostümschneider Baynham im Hof von Cecil House im Fechten. Der Hilfskoch Thomas Bricknell, nach Angaben der Zeugen betrunken, kommt irgendwie dumm dazwischen und rennt Oxford in den Degen. Er stirbt am Tag danach an seiner Beinwunde (?).

So wird es jedenfalls nachträglich durch Zeugen und Lord Burghley persönlich dargestellt. Der Täter habe se defendendo gehandelt: in Selbstverteidigung. – Oxford wäre andernfalls als Mörder zu betrachten und hinzurichten.

Nichts Genaues weiß man hier nicht. Aber zumindest zwei Schlüsse lassen sich ziehen: Dieser junge Oxford sticht schnell zu. Und bequemerweise hat man aus dem Opfer den Schuldigen gemacht.

Eine Theorie dazu: Bricknell hat für Burghley spioniert, und das war der Grund für Oxfords Attacke. – Im Hamlet hat er später diese Situation auf die Bühne gebracht.

1568 Oxfords Mutter stirbt. (Es scheint, niemand weiß viel über sie zu sagen.)

Ihr Sohn macht Furore bei Hof als Tournierer, Tänzer, angehender Gelehrter. Zum ersten Mal erhält er eine Stimme bei der Wahl zum Ritter des Hosenbandordens.

Sein Leben ist aufwändig und teuer. Diener, Gefolgsleute, Pferdestall. Waffensammlung, eigene Bibliothek, teuerste (standesgemäße) Bekleidung kosten enorme Summen. Woher hat er das Geld? Er verfügt noch nicht über sein ererbtes Vermögen.

Offenbar war Geld für ihn nur dazu da, mit vollen Händen ausgegeben zu werden. Oxford führte ein Leben, als wäre sein Reichtum unerschöpflich, dabei war er nur beträchtlich – ein Unterschied, der ihm zum Verhängnis wurde.

Sobran S. 133

Eine Beschreibung, wie er als junger Mann aussieht:

Von mittlerer Größe oder etwas darunter , wirkte er keck mit seinen rötlichen Locken und hellbraunen Augen. Er trug einen Samthut mit einer flauschigen Fasanenfeder, eine schwarze Samtjacke, Samthosen, seidene Strümpfe, gehalten von silbernen Bändern – an den Füßen die breiten. flachen Lederschuhe seiner Zeit. Seitlich führte er einen leichten Degen im silberplattierten Gürtel.

B. M. Ward, 1928, zitiert bei Kreiler, S. 54

1569 ist Oxford lange krank.

Er hat inzwischen seine Geneva Bible, die er im Laufe der Zeit mit über 1000 Unterstreichungen und Anmerkungen versieht. Offensichtlich wird er die gesamte Bibel mehrfach lesen. 200 der angestrichenen Stellen finden ihr Echo im Werk Shakespeares.

Im Northumberland beginnt die Northern Rebellion. Gegen Ende des Jahres ist sie niedergeschlagen.

Der Herzog von Norfolk landet im Gefängnis – wegen seiner geheimen, für die Queen gefährlichen Ambitionen, Mary Stuart zu heiraten. Er ist Oxfords Cousin, und Oxford setzt sich für ihn ein. Damit erregt er den Unwillen seines Ziehvaters Lord Burghley. Ein geschickt diplomatischer Brief an diesen zeugt von der Versöhnung. Oxford bittet darum, militärisch im Norden Englands eingesetzt zu werden.

1570

Sein Wunsch wird ihm erfüllt. Er bekommt noch einige letzte Scharmützel mit und erlebt etwas von der blutigen und etwas von der unromantischen Seite des Krieges.


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