Oxford-Bio 1576 – 1580: Theatermann

1576

Die Reise war teuer – Oxfords Schulden liegen jetzt bei 9000 Pfund.

April: Die holländischen Piraten lassen ihren hohen Gefangenen gegen Lösegeld frei. Er geht in Dover an Land und wird von seinen drei Intimfreunden emfpangen: Lord Henry Howard (sein Cousin), Rowland York, Edward York. Später kommt noch Sir Arundell, ebenfalls mit Oxford verwandt, hinzu. Mit diesen Herren wird Oxford in den kommenden fünf Jahren viel zu tun haben …

Sie sind es wohl, die ihm – wie Jago dem Othello – einflüstern, dass Anne ihrem Mann untreu gewesen ist und die Tochter einen anderen als Vater hat.

Womit – wenn das öffentlich würde – auch Oxfords Ehre beschmutzt wäre.

Othello“ glaubt seinen „Jagos“ und – ohne es öffentlich zu machen – vermeidet ab jetzt fünf Jahre lang den Umgang mit seiner Frau. (Die, so erfahren wir, jederzeit bereit war, ihm zu vergeben, und vor Sehnsucht fast vergeht.)

Burghley versucht vergeblich, seine Tochter („Desdemona„) zu verteidigen. Oxford bleibt hart. Seine Frau darf, so sagt er, weiter am Hof erscheinen, aber nur dann, wenn er selber nicht anwesend sei.

Oxfords Verhalten Anne gegenüber läßt sich kaum entschuldigen oder auch nur verstehen. Er hatte keine Zweifel an ihrer Treue, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr, oder auch später, als er die Nachricht von der Geburt des Kindes erhielt. Aber jede Bedrohung seiner Ehre, seines „guten Namens“, versetzte ihn in rasende Wut, und erzürntes Ehrgefühl verleitet Männer oft zu unehrenhaften Handlungsweise, wovon die Stücke Shakespeares Zeugnis ablegen. Für ihn genügte es, daß Anne, so untadelig sie auch in Wirklichkeit gewesen sein mag, ‚vor der Welt entehrt‘ war. Später sollte er seinen eigenen Vetter Henry Howard beschuldigen, das Gerücht, Elizabeth sei nicht sein Kind, verbreitet zu haben.

Sobran S. 147

Peter R. Moore deutet an, dass hinter dem Ehedrama auch Burghleys Frau stehen könnte. Sie scheint eine erbitterte Feindin von Oxford gewesen zu sein. (Vgl. Moore, S. 250ff). Ich wüsste gern mehr darüber.

Eine Anthologie von Gedichten erscheint, mit anonymen Beiträgen auch von Oxford: The Paradise of Dainty Devices. Eins der Gedichte nimmt direkt Bezug auf das Ehedrama. Es ist überschrieben: „Er erhebt Klage, nachdem sein guter Name befleckt worden ist„.

Ein depressives Gedichte nimmt vielleicht Bezug auf die schlimme persönliche Situation des Grafen:

Im Angesicht zerbrochener Hoffnung, die sich nie wieder zusammenfügt,
Stehe ich ohne Stützen, den Schrecken der Schmach und Schande zu erdulden.
Mein Leben dauert fort und fort, verbracht auf liederlichem Lager;
Mein Tod hinausgeschoben, um vom Leben das Leid glückloser Tage zu behalten.
Meine Lebensgeister, Herz, Verstand und Kraft sind ertrunken in tiefem Jammer;
Der Verlust meines guten Namens ist einzig all diesen Grames Grund.

zit. bei Sobran, S. 136f

Ein bereits recht shakespearisches Gedicht geht so:

Wäre ich ein König, könnte ich Zufriedenheit gebieten;
Wäre ich ein armer Wicht, blieben meine Sorgen unbekannt,
Und wäre ich tot, würden mich weder Gedanken peinigen
Noch Worte, Unrecht, Liebe, Haß oder Ängste;
Ein Königreich oder eine Hütte oder ein Grab.

zit. bei Sobran, S. 139f

Acht der Gedichte sind mit E. O. eindeutig zuweisbar, eine Reihe weiterer lassen sich als seine Werke erschließen, u. a. diejenigen, die mit „My lucke is losse“ unterzeichnet sind.

Einige Gedichte verweisen auf die Tragödie „Timon von Athen„, die in dieser Zeit wohl entsteht.

Auch den Freund und Dichterkollegen George Gascoigne trifft er wieder – der sich A Poet with a Speare nennt. Er wird im folgenden Jahr sterben – und Oxford die Idee für sein Pseudonym weitergeben.

Wer sind die gefährlichen Freunde Oxfords? – Katholiken, die den Versuch machen, ihn zu einem der ihren zu machen.

  • Lord Henry Howard, 1540-1614, der Bruder des hingerichteten Duke of Norfolk; er hasst die Queen und ihr Regime, war zweimal in Haft, hat keinen Zugang zum Hof mehr, wird aber unter King James I. wieder aufsteigen – und mit Intrigen und Verleumdungen dafür sorgen, dass Sir Walter Raleigh im Gefängnis landet. –
  • Rowland York, ca. 1550 – 1588, ein verwegener Abenteurer, der auch so endet. 1577 zerstreitet er sich mit Oxford.
  • Sir Charles Arundell, 1539-1587, in verschiedenen politischen Missionen tätig.

Schon 1577 wird es zur Entfremdung, 1580 wird es mit diesen dreien zum Eklat kommen. Im Moment aber stehen sie Oxford nahe – näher als seine Frau. Er entscheidet sich für die Freunde und gegen seine Frau.

Im übrigen scheint sich Oxford in das Verfassen seiner italienischen Theaterstücke zu stürzen. Vermutlich entstehen sie alle noch vor dem Armada-Jahr 1588, als sich das bis dahin italienfreundliche Klima in England drastisch abkühlt (Italien ist papistisch und steht auf der Seite des Todfeinds.)

1577

Schwester Mary Vere (1754-1624) heiratet Peregrine Bertie, Lord Willoughby d’Eresbie. Zunächst ist Oxford skeptisch, wird dann aber Freund von Peregrine Bertie. Der Baron wirkt als Diplomat einige Zeit in Kopenhagen.

Historie of Error“ = wahrscheinlich „Comedy of Errors„, aufgeführt von einer Kindertruppe: The St. Paul’s Children
Two Gentlement of Verona
Oxford gelingt es, die höfische Sprache zu poetisieren. Die Komödien sind am Hof und in Häusern der Aristokraten ein Erfolg; die Kompanien, die sie spielen, führen sie nun auch vor bürgerlichem Publikum auf. Es hindert sie niemand daran.

Offensichtlich hat Oxford, trotz seines problematischen Verhaltens gegenüber seiner Frau weiter großen Erfolg am Hof Erfolg. In diesem und dem kommenden Jahr besucht die Queen Besitzungen des Earls.

1578

Twelfth Night – As you will
Kreiler vermutet diese meisterhafte Hofkomödie für dieses Jahr. (Die ausführliche Argumentation dafür bringe ich an anderer Stelle. Aie Toby Belch ist ein Vorläufer von Falstaff.)

Oxford katholisch?

Viele Autoren unterstellen Oxford für die Jahre 1576/77/78 eine katholische Phase. Kreiler widerspricht entschieden. Es geht um Politik und Intrigen. Die „feranzösische Partei“ erhofft sich eine Heirat der Queen mit dem zwar katholischen, aber für die protestantischen Niederlande kämpfenden Herzog von Alencon, dem jüngeren Bruder des französischen Königs. Die Queen „spielt“ mit dieser Option. Oxford steht dieser Partei nahe. Auf der anderen Seite stehen die rigorosen Gegner irgend eines Bündnisses mit katholischen Kräften: Diese Partei wird vom Earl of Leicester angeführt. England soll unabhängig von Frankreich den Kampf der Niederlande gegen die Habsburger durch Militärkontingente unterstützen.

Oxford erhofft sich in diesem Spiel eine politische Rolle, würde sie gern als Abgesandter oder Offizier auf dem Kontinent spielen. Dazu kommt es nicht.

Die Katholiken in England hoffen sowohl auf die französische Hochzeit als auch darauf, dass Oxford katholisch wird. Der Earl aber macht klar, dass er gern gegen die Katholiken ins Feld ziehen würde.

Am Ende bläst Elizabeth die „französische Option“ ab. Es war ihr damit wohl nie ernst.

Frobisher-Fiasko

Frobisher hat bereits zwei gewagte Vorstöße in arktische Regionen versucht. Für England wäre es wertvoll, wenn es einen Seeweg im Norden Amerikas hinüber zum Pazifik und dann weiter nach Ostasien entdecken und nutzen könnte. Die dritte Frobisher-Expedition ist bestens ausgerüstet und finanziert.

Oxford setzt die gewaltige Summe von 3000 Pfund aufs Spiel. Die Expedition scheitert an der Natur – alle, die investiert haben, verlieren ihren Einsatz – Oxford die gesamten 3000 Pfund. Er scheint das gelassen hinzunehmen. Er hat seit seiner Rückkehr weitere sieben Besitztümer verkauft. Geldverdienen wird für ihn (anders als für Shakspere aus Stratford) nie zum Lebensmittelpunkt und Zweck des Wirkens.

Harveys Rat an Oxford

Hatton (der Günstling der Queen) sei ein von der Queen beglückter Unglücklicher – Oxford hingegen ein verwöhnter Mensch, der sogar noch im Glück unglücklich bleibe, schreibt Gabriel Harvey, ein Gelehrter und Dichter im Dienste des Earl of Leicester. Oxford sei ein gefährlicher und gefährdeter Alleskönner, überaus begabt, aber zu leichtsinnig, leichtfertig verschwendet er sein Talent.

Eure Miene schleudert Lanzen; wer möchte nicht schwören, daß ein Achill wieder lebendig ist?

„… whose contenance shakes spears“

Handelt, großer Earl, Ihr müßt die Hoffnung auf Eure Tapferkeit nähren; es nützt im Frieden, daß ein Mann die schrecklichen Waffen des Mars ergreift.

zit. Kreiler, S. 207

Es wird aber eben nichts daraus; der Krieg ist abgesagt. Aber ersatzweise könnte sich Oxford zum kriegerischen Sänger entwickeln, also vielleicht seinen Speer in schlachtenreichen Theaterstücken schwingen.

Lily und Munday

John Lily (1554-1606) und Anthony Munday (1560-1633) werden Schüler, Dienstleute, literarische Sekretäre von Oxford.

Lily verfasst einen Roman – einen der ersten in englischer Sprache überhaupt: Euphues. The Anatomy of Wit. Er kommt im folgenden Jahr heraus und begründet eine neue höfische Mode des gezierten, gespreizten Stils.

Munday arbeitet u. a. als Schauspieler und beginnt zu dichten, u. a. auch Theaterstücke. Er dient dem Spymaster Walsingham auch als einer, der die Katholiken ausspioniert – erfolgreich. (Eine Spionagemission führt ihn nach Rom.)

The Jew

Vermutlich ist dies eine erste Fassung des „Merchant of Venice„. Sie enthält bereits die wesentlichen Elemente dieser seltsamen, ungeheuer wirksamen „Komödie“: Kaufmann, 3000 Dukaten Verschuldung beim Juden, blutiger Kontrakt mit dramatischem Ende, Portia, Belmont, die Wahl zwischen den drei Kästchen.

(Es ist nicht anzunehmen, dass „Shakespeare“ diese Komödie 20 Jahre später einfach nur plagiiert, leicht verändert unter seinem Namen herausgebracht hat. Kreiler zeigt im Detail, wie sehr diese Komödie mit ihren Anspielungen genau in diese Jahre um 1579 passt. Passen könnte.)

1579 kommt Stephen Gossons Schoole of Abuse heraus, ein Pamphlet gegen das Theater, allerdings nicht gegen sehr gutes Theater, sondern nur das für den Pöbel. Gute Stücke solle man nur im kleinen, erlesenen Kreis aufführen … Und so ein gutes Stück sei The Jew.

Es wird allerdings bereits öffentlich aufgeführt: im Bull in der Bishopsgate. Wir stehen am Beginn des öffentlichen Theaters – dem Start einer kulturellen Revolution.

Adelige treten – unter sich, im höfischen und hochadeligen Privatkreis – gern auch als Schauspieler auf. Wir dürfen uns Edward de Vere in einigen Paraderollen vorstellen, etwa als Antonio oder Bassanio oder Shylock, und nicht nur als Stückeschreiber und Lyriker.

So unter sich ist weit mehr gestattet als das, was den bürgerlichen Stückeschreibern für die öffentliche Bühne erlaubt ist. Unter sich macht man sich gern auch mal lustig über sich. Es wäre zu untersuchen, wie weit sich die öffentlichen Aufführungen von Shakespeare-Dramen von den Hofaufführungen (die vermutlich den First-Folio-Ausgaben näher kommen) unterscheiden.

1579

Tennis-Streit zwischen Oxford und Sidney

Vor den Augen der hohen französischen Gäste, darunter dem Herzog von Alencon auf Freiersfüßen, betritt Oxford mit einem ungenannten Begleiter den Tennisplatz, auf dem gerade Philip Sidney spielt – ein Poet, den Oxford sehr schätzt, den er aber nun als der Höhergestellte auffordert, ihm sofort den Tennisplatz zu überlassen. Sidney weigert sich, es kommt zu gegenseitiger Beleidigung, am Ende fordert Sidney Oxford zum Duell.

Die Queen interveniert: Es gehe nicht an, dass ein so relativ kleiner Adeliger wie Sidney sich mit einem Peer wie Oxford duelliere. Der Streit geht 1580 weiter, nun fordert Oxford Sidney zum Duell, und wieder greift die Queen ein, weist Sidney vom Hof und legt Oxford zwei Wochen Hausarrest zur Abkühlung auf.

Anne Vavasour

Sie ist eine der zur Keuschheit verpflichteten schönen Hofdamen der Queen, 18 oder 19 Jahre alt, und der von seiner Frau getrennt lebende Oxford verliebt sich in sie, verführt sie (oder sie verführt ihn?) … Sie halten ihr Verhältnis eine Zeitlang erfolgreich geheim. Was Oxford nicht daran hindert, einige Liebesgedicht zum Thema geheime, verheimlichte Liebe zu verfassen (und handschriftlich zu verteilen) .

1580

Einer der besten Dichter, die England je gehabt hat, ist Edmund Spenser (1552-1599). Er beglückt den Hof mit „The Shepheardes Calender„, zu diesem Zeitpunkt noch anonym. Darin klingt das berühmte Schlusslied des philosphischen Narren Feste in der Twelfth Night an. Das ist nur eine der Anspielungen auf Oxford und sein wachsendes Werk.

(Die Orthodoxie besteht in jedem einzelnen Fall – und es sind sehr viele einzelne Fälle – darauf, dass Shakspeare/Shakespeare der Plagiator war und sich eventuell sogar den gesamten „Merchant of Venice“ kopiert und (nur modifiziert und sprachlich verbessert) unter den Nagel gerissen habe. Denn „ihr“ Shakespeare ist im Jahre 1580 erst 16 Jahre alt. So etwas ist gewiss denkbar – aber ist es auch wahrscheinlich?)

Gabriel Harvey schreibt wieder einiges über den gehassten, bewunderten Oxford: ein Gedicht unter dem Titel Speculum Tuscanismi (Spiegel des Toskanismus). Er nimmt Oxfords Italienertum und die Gewissenlosigkeit des Schöngeists ins Visier. Er geht damit zu weit, muss sich vor dem Kronrat verantworten und landet kurze Zeit im Gefängnis.

Oxfords literarischer Sekretär John Lily springt seinem Herrn zur Seite und setzt seinen erfolgreichen Euphues fort: Euphues in England.

Bei den Wahlen zum Hosenbandorden bekommt Oxford diesmal nur 5 von 14 Stimmen – er wird langsam unbeliebt. Die Katastrophe steht aber noch bevor. Sie beginnt am Freitag, den 16. Dezember 1580. Mehr dazu auf der nächsten Seite.

April: Oxford übernimmt die Schauspielkompanie des Earl of Warwick. Möglicherweise gehört der Star-Komödiant Richard Tarleton dazu. Die Oxford’s Men werden auf Tournee ca. 1583/84 auch Stratford-upon-Avon besuchen und dort in der Guild Hall spielen. (Ohne Beisein des Patrons, natürlich. Aber William Shakspere, geb. 1564, könnte jetzt eins der Theaterstücke gesehen haben, die er ein Jahrzehnt später einmal schreiben wird … )

Theater wird zunächst vor allem am Hof (Whitehall, Greenwich, Hampton Court) und in den großen Häusern der Adeligen gespielt. Seit ca. 1575 intensiviert sich das Theaterleben auch auf öffentlichen Bühnen – The Bull Inn, The Theatre, The Curtain. Hochadelige Herren schützen mit ihrer demonstrativen Patronage die Schauspieler davor, als Vagagunden behandelt zu werden.

Die eher puritantisch orientierten Stadtväter von London machen dem – ihrer Überzeugung nach – sündigen Treiben wenigstens in der Stadt London bald ein Ende. Es beginnt nun der heftige Theaterstreit. Die Stadt kauft den Dramatiker Anthony Munday, um ihn gegen das öffentliche Theater polemisieren zu lassen; Stephen Gosson schreibt zwei wirkungsvolle Kampfschriften gegen das Theater. Was sind die Schauspieler für die bürgerliche Elite? – „Zecher, Zotenreißer, Falschspieler, Aufschneider, Aufreißer, Bummler, Raufbolde.“ Die guten Christenbürger halten sich von diesem gefährlichen Vergnügen der Aristokraten und des Pöbels fern. Es gibt dennoch genug Publikum fürs öffentliche Theater, wie sich zeigen wird. Nur muss es sich bald außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der Londoner Stadtregierung ansiedeln.

Oxford ist auch Patron einer Knaben-Truppe, den Oxford’s Boys.

Oxford kauft Fisher’s Folly, ein großes Haus in Bishopsgate, und lässt es teuer renovieren. Hier wohnt er nun und hält seinen literarischen und musikalischen Salon.

Das problematische Verhältnis zu Anne Vavasour bleibt in diesem Jahr noch geheim; aber die Geliebte wird schwanger …

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