Oxford-Bio 1571-1576: Star am Hof

1571

Oxford ist nun 21 und erwachsen, nimmt seinen Platz in House of Lords ein. Zu seinen Ehren findet ein aufwändiges Tournier in Whitehall statt.

Zugleich bahnt sich die finanzielle Katastrophe an: Um sein Erbe antreten zu können, muss er dem Hof 7000 Pfund bezahlen – in Raten bis zum Jahr 1581. Die jährlichen Einnahmen aus seinen Ländereien beträgt 666 Pfund. (10 Jahre lang müsste er also Jahr für Jahr mehr zahlen, als er überhaupt einnimmt.)

Oxford scheint sich wenig darum zu kümmern. Er ist jung, voller Energie, widmet sich den Frauen, seinen Freunden, dem Feiern von Festen, der Jagd, dem ritterlichen Sport, den Musen, der klassischen Bildung; er leistet sich, was er meint, sich leisten zu müssen. Mit Geld kann er nicht umgehen. Jedenfalls nicht wie ein Bürgerlicher oder wie Burghley oder die Queen.

Er ist der begehrteste Junggeselle dieses Jahrs; er braucht eine reiche Heirat, die seine finanzielle Lage und seine Lust am Verschwenden erleichtern könnte.

Wählt Oxford die 14hjährige Ann Burghley – oder hat deren Vater, sein bisheriger Ziehvater Lord Burghley, ihn gewählt? Die Hochzeit findet Ende des Jahres statt – mit allem Prunk, den der Hochadel sich leistet. Die Mitgift beträgt 3000 Pfund. Sie besteht auch in den besten Beziehungen, die man nur haben kann – zum mächtigsten Mann am Hof, der nun als Schwiegervater Interesse am Gedeihen des Manns seiner Tochter hat.

Ein Höfling berichtet an den Grafen von Rutland:

Der Graf von Oxford hat sich eine Frau genommen – oder zumindest hat ihn eine Frau eingefangen; es ist Mistress Anne Cecil; wozu die Königin ihre Zustimmung erteilt hat, und was großes Jammern und Wehklagen und kummervollen Beifall jener fand, die gehofft hatten, selber diesen goldenen Tag zu erleben. So mögt Ihr sehen: indes einige mit Olivenzweigen frohlocken, folgen andere der Hochzeitskutsche mit Weidengebinden.

zit. bei Sobran, 134

zit. bei Sobran, 134

Anne Cecil wird von ihrer Familie „Tannikin“ (Sonnenscheinchen) genannt. Sie ist hübsch, wohlerzogen und lieb – und vielleicht etwas zu langweilig für den wilden jungen Grafen von Oxford.

Der von Anfang an zu den Lieblingen am Hof gehört. So übersteht er auch die erste politische Krise: Sein Name steht auf der Liste der Anhänger des Herzogs von Norfolk, dessen Hochverrat (die Ridolfi-Verschwörung) jetzt auffliegt und im nächsten Jahr mit der Hinrichtung Norfolks endet.

1572

Im Prozess gegen den Herzog von Norfolk setzt sich Oxford vergeblich für seinen Onkel ein. Wie stark, wissen wir nicht. Es besteht das Gerücht, dass er sich mit Lord Burghley deshalb zerstreitet; dass er erbittert genug gewesen sei, um sich an seinem Schwiegervater zu rächen – indem er dessen Tochter ruiniere.

Mit der Ehe scheint es jedenfalls nicht gut zu gehen. Oxford lässt sich seine Freiheit gegenüber dem anderen Geschlecht nicht nehmen. Er bedichtet andere Damen, nicht seine Frau.

Andererseits erkennt man seinen Erfolg am Hof und unter Seinesgleichen: Immerhin erreicht er 7 von 9 Stimmen der Ritter vom Hosenbandorden, die der Queen empfehlen, ihn in den Orden aufzunehmen. Die Queen wartet lieber erst noch ab. Aber sie schätzt den begabten Unterhalter und Inszenator.

Gilbert Talbot schreibt privat über den Grafen:

Der Herr von Oxford steht neuerdings in großer Gunst, denn ihre königlische Majestät ergötzt sich mehr und mehr an seiner Person und an seinem Tanz und an seiner Ritterlichkeit als an irgendeinem anderen. Ich glaube, Sussex fördert ihn, wo er nur kann; wäre nicht sein launisches Wesen, er würde bald alle in den Schatten stellen.“

Lord Burghley selbst ist stolz auf seinen Schwiegersohn:

In ihm steckt mehr Klugheit, als jeder, der ihn nicht kennt, vermuten würde. Und ich für mein Teil habe meine Freude an seinem Witz und Wissen, bestärkt durch gute Gespräche.

beide Zitate nach Sobran, S. 140

Sobran: Der Hofklatsch erkläre die Queen und Oxford sogar zum Liebespaar. Talbot dazu:

Zu all diesen Liebesgeschichten zwinkert der Schatzkanzler nur und mischt sich in keiner Weise ein. … Er kümmert sich nur um die Staatsgeschäfte.“

Oxford gibt die Bibel des Renaissance-Aristokraten, Castigliones, in Latein heraus: Il Libro del Cortegiano. (Es ist schon ins Englische übersetzt.) Hier findet er sein Muster, das Vorbild des idealen Hofmanns – von Castiglione genial dargestellt. Er widmet das Buch der Queen, sein Vorwort ist eine klassische Prunkrede an sie.

Ein zweites Buch gibt er heraus: Cardanus Comforte. Girolamo Cardano hat dieses bedeutende Trostbuch verfasst, Oxford veranlasst seinen Freund Thomas Bedingfield, es ins Englische zu übersetzen, und schreibt ein bemerkenswertes Vorwort. (Seine Gedanken finden wir in Hamlet wieder.) Das Gedicht, das er hinzufügt, zeigt bereits den Meister und den Denker, der eigene Wege gehen wird:

Der Earl of Oxford an den Leser

Der Tagelöhner, der den Grund bestellt
und Korn zu Garben bindet, erntet Hohn
statt Lohn, da er für Arbeit Stroh erhält.
Er nimmt vorlieb mit Spreu, der Herr mit Korn,
und weißes Brot kommt nicht auf seinen Tisch,
ihm müssen Kohl und schwarzes Mehl genügen.
Den Gutsherrn zieht es mehr zu Fleisch und Fisch.
statt Unkrauf jäten geht er Blumen pflücken.

zitiert in der Übersetzung von Kreiler, S. 8

So beginnt es; weiter geht es mit dem Lob für den Maurer, der dem müßigen Grafen das Schoss hinstellt und mit dem Windhund, der dem adeligen Jäger den Hasen erjagt – und selber leer ausgeht.

Wie kommt dieser vergnügungssüchtige junge Mann, der so ganz in der aristokratischen Luxuswelt aufzugehen scheint, auf solche adelskritischen Betrachtungen?

Cardanus Comforte lässt ihn an das Unglück denken, das auch sein eigenes Leben begleitet und weiter begleiten wird. Sich selbst nennt er Fortunatus Infoelix – den unglücklichen Glücklichen.

1572 ist auch das Jahr der Bartholomäus-Nacht in Frankreich, deren Schockwellen England erreichen. Oxford bittet Burghley, ihn doch mit einem kriegerischen Einsatz im Ausland oder in der Flotte zu betrauen. Er ist Feuer und Flamme gegen die „Papisten“.

1573

Oxford schickt drei von seinen Leuten los, um zwei Spitzel (die ihn ausspionieren sollten?), eine Lektion zu erteilen: der nächtliche Überfall findet zwischen Rochester und Gravesend statt – und einige Jahre später wieder in 1 Henry IV, 2. Akt? – Die Opfer beklagen sich bei Lord Burghley.

A Hundreth sundrie Flowres bounde up in one small Poesie

Oxford findet einen Weg, wie er seine Dichtung anonym veröffentlichen kann. Er gibt Werke von George Gascoigne heraus, und in zwei der fünf Abteilungen kommen seine eigenen Beiträge, aber alle unter verschiedenen Chiffren, F. I. zum Beispiel, oder G. T. oder H. W. (From my lodging near the Strand) – Oxford wohnt im Savoy nahe am Strand, spricht in einem Gedicht von The lustie Ver und bildet eine Kette von Anfangsbuchstaben bei den Gedichten, die den Namen Edward de Vere ergeben.

Der erhebliche Unterschied in Stil, Qualität und sozialem Blickwinkel lässt außerdem leicht entscheiden, was von Gascoigne ist und was nicht.

Von Oxford finden wir 1. die erste englische Novelle, Adventures of Master F. I., 2. Divers excellent Devises of sundry Gentlemen, 3. eine Reihe von Gedichten, Balladen, Liedern, etc..

Auf dieses anonyme Werk im Werk werde ich an anderer Stelle ausführlich eingehen. Hier zeigt sich der künftige Autor, der Mann hinter dem Pseudonym Shakespeare kündigt sich an.

Dass in der Novelle erstmals seit Chaucer wieder körperliche Vorgänge der Liebe ohne Scheu in Worte gefasst werden, ist wohl der Grund für den kleinen Skandal, den das Werk am Hof auslöst. Und dass der aktuelle Günstling der Queen, Christopher Hatton, dagegen wehren muss, als Verfasser vermutet zu werden: Er nennt sich gern Foelix Infortunatus – in Verkehrung von Oxfords Fortunatus infoelix. In The Twelvth Night unterschreibt die Dienerin Maria den von ihr fingierten Brief Malvolios an Olivia mit THE FORTUNATE UNHAPPY.

1574

Oxford bezieht zusätzlich zur Suite im Savoy endlich das große Haus seiner Familie in London, das Vere House. Seine Schulden betragen 6000 Pfund (darin sind die Alt-Schulden an die Krone eingeschlossen).

Etwas später schreibt er in einem Brief an Burghley stolz, nicht er diene seinem Besitz, sein Besitz habe ihm zu dienen.

Jemand (Ralph Lane) beschuldigt Oxford, mit einem spanischen Agenten (de Guaras) im Bunde zu sein. (Keine Ahnung, was da dran ist. Es klingt nicht plausibel.)

Oxfords Bemühungen um politische oder militärische Engagements im Dienste der Queen scheitern – man hält ihn wohl für unberechenbar. So macht er sich auf eigene Faust – gegen den Willen der Queen – auf die Reise nach Flandern. Sein Ziel, George Gascoigne aus dem Gefängnis von Haarlem zu holen, das die Spanier besetzt halten. (In den Niederlanden tobt der Befreiungskrieg.) Bevor Oxford noch zu seinem Dichterkameraden vorstoßen kann, erwischt ihn der Abgesandte der Queen, sein Freund Bedingfield, und zwingt ihn zur Rückkehr. Die Queen verzeiht dem demonstrativ Reumütigen großzügig.

Im Oktober schwängert er seine inzwischen 18jährige Frau.

Und er schreibt sein erstes Theaterstück: Titus Andronicus. (Henry Peachum, ein Sekretär von Lord Burghley, hat in diesem Jahr eine Zeichnung von der Aufführung angefertigt und aus dem Manuskript (!) einige Stellen zitiert. (Mehr dazu bei Kreiler und auf meiner Titus-Andronicus-Seite!)

Die Parallelen zu Gedichten aus dem zeitgleichen Liebesgedicht Paradise of Dainty Devices sind deutlich.

Mit dem kompromisslosen butig hochdramatischen Rachestück schafft Oxford das Vorbild für die in den kommenden Jahren entstehenden Rachestücken von Peele, Marlowe, Kydd und anderen.

Walter Klier nimmt an, dass in dieser Zeit ein Vorläufer der King-Henry-Stücke entstanden ist: The Famous Victories of Henry the Fifth. Grundlage sind noch die Chroniken von Hall; die späteren Stücke zu Henry IV, V und VI stützen sich dann auf Holinshead (1577 erschienen).

1575
ITALIENREISE

Im den nun veröffentlichten Poiesies of George Gascoigne verborgen finden sich wieder viele Oxford-Gedichte, dazu eine gereinigte Fassung seiner skandalösen Novelle.

Um sich vor der Italienreise der drückendsten Schulden zu entledigen und um das Geld für die Reise zusammenzubekommen, lässt Oxford seinen Schwiegervater Burghley einen erheblichen Teil seiner Güter verkaufen.

Im Februar reist er ab – als Gesandter im Auftrag der Königin, mit allen nötigen Empfehlungsschreiben von höchster Stelle ausgestattet.

Zunächst besucht er Paris, stellt sich am Königshof vor, verbringt einige Wochen dort. Er erfährt, dass seine Frau – überraschenderweise – schwanger ist. Es muss ein Junge werden, meint er begeistert und lässt sein Portrait malen und ihr schicken. Es ist dasjenige, das wir kennen und in der Titelleiste zeigen.

Von Paris aus geht es nach Straßburg. Oxford besucht den bedeutenden Humanisten und Schulreformer Johannes Sturmius (1507-1589).

Über Ulm, Augsburg, München, Brenner, Bozen, Verona reist er rasch nach Venedig. (Kreiler nimmt es an. Oxford reist natürlich nicht allein; er wird von einem kleinen Tross begleitet: zwei Gentlemen und sieben oder acht Dienern; Pferdeknechten, je einem Zahlmeister, Quartiermeister, Küchenmeister, Boten.)

Über den Italienaufenthalt siehe die noch zu schreibenden Italien-Kapitel. Hier nur kurz zusammenfassend:

Mai – Juli: in Venedig, wohl auch in Padua
Juli: Mantua, auf dem Weg nach Genua
August: Genua
September – Dezember: zurück in Venedig; erfährt von der Geburt seiner Tochter Elizabeth; Krankheit legt ihn eine Zeitlang lahm
Dezember: Florenz, Siena, Lucca

(Wir wissen nicht, ob Oxford auch in Rom, Neapel, Messina und Palermo war. Es scheint aber nicht wahrscheinlich zu sein.)

Einige Monate liegt Oxford krank darnieder. Malaria?

In Venedig erfährt Oxford, dass seine Frau von einem Mädchen entbunden worden ist.

Was seine Finanzen auf der Reise angeht, so scheint er pleite zu sein. 1000 Pfund hatte er zur Verfügung – sie sind längst ausgegeben. Oxford macht Schulden in Venedig und bestürmt Lord Burghley, ihm doch endlich Geld zu schicken. Der aber hält sich zurück.

1576

Januar, Februar: Florenz, Siena, Lucca, mitte Februar ist er wieder in Venedig

Er erhält keine Erlaubnis, die Reise zu verlängern. Also kehrt er über Paris zurück. In Paris nimmt er (im März) an der kleinen Academie du Palais des Königs Henri III. teil – sie gibt die Anregung zu Love’s Labour’s Lost.

April: Sein Schiff wird im Ärmelkanal von Piraten überfallen und ausgeplündert. Er bescheidener Kleidung erreicht er Dover … Dabei hat er den Sängerknaben Orazio Cogno aus Venedig, dessen Eltern ihm ein Jahr in England erlaubt haben. (Bald darauf Grund zum Vorwurf der Päderastie.)

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