Oxford-Bio 1580 – 1583: Absturz

1580

Der Howard/Arundell/Southwell-Angriff

Freitag, 16.12.: Heftiger Streit zwischen Oxford und den (früheren) Freunden Howard und Arundell. Zwei Tage danach wirft sich Oxford der Queen vor die Füße und klagt Henry Howard, Charles Arundell und Francis Southwell der katholischen Verschwörung gegen die Königin an. Nach dem vorläufigen Scheitern der katholisch-französischen Hoffnungen haben sie auf die spanisch-katholische Karte gesetzt. Hochverrat.

1581

Die Verratenen werden umgehend verhaftet; sie wehren sich, indem sie ihrerseits Oxford anklagen – und zwar, dass er nach der Italienreise katholisch geworden, nun aber dem Katholizismus abtrünnig geworden sei. Vom Gefängnis aus attackieren sie Oxford mittels Pamphleten. Es sind wüste Anschuldigungen, die Oxford als doppelten Verräter, als Wüstling, als hemmungsloses Großmaul erscheinen lassen sollen.

Howard bezichtigte Oxford, mit den Spaniern zum Sturz Elizabeths zu konspirieren, er nannte ihn ‚einen schamlosen Lügner‘ und ‚Gewohnheitstrinker‘. Er fügte hinzu, Oxford habe sich geschworen, die Königin dafür zu bestrafen, daß sie ihn einen ‚Bastard‘ genannt hatte, eine Anspielung auf Oxfords frühere Probleme bei der Titelfolge. Er unterstellte Oxford sogar die Äußerung, Elizabeth habe eine miserable Singstimme.

Arundel fügte seinerseits hinzu, Oxford habe Gott gelästert und die Göttlichkeit von Christus verneint, habe ‚hundert Meineide geleistet und sich selbst in die tiefste Hölle verdammt“, er „sei ein äußerst notorischer Säufer und sehr selten nüchtern“, er habe ‚alle Untaten der Grausamkeit, Gemeinheit und Schändlichkeit begangen, keine Frau schonend, und sei sie noch so tugendhaft, desgleichen keinen Mann, und sei er noch so ehrenwert‘, und so weiter und so fort. ‚Die Laster dieses schurkischen Grafen aufzuzählen wäre eine Arbeit ohne Ende.‘ … Arundel legte Oxford zur Last, er habe ‚mit einem Knaben, der sein Koch ist, und mit vielen anderen Knaben Unzucht getrieben.

Arundel:

Ich werde ihm die Unzucht mit einem Knaben, der sein Koch ist, nachweisen, durch dessen eigenes Geständnis und auch durch Zeugen. Ich habe diesen Knaben viele Male in seinem Schlafgemach gesehen, bei fest verschlossener Tür mit ihm zusammen, vielleicht in Whithall und in seinem Haus in der Broad Street, und als ich es so antraf, bin ich zur Hintertür gegangen, um mich zu vergewissern: worauf der Knabe völlig verschwitzt herausgekommen ist, und ich bin hineingegangen und fand die Bestie im gleichen Zustand vor. Aber um es ganz zu offenbaren, hat Mylord Harry mehr gesehen, und der Knabe gestand es Southwell, und er selbst bestätigte es Mr. William Cornwallis.

Dieser Southwell, der dritte, der verhaftet worden ist und der ein engagierter Katholik und für seinen Glauben zu sterben bereit ist, schreibt:

Ich kann Mylord nicht ausdrücklich der Knabenschändung bezichtigen, weder an Tom Cook, noch Powers, noch anderen, nur der unverhohlenen Lüsternheit seiner Reden.

alle vier Zitate Sobran 150f

Es ist von heute aus nicht zu erkennen, ob etwas an den Beschuldigungen dran war. Fest steht, dass die Queen nicht viel davon hielt. Die drei Männer erhielten mehrmonatige Gefängnisstrafen. Howard entschuldigte sich damit, es hätten ihn Zweifel an den Sakramenten geplagt und er sei deswegen zur Messe gegangen – mehr sei nicht gewesen. Auch hier zeigt sich die Queen großzügig und verzeiht. Sie wird nur dann hart, wenn sich jemand als unbedingter Katholik, als Papist gegen sie und die anglikanische Verfassung wendet.

Eines scheint auf jeden Fall typisch für Oxford zu sein: Er erzählt gern prächtige Phantasiegeschichten, zur Unterhaltung aller, und geht davon aus, dass alle auch merken, wie sehr er aufschneidet. Und er legt einigen Personen in diesen Geschichten riskante Aussagen in den Mund, die er so persönlich nicht äußern würde. Daraus lassen sich dann gefährliche Vorwürfe gegen ihn knüpfen.

Die Queen nimmt die Verleumdungen nicht ernst. Oxford bleibt in ihrer Gunst. Allerdings nicht lange.


Die Katastrophe bricht über Oxford herein, als seine heimliche Geliebte, Anne Vavasour, am 21.3. einen Sohn (Sir Edward Vere) zur Welt bringt. Die Queen ist wütend. Oxford und Anne Vavasour landen für einige Monate (bis 8.6.) im Luxus-Gefängnisappartement des Tower. Danach erhält der Delinquent für einige Zeit Hausarrest und bleibt schließlich für zwei Jahre (bis Mai 1583) vom Hof verbannt.

Ein Oxford-Gedicht, in Prosa übersetzt:

Ann Vavasors Echo

O Himmel! Wer hat als erster dieses Fieber in mir entfacht? – Vere.
Wer hat als erster mir die Wunde zugefügt, die mich nun ewig plagen wird? – Vere.
Welcher Tyrann, Amor, bemächtigt sich zu meinem Schmerz deines goldenen Köchers? – Vere.
Welches Wesen hat als erstes dieses Herz gefangen und kann es aus seiner Gefangenschaft erlösen? – Vere.

Man muss es Englisch lesen, um das Spiel mit dem eigenen Namen zu erkennen:

O heavens! who was the first that bred in me this fever? – Vere.
Who was the first that gave the wound whose fear I wear for ever? – Vere.
What Tyrant, Cupid, to my harm usurps thy golden quiver? – Vere.
What wight first caught this heart and can from bondage it deliver? – Vere.

zit. bei Sobran, S. 152

Die Queen was not amused. Lockere Sitten und die Verletzung ihrer herrscherlichen Würde duldet sie nicht (auch wenn sie nicht, wie ihr Vater Henry VIII, deswegen gleich köpfen lässt). Oxford ist für zwei, drei Jahre völlig im Abseits – seine Feinde können über ihn lachen.

Ann Vavasour wird einen anderen heiraten. Das Kind der Schande heißt Edward Vere und wird eine beträchtliche militärische Karriere machen und von King James geadelt werden.

Walter Klier (S. 223):

Anne Vavasour, die zur Howard-Knyvet-Fraktion gehörte, sorgte in der Folge für weiteren Skandal, indem sie sich mit einem ältern Militär namens Sir Henry Lee einließ, ihrem Kerkermeister im Tower, dem sie ein Kind gebar. Alle diese mehr oder weniger schlamperten Verhältnisse sind in gar nicht so allegorischer Form in John Lilys Stück Endymion ausgebreitet, das 1584/85 oder 1587/88 vir der Königin aufgeführt wurde.

Die Queen scheint Stücke mit solch persönlichen Anspielungen geschätzt zu haben …

An Weihnachten versöhnt er sich endlich mit seiner Frau Anne. – Wie kommt Oxford zu der Einsicht, seiner Frau unrecht getan zu haben?

Ein Blick auf das Werk hilft, Oxfords Ehekatastrophe zu verstehen: Othello (Desdemona), A Winter’s Tale (Hermione), Much Ado About Nothing (Hero), Measure for Measure (Mariana/Isabella/Julia) – die Geschichten mit Frauen im Zentrum, denen der Mann unrecht getan hat, geben uns zu denken. Der Autor wird in dieser Hinsicht schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben. (Im Falle Shaksperes aus Stratford lässt sich biographisch in dieser Hinsicht nichts erkennen.)

Oxford hat erkannt, dass ihn seine (falschen) Freunde 1576 bei seiner Rückkehr aus Italien getäuscht haben. Fünf Jahre hat er gebraucht – und die Wendung der Freunde gegen ihn – und das Vavasour-Fiasko – bis er sich endlich die Erkenntnis zumuten konnte, dass er sich hat täuschen lassen – und dass er seine Frau damit ins Unglück gestürzt hat.

Anne de Vere ist immer bereit zu verzeihen und sich zu versöhnen – eine Griseldis. Sie bewahrt dabei ihre Würde. Zum Beispiel betont sie kurz vor Oxfords Kehrtwende, seine Lordschaft habe ohne jeden Grund in Taten und Worten eine Abneigung gegen sie gefasst.

Und deshalb, mein lieber Herr, bitte ich Euch inständig im Namen Gottes, der alle meine Gedanken und meine Liebe zu Euch kennt, laßt mich die Wahrheit Eurer Absichten mir gegenüber erfahren; welcher Grund Euch dazu bewegt, mich in diesem Elend zu belassen, und was ich, so es in meiner Macht steht, tun kann, um Euer fortwährendes Wohlwollen wiederzuerlangen, damit Ew. Lordschaft nicht veranlaßt sein mögen, mich weiterhin ohne hinreichenden Grund in mein Unglück einzukerkern, woan ich, sowar mit Gott helfe, gänzlich unschuldig bin.

zit. Sobran, S. 153

Oxfords Anwort auf diesen Brief ist nicht erhalten, aber ein paar Tage danach dankt Anne de Vere für sein Entgegenkommen. Ihre Antwort ist nicht ohne sanfte Ironie (sie verbindet das Unglück, in das ihr Mann gestürzt ist, mit ihrem eigenen …):

Ich bedaure außerordentlich, Euch so beunruhigt zu sehen durch die Unbeständigkeit der Welt, von der ich selbst nicht ohne Kostproben bin.

Ihre Loyalität zu ihrem Mann ist (für die Zeit damals) vorbildlich: bedingungslos.

Mein lieber Herr, seid versichert, Ihr seid es, den ich als einzigen liebe und achte und so vor allem in der Welt danach verlange, Euch glücklich zu machen.

Die verbleibenden fünf Jahre scheinen ehefriedlich, vielleicht sogar eheglücklich abgelaufen zu sein. Drei Töchter werden geboren und ein Sohn. Eine der Töchter und der Sohn sterben aber vorzeitig.


Der französische „Frosch“ (Herzog von Alencon) nimmt die Werbeversuche wieder auf, Elizabeth lässt sie sich gerne gefallen und ermutigt sie. Aber es kommt zu nichts, Alencon reist wieder einmal enttäuscht ab. (Er stirbt 1584.)

1582

Zum ersten Mal nach langer Zeit ist die Familie wieder zusammen – Oxford, Frau, die Tochter Elizabeth. Über das Familienleben – so weit es eins gab – wissen wir nichts.

Oxford wird vor allem mit seinen Freunden zusammen gewesen sein, die vielleicht mehr als Frau und Kind seine Familie waren: Philipp Howard, Earl of Sussex and Arundel; Peregrine Bertie, Baron Willoughby of Eresby; Philip Sidney (wieder versöhnt nach dem Tennisstreit); John Lily, der Literat und Sekretär; Thomas Watson, ein vielsprachiger Autor, der jung sterben wird; John Florio, italienischer Herkunft; Robert Greene, Novellist und Dramatiker.

Apropos Thomas Watson: Er veröffentlicht in diesem Jahr einen Gedichtzyklus (Hekatompathia) und widmet ihn dem Earl of Oxford. Ein allegorisches Frühlingsbild mit einer nur hier erscheinenden Fabelfigur (der caleygreyhound) mit graphischen Anspielungen auf Oxford ziert die Titelseite. Fast das selbe allegorische Frühlingsbild mit Fabelfigur taucht im First Folio 1623 wieder auf. (Detailliert dargestellt, samt Abbildungen, bei Walter Klier, 223-227)

Oxford wohnt in einem kostspieligen Haus in London, Bishopsgate: Fishers Folly. Dort hält er seine Gesellschaften ab. Und lacht dort über seine schmerzhaften Missgeschicke. Und verzaubert seine Besucher mit seinem Witz und Einfallsreichtum und seinem Theater.

In England, in London geht der Theaterstreit weiter. Die Stadtregierung schafft es, gegen den Willen des Hofs und der Aristokraten (und vieler theaterbegeisterter Bürger) für das Gebiet der Stadt London Theater zu verbieten.

3. März: Thomas Knyvet, ein angesehener Mann am Hof, Onkel von Anne Vavasour (und eventuell auch verbündet mit den Howards und den Arundells) überfällt mit 10-15 Leuten eine wohl ebenso starke Truppe, bei der Oxford ist. Es kommt zum Gefecht in aller Öffentlichkeit – Knyvet wird verwundet, Oxford vermutlich schwer verwundet, einer der beteiligten Gefolgsleute stirbt. Wenn Oxford später davon spricht, er sei lahm, könnte das auf dieses Gefecht zurückzuführen sein. Es gibt im Verlauf des Halbjahrs noch zwei weitere Gefechte, wieder mit einem Toten.

Kreiler setzt Love’s Labour’s Lost für dieses oder das nächste Jahr an. Er findet eine Fülle von Bezügen zu den politischen und persönlichen Ereignissen dieser Zeit. Auf jeden Fall ist es eine durch und durch höfische Komödie der überlegenen, dabei keusch bleibenden Frauen; mit beidem kann er der Queen schmeicheln, ebenso mit dem überbordenden Witz der Dialoge und Szenen und Personalien.

1583

Der Kampf mit Knyvet & Co setzt sich auch in diesem Jahr fort, mit weiteren Toten unter den Gefolgsleuten. Die Queen – nach wie vor verärgert über den Earl – hält zu Knyvet, lässt sich nur von dessen Seite berichten. Burghley und Raleigh setzen sich für Oxford ein. Schließlich mit Erfolg:

Im Mai endet die Verbannung vom Hof. Aber Oxford erreicht dort nie mehr wieder seine alte privilegierte Stellung. Die Queen gibt sich versöhnt, spricht nach einigen Ermahnungen nur davon, dass sie dem Earl einen Denkzettel verpassen musste. Nun ist Oxford wieder gesellschaftsfähig. Seinen früheren Rang am Hof wird er nicht wieder erreichen.

Ein Sohn wird geboren und stirbt nach zwei Tagen, er wird im Stammschloss Hedingham beerdigt.

Als Henry Fagot spioniert Giordano Bruno im Auftrag des Spymasters Walsingham die katholische Konspiration aus – Oxfords Todfeind Lord Henry Howard fliegt als Mann des spanischen Königs erneut auf, landet für ein halbes Jahr im Fleet-Gefängnis, die Queen verzeiht ihm aber wieder einmal.

Einige der Verschwörer verlieren den Kopf. Oxfords Freund Philipp Howard Earl of Arundel ist durch seine Frau zum engagierten Katholiken geworden. Wie lange wird er sich in England halten können? Sein Bruder Henry Howard schafft es mit Verschlagenheit, sich zu halten. (Unter James I. wird er wieder Karriere machen und dafür sorgen, dass sein anderer Todfeind, Sir Walter Raleigh, ins Gefängnis und schließlich unter die Axt kommt.)

In den 80er Jahren taucht Oxfords Name immer wieder in Zusammenhang mit den Theater-Ensembles auf: Es gibt die Oxford’s Boys, die Oxford’s Men, die Queen’s Men (für die er Stücke liefert), die Oxford’s Tumblers, Die Worcerster’s and Oxford’s Men, die Children of St. Paul’s, die Children of the Chapel. Die Theatertruppen stehen unter dem Schutz des Hohen Adels und der Königin; sie liefern dem Hof Unterhaltung und in Hinsicht auf die Öffentlichkeit Meinungsbildung und Amüsement.

Oxford pachtet für Lily das Blackfriars Theatre. (Der große Saal des ehemaligen Dominikanerklosters ist zum Theaterraum umgebaut worden. Er wird später einmal von den King’s Men für die Winteraufführungen für die Gutzahlenden verwendet werden. Der Blackfriars-Komplex liegt zwar inmitten von London, untersteht aber der Krone und nicht den Stadtorganen – diese konnten also an diesem Ort ihr Theaterverbot nicht durchsetzen. Allerdings haben die Anwohner 1598 verhindert, dass die Lord Chamberlain’s Men hier ihr Theater errichten konnten.)

Der Theaterstreit mit den Puritanern (den radikalen Calvinisten unter ihnen jedenfalls) ist inzwischen in Gang.

Philip Stubbe veröffentlicht eines der wichtigsten puritanischen Werke: Die Anatomie der Verwirrung. Weg mit aller weltlichen Unterhaltung, weg mit Kirmes, Karneval, Maienspielen, Ballspiel, Musik, Theater, Tanz, Umtrunk undsoweiter. Dieser Ton schätzt ein beträchtlichter Teil des aufstrebenden, zu Geld und Macht und Bildung gekommenen Bürgertums. Die Puritaner formieren sich immer aggressiver gegen die (moderat-reformierte) anglikanische Kirche, schaffen allmählich Gegenmacht zur aristokratischen Welt. Zwei Generationen später werden sie das Theater abschaffen, die Aristokraten militärisch besiegen und den König köpfen.

Oxfords Schwager Peregrine Bertie (der Mann seiner jüngeren Schwester) ist in diesem Jahr in diplomatischer Mission in Dänemark, am königlichen Hof in Helsingör. Er berichtet Oxford … Der Plan zu Hamlet könnte entstehen …

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