Oxford-Bio 1589 – 1593: Sonette. Zweite Ehe.

1589

Die Martin-Marprelate-Gefechte setzen sich fort. Die anglikanische Seite beschafft sich publizistische Hilfe von einigen Freunden Oxfords: Anthony Munday, John Lily, Robert Greene und Thomas Nashe (Oxfords Circle), die Gegenpamphlete verfassen und auf der Bühne sich lustig machen über den Puritaner. Der schlägt durchaus erfolgreich zurück mit weiteren Pamphleten. Schließlich (1590) gibt die Kirche auf und beschließt, das Problem durch Schweigen und ein Theaterverbot aus der Welt zu schaffen. Marprelate verschwindet in der Tat.

Oxford – so nimmt Kreiler an – verwertet Charaktere und Kampfszenen witzig verspielt in den Theaterstücken, in denen Falstaff die Hauptrolle spielt: The Merry Wives of Windsor; 1Henry IV, 2Henry IV. (Falstaff war ursprünglich Sir John Oldcastle, ein Vorläufer der Puritaner und ein Leveller; „Shakespeare“ verwandelt ihn in einen genialen Anarchisten und Witzbold und Schurken, der die Gesellschaft und ihre Verhältnisse auf andere, auf anarchistische und egozentrische Weise herausfordert.)


Die ersten Sonette. Sie werden vermutlich bis 1592 geschrieben worden sein. (vgl. Kreiler) – Die richtige Zeit auch für die Dark-Lady-Sonette: Oxford ist Witwer, allerdings lahm, arm und verachtet und nicht mehr der Jüngste. Die richtige Zeit auch für die Liebesgedichte an den „fair youth“: 1590 ist Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton 17 – und Mündel von Burghley – und soll gemäß Burghleys Plan Oxfords älteste Tochter (in diesem Jahr 15) heiraten. Der junge Mann ist ein Narziss, ein Mann von femininer Schönheit, dabei hoch gebildet. (Er wird einen abenteuerlichen Lebenslauf haben …)

Peter. R. Moore entwickelt Vorschläge, wie die Sonette Ereignissen von Oxfords Leben zugeordnet werden könnten. Ich werde darauf zurückkommen.

In diesem Jahr veröffentlicht „Martin Marprelate“ (Martin der Prälatenbeißer) anonym sein erstes fulminantes und wirkungsvolles Pamphlet gegen die anglikanische Kirche und ihre Bischöfe. Die Identität dieses Mannes wird nie aufgedeckt.

Puttenham: The Arte of English Poesie:

And in her Majesty’s time that now is are sprung up another crew of courtly makers, noblemen and gentlemen of her Majesty’s own servants, who have written excellently well as it would appear if their doings could be found out and made public with the rest, of which number is first that noble gentleman, Edward, Earl of Oxford; Thomas, Lord of Buckhurst,308 when he was young; Henry, Lord Paget; Sir Philip Sidney; Sir Walter Raleigh; Master Edward Dyer; Master Fulke Greville; Gascoigne; Breton; Turberville, and a great many other learned gentlemen.
Of the later sort I think thus, that for tragedy the Lord of Buckhurst & Master Edward Ferrers, for such doings as I have seen of theirs, do deserve the highest prize, th’ Earl of Oxford and Master Edwards of her Majesty’s Chapel for comedy and interlude.
… Among the nobility or gentry as may be very well seen in many laudable sciences and especially in making poesy, it is so come to pass that they have no courage to write and if they have are loath to be known of their skill. So as I know very many notable gentlemen in the Court that have written commendably, and suppressed it again, or else suffered it to be published without their own names to it: as if it were a discredit for a gentleman to seem learned.

https://shakespeareoxfordfellowship.org/while-counterfeit-supposes-bleared-thine-eyne-intertextual-evidence-for-shakspere-as-an-authorship-front-man/

Und in der Regierungszeit unserer jetzigen Majestät ist eine andere Gruppe von höfischen Dichtern hervorgetreten, Noblemen und Gentlemen unter den Dienern ihrer Majestät, die hervorragend schreiben, wie sich zeigen würde, wenn ihre Erzeugnisse so wie die der anderen veröffentlicht werden könnten, aus welcher Zahl der erste jener Edelmann, Edward Earl of Oxford, ist.

zit. bei Sobran, S. 69

Ihre Erzeugnisse können nicht veröffentlicht werden, jedenfalls nicht unter ihrem Namen. Warum nicht? Weil die Adelsehre der Zeit es verbietet.

Diese Werke bleiben darum im Verborgenen – oder, wenn sie doch an die Öffentlichkeit geraten, dann unter dem Schutz der Anonymität oder eines Pseudonyms.

1590

Edmund Spenser widmet Oxford ein Sonett in seiner epischen Heldendichtung Faerie Queen, in Bezug auf dessen Patronage für Lyly, Munday, Greene und Watson – und Spenser selbst?

Burghley beabsichtigt, Oxfords Tochter Elizabeth, inzwischen 15 Jahre alt, mit dem 1573 geborenen Henry Wriothesley, Third Earl of Southampton zu verheiraten. Der will aber nicht. (Er ist ein zauberhaft schöner Mann mit auffallend weiblichen Zügen.

Oxford versucht ihn mit seinen 16 Procreation-Sonetten zur Heirat zu überreden. Und veliebt sich dann selbst in ihn.

Wriothesley spricht man „Roseley“ aus. Das gibt die Gelegenheit, ihn poetisch mit Rosen zu verbinden.

Der junge Southampton ist nun – wie früher einmal Oxford – im Haushalt von Burghley erwachsen geworden. Einer der Freunde Oxfords, John Florio, der von italienischen Eltern in England geborene Autor und Übersetzer, gehört zu seinen Lehrern.

An John Florio ist ein Gedicht gerichtet, das Kreiler Oxford zuschreibt: Phaeton an seinen Freund Florio. (Vgl. S. 385)

Was für eine Liebe ist das, die sich in den auf die Procreation-Lyrik folgenden 110 Sonetten an den „fair youth“ zeigt?

Shakespeare will nichts anderes als in diesem Jüngling sich selbst erkennen, wiederfinden, bewundern, verewigen – lieben. Er sieht den Anderen als eine Spiegelung seiner selbst, betrachtet ihn als ein Abbild seiner eigenen Hoffnungen, Regungen und leidenschaftlichen Wünsche. … Der Dichter, der sich in all seinen Figuren gedoppelt hat, im Narren, im Schurken, im Edelfräulein und im tragischen Helden, erlebt eine körperliche Dopplung, die ihm den Atem verschlägt.

Kreiler 388f

Wir hätten es demnach weder mit einer leidenschaftlichen, aber rein platonischen Freundschaftsliebe noch mit einer homosexuellen Liebe zu tun, sondern mit etwas, nun ja, Besonderem, Einmaligem.

Das ist eine „mittlere“ Interpretation. An den beiden Enden finden wir die Behauptung, es sei nur die damals durchaus verbreitete intensive Freundesliebe ohne jeden sexuellen Aspekt – oder es sei ganz offensichtlich das homosexuelle und auch praktizierte Verhältnis eines Bisexuellen zu diesem schönen Jüngling. (Ich sehe nicht, wie wir in dieser Sache zu einem sicheren Ergebnis kommen können.)

1591

Versuch, das große Landgut Denbigh in Wales erwerben zu können.

Der Komponist John Farmer steht in Oxfords Diensten.

In diesem und im folgenden Jahr entstehen vermutlich die beiden Versepen, die 1593 und 1594 unter dem Pseudonym Shakespeare als Erstlinge seines Autors gedruckt werden.

Oxford verkauft seinen letzten großen Landbesitz, das Schloss Hedingham, den Sitz seiner Grafschaft, an Lord Burghley, damit er ihn nach seinem Tod an seine drei Töchter weitergebe.

Die Liebesbeziehung zur 28jährigen Ehrendame der Queen, Elizabeth Trentham, beginnt am Anfang des Jahres. Die Queen ist mit der Heirat einverstanden. Oxford heiratet gegen Ende des Jahres Elizabeth Trentham (-1612)

Sie bringt in die Ehe ihren Bruder mit: einen guten, reichen Geschäftsmann, der die Finanzen Oxfords auch dadurch saniert, dass er 10.000 Pfund zuschießt.

Oxfords Schulden belaufen sich im Jahr 1591 auf 11.000 Pfund, wie sein Mentor Burghley ausdrücklich festhält. Sie übersteigen damit sein Jahreseinkommen um etwa das Zehnfache. Es handelt sich dabei überwiegend um die noch ausstehenden Mündelgelder von 1571, die Oxford an den Staat zu entrichten hätte – einschließlich der Strafzahlungen und Zinsen infolge der bisherigen Nichtzahlung.

Die – gegen den Willen der Familie – gedruckten Sonette des 1586 gefallenen Philip Sidney unter dem Titel Astrophel und Stella lösen eine Sonett-Mode aus. In den folgenden Jahren erscheinen mehrere, zum Teil bedeutende Sonett-Sequenzen. Der Druck 1591 ist ein Raub-Unternehmen, sehr unzuverlässig, und enthält auch Gedichte anderer Autoren, u. a. von Oxford und Samuel Daniel. (1598 entschließt sich die Familie, eine seriöse Ausgabe der Sonette herauszugeben.) Der Oxford-Mann Thomas Nashe ist maßgeblich beteiligt an dem Druckabenteuer. Es sieht so aus, als ob die Herbert-Familie, zu der Sidney gehört hat, das Produkt rasch aus dem Verkehr ziehen kann.

Wir wissen nicht, wann Oxford angefangen hat, Sonette zu schreiben, nehmen aber an, dass es lange vor 1591 war, vielleicht gleichzeitig, vielleicht vor Sidney. Da solche Sonette als handgeschriebene Manuskripte nur im kleinen, intimen Kreis zirkuliert haben – sie waren keinesfalls für die größere Öffentlichkeit bzw. für den Druck geschrieben – ist es unmöglich zu sagen, wann genau Sidney und Oxford das Sonett als Ausdrucksform für sich entdeckt haben, und wer zuerst. Ein Unterschied allerdings sollte beachtet werden: Die Sonette von Sidney sind petrarkisch-konventionell, Oxford geht über die Grenzen, findet nicht nur seine persönliche Sonett-Form, sondern bricht auch eine Regel des Inhalts: Er kritisiert sein geliebtes Objekt, stellt es bei Gelegenheit negativ dar. Die Dark-Lady-Sonette sind auch ein Sonett-Skandal.

Wenn Kreiler annimmt, die Dark Lady der Sonette sei Oxfords zweite Frau Elizabeth Trentham, so wundere ich mich. Erstens spricht das vernichtende Schluss-Sonett über diese Lady dagegen, zweitens wird die Dame als fatal promiskuitiv dargestellt – das konnte Elizabeth Trentham als Ehrendame der Queen sicher nicht sein.

Zustimmen möchte ich Kreiler aber, wenn er den rival poet der Sonette als den Earl of Essex identifiziert. Der konnte hörenswert dichten – und der schöne Jüngling, der fair youth der Sonette, der junge Southampton, hat sich tatsächlich in den folgenden Jahren dem strahlenden Mann der Zukunft, Essex, zu- und damit von Oxford (und Burghley) abgewandt, als er – 1594 – volljährig wird.

Etwas Autobiographisches verraten uns die Sonette außerdem: Oxford spricht mehrfach von seiner Lähmung. Es könnte eine der Hand gewesen sein, eventuell als Folge des Gefechts mit Knyvets Truppe. Und er nennt sich ausdrücklich „arm“ und „verachtet“.

Edmund Spenser veröffentlicht das Gedicht „The Teares of the Muses“. In diesem spricht er „Willy“ an – William Shakespeare (den Autor von wunderbaren Kömödien)?

Und er, der Mann, den die Natur erschuf,
Damit er sie kopiere und die Wahrheit imitiere
Mit freundlicher Entgegnung in des Schauspiels Maske,
Unser lieber Willy, ach! ist seit kurzem tot:
Mit ihm sind alle Freude und heitere Lustbarkeit
des Todes und von Schmerz durchdrungen.

Aber dieser edle Geist, aus dessen Feder
Breite Ströme von Honig und Nektar fließen,
Verachtend die Dreistigkeit der Burschen niederen Standes,
Die sich erkühnen, ihre Narreteien so hastig auszuspeien,
Zieht es vor, müßig im Kämmerlein zu sitzen
Statt sich an die Spötterei zu verkaufen.

zit nach Sobran, S. 188

Der Autor ist also nur metaphorisch tot, er hat sich leider (in letzter Zeit) in sein Kämmerlein zurückgezogen, rar gemacht …

Wer ist dieser Autor „Willy“? – Als William Shakespeare ist er zwar noch nicht in die gedruckte Öffentlichkeit getreten, aber wohl Eingeweihten schon bekannt.

Für William Shakspere aus Stratford kommt 1591 zu früh. Da hat er noch kaum Werke vorzuweisen. Er wäre 1591 noch blutiger Anfänger gewesen. (Oder aber die Shakespeareologen müssten die Entstehungszeit der Stücke ein paar Jahre früher ansetzen als bisher „wissenschaftlich“ vertretbar.)

In die Jahre 1591 bis 1594 fällt die publizistische Kontroverse zwischen den Männern des Oxford-Zirkels (Greene, Nash, Lily) und dem alten Oxford-Gegner Gabriel Harvey.

1592

Robert Greene, einer vom Oxford-Zirkel, stirbt an der Wassersucht. Der in Geldnöten stehende Drucker und Dichter Henry Chettle greift sich ein Manuskript des toten Greene, ergänzt es um einige eigene Beiträge und veröffentlicht: Greene’s Groatsworth of Wit. Er warnt vor einem gewissen Bühnenerschütterer, den er shake-scene nennt und mit dem er entweder den aufstrebenden Theaterunternehmer und Schauspieler Shakspere aus Stratford oder den wuchtigen Starschauspieler Edward Alleyn meint.

Thomas Nashe weiß in diesem Jahr bereits, dass Oxford unter dem Pseudonym William Shakespeare an die Öffentlichkeit gehen wird. Er deutet es u. a. mit dem Namen Will. Monox an und nennt den Earl in einem Vorwort Master William.

Oxford ist dauerhaft gesundheitlich angeschlagen. Er zieht sich allmählich vom Hofleben zurück, verbringt die meiste Zeit zuhause – und fängt an, sich für die Öffentlichkeit als Shakespeare zu erfinden. Es gibt kaum noch Briefe von ihm, vergleichsweise wenig Nachrichten über ihn – bis zu seinem Tode.

1593

Venus and Adonis erscheint im Druck, in einer sehr sorgfältigen Ausgabe, mit einer Widmung an den jungen Earl of Southampton. Es wird einer der größten Bestseller der nächsten Jahre und macht den Namen Shakespeare berühmt. In den folgenden 10 Jahren werden die Versepen höher geschätzt als die Dramen.

Sohn Henry de Vere geboren, der ersehnte Stammhalter. (Er wird jung sterben, 1625, im Krieg, und ohne Nachfolger.)

Christopher Marlowe, 29, Dichter und Geheimagent, wird von Geheimagenten ermordet. Der nach Shakespeare bedeutendste Dramatiker wird Opfer eines Messerstichs – die Umstände und Motive unterliegen Mutmaßungen. (Es gibt auch die Theorie, dass sein Tod fingiert wurde, der von der Anklage Bedrohte nur tot gemeldet wurde; dass er nach Frankreich floh und von dort aus „Shakespeare“ wurde.)

Im selben Jahr stirbt an der Pest der junge Dichter Thomas Watson, einer aus Oxfords Circle.

Am Hofe der Queen steigt ein neuer Mann auf: Robert Devereaux, Earl of Essex, wird der neue Favourit der Königin: ein effektvoller Dichter nebenbei, ein brillianter Formulierer (und Einschmeichler), eine blendende (charismatische) Erscheinung, maßlos ehrgeizig, zu Abenteuern aufgelegt, sich selbst katastrophal überschätzend, ein schlechter Stratege sowohl in der Politik wie im Krieg. Oxfords fair youth, der Earl of Southampton, wendet sich diesem neuen Stern zu, wird dessen wichtigster Gefolgsmann. Lord Burghley und Oxford selbst gehören zur Anti-Essex-Partei, sehen seinen Aufstieg an der Seite der Queen mit Sorgen.

Nach Peter R. Moore und Kreiler ist Essex the rival poet der Sonette.

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