Oxford-Bio 1600 – 1604

1600

Der gedemütigte Essex versucht, sein Comeback vorzubereiten. Er schmeichelt der Queen, konspieriert mit King James VI of Scotland, sammelt Getreue um sich. Wichtigster Gefolgsmann ist Oxfords früherer „schöner Jüngling“, Henry Wriothesley, Earl of Southampton.

Oxford versucht, von der Queen das Amt des Gouverneurs von Jersey zu erhalten. Vergeblich.

1601

Essex-Rebellion im Februar, der bewaffnete Versuch, die Königin gefangenzunehmen und zu erpressen. Der Aufstand scheitert kläglich und bringt den Earl of Essex mit einer Reihe von Spießgesellen aufs Schaffott. Ein Wunder, dass der Earl of Southampton zu lebenslanger Haft begnadigt wird. (Er wird 1603 durch James I. befreit und steigt zu einem der mächtigsten Männer Englands auf.)

Oxford gehört zu den Richtern, die Essex und seine Leute zum Tode verurteilen.

Ein kleiner Coup der Aufständischen nebenbei: Sie kaufen sich von den Lord Chamberlain’s Men eine Aufführung von Richard II im Globe – mit der Absetzungsszene (die sonst immer der Zensur zum Opfer gefallen ist). Der Mann, der dies für Essex arrangiert, wird dafür geköpft; die Truppe selbst wird rasch entlastet und spürt keine Folgen. Auch der Autor dieses Stückes wird nicht belangt.

(Den Autor des Stücks kennt und schätzt die Queen. Für einen Autor William Shakspere aus Stratford hätte die Sache weniger glimpflich ausgehen können.)

Kreiler nimmt an, dass sich etwas von der Essex-Revolte in seinem neuen Stück „Troilus and Cressida“ spiegelt: Es ist ein Stück des Verrats. Achilles ist Essex, Patroklos ist Southampton … Auch über Ben Jonson macht sich Oxford lustig – er tritt als tumber Ajax auf.

Oxford versucht, das Amt des Präsidenten von Wales zu erhalten. Vergeblich.

Ende des Jahres oder zu Beginn des folgenden Jahres kommt es zu einer Krise im King’s Palace, Hackney, die ein düsteres Licht auf die Ehefrau Oxfords wirft. Wie eine Furie verfolgt sie Arthur Milles, einen – vermutlich unschuldigen – langjährigen Gefolgsmann und Diener Oxfords, wirft ihm Diebstahl vor. Oxford versucht ihn zunächst zu verteidigen, gibt dann aber seiner Frau nach. Der Beschuldigte wendet sich verzweifelt an Richard Cecil um Hilfe.

1602

In den Parnassus-Plays der Studenten von Cambridge macht man sich lustig darüber, wie der Schauspieler Kempe neben einem Herrn Ovid auch einen Herrn Metamorphosis anspricht (er verwechselt das Werk mit einem Autor), sondern auch den Theatermann Shakspere mit dem (hoch geschätzten) Autor Shakespeare verwechselt.

1603

Peter Moore, zitiert bei Walter Klier, S. 257:

Als Königin Elisabeth im Sterben lag, versuchte der Graf von Lincoln Oxford zur Teilnahme an irgendeiner Art von Oppositionsbewegung gegen den kommenden König Jakob zu gewinnen. Sir John Peyton, Lieutenant des Londoner Tower, deckte Lincolns Umtriebe auf, meldete sie aber nicht weiter. Peyton entschuldigte diese Pflichtvergessenheit damit, daß er die Sache ernst genommen habe, bis er entdeckte, daß Lincolns angeblicher Komplize Oxford war, über den er folgendes Urteil abgab: ‚Ich wußte ihn so körperlich schwach, ohne Freude oder Fähigkeiten oder irgendwelche Mittel, Aufruhr im Staate zu stiften, daß ich niemals befürchtete, von so schwachen Grundlagen würde eine Gefahr ausgehen.‘

Die Queen stirbt am 24. März. Mit einem Kopfnicken hat sich nur Stunden vor ihrem Tod die Legitimität von James VI. als Nachfolger bestätigt. Dieser eilt nach London und übernimmt sofort als James I. das Szepter. Das Volk jubelt. Oxford gehört zu denen, die am 24. März die Proklamation zugunsten von James I. unterschreiben.

In einem Brief an den neuen König befragt Oxford (der Lord Great Chamberlain) ihn nach seinen aktuellen Pflichten.

Denn aufgrund meiner körperlichen Schwäche kann ich nicht so oft unter Euch sein, wie ich wünschte. Dazu kommt, daß mein Haus nicht so nahe liegt, daß ich (wie es passend wäre) zu jeder Gelegenheit anreisen könnte. …

Nicht anders als nut großem Kummer erinnere ich mich der Frau, die wir verloren haben und unter der wir beide von unsern jüngsten Jahren an groß geworden sind. Auch wenn es Gott gefiel, sie nach einem irdischen Königtum in ein dauerhafteres himmlisches Reich zu versetzen (in dem sie, wie ich nicht bezweifle, die Krone der Seligkeit trägt) und uns einen einsichtsvollen, gelehrten und tugendhaften Prinzen zu schenken, so bleiben uns nach der langen Zeit, die wir in ihrem Dienst verbracht haben, doch nicht mehr soviel Tage, sie einem anderen zu widmen, und die lange Vertrautheit und freundliche Vertraulichkeit im Umgang mit uns dürfen wir nicht von einem anderen Fürsten erwarten, da die Schwäche des Alters und das Gebot der Vernunft dem entgegenstehen. Inmitten dieses allgemeinen Schiffbruchs übersteigt der meine jedes Maß, da sie mich – als den so oft vertrösteten und am wenigsten begünstigten unter all ihren Gefolgsleuten – in einer Lage zurückgelassen hat, in der ich den Wechselfällen der Zeit ausgesetzt, mein Glück selbst versuchen muß: versehen weder mit einem Segel, um eine vorteilhafte Brise zu nutzen, noch mit einem Anker, der mir Halt gäbe, bis der Sturm sich gelegt hat. …

Kreiler, S. 501f

Es stellt sich rasch heraus, dass James I. Oxford als Autor kennt und schätzt. Er nennt ihn „Great Oxford“ und verlängert umstandslos den Pensionsvertrag über 1000 Pfund pro Jahr. Dazu erhält Oxford noch das alte Familienanrecht auf Waltham Forest und Havering Park.

Bei der Thronbesteigung hat Oxford die Ehre, dem König die silberne Schüssel und Kanne zur zeremoniellen Waschung zu reichen.

Die Lord Chamberlain’s Men werden sofort in die King’s Men umbenannt – Ausdruck der besonderen Wertschätzung durch den König, die höchstmögliche Patronage. Der König liebt das Theater.

Oxford schreibt sein letztes Stück: King Lear.

Sonett 107 könnte auf den Tod der Queen anspielen: The mortal moon hath her eclipse endur’d. (Der sterbliche Mond hat seinen Niedergang erlitten.)

1604

24.6. Tod in Hackney, Todesursache unbekannt. (Sobran schreibt: Pest; Klier bestreitet es.) Kein Testament liegt vor. Begraben in Westminster oder in St John’s Church, Hackney.

Walter Klier (260):

Merkwürdigerweise wurde sein Tod allgemein mit Schweigen übergangen, nicht einmal der bekannt mitteilungsfreudige Briefschreiber John Chamberlain, dem sonst keine Hochzeit und kein Todesfall entging, erwähnt ihn auch nur mit einem Wort. Daraus und aus dem Umstand, daß Oxford kein Testament hinterließ, andererseits eine Woche vor seinem Tod sämtliche bewegliche Güter seiner Frau Elizabeth übertrug und für seinen Sohn Verfügungen traf, die darauf hinausliefen, daß im Fall eines Selbstmords die Krone dennoch nicht darauf zugreifen konnte, wird neuderings die Möglichkeit erwogen, er habe tatsächlich selber seinem Leben ein Ende gesetzt.

Das würde nicht nur die juristisch-theologischen Erwägungen in der Totengräberszene in Hamlet in einem neuen Licht erscheinen lassen, sondern auch einige Stellen wie jene, wo Ben Jonson von einem „moniment without a tombe“ spricht. Das im Zusammenhang mit Shakespeare auftretende Motiv läßt an den Euphemismus „Tod ohne Grab“ für Selbstmord denken, der damals üblich war.

Danach letzte Veröffentlichung eines guten Shakespeare-Quartos, diesmal Hamlet. Es ist eine „gute“ und umfassende Ausgabe. Die im Jahr davor war vergleichsweise verkürzt und vergröbert – für Bühnenzwecke zugerichtet.

Dieses gute Quarto enthält den Hinweis auf der Titelseite: According to the true original copy. – Walter Klier: Diese Formulierung wurde nur dann gewählt, wenn der Verfasser bereits verstorben war. – Stimmt das?

Wie ehrt man das Vermächtnis eines großen, überaus geschätzten Autors, wenn sein Name, seine Identität im Verborgenen bleiben muss?

Oxfords jüngste Tochter, Susan (1587-1628) heiratet Philip Herbert, Earl of Montgomery, den Sohn von Mary Herbert, Countess of Pembroke, der gelehrten Schwester des Dichters Philip Sidney. Mountgomery ist der Bruder des Earls of Pembroke, der bald für das Theaterwesen die höchste Autorität werden wird. Beide werden sie das First Folio möglich machen.

Anlässlich der Feiern werden am Hof zum Jahresende sieben Stücke von Shakespeare aufgeführt.

Noch ein Resümee:

Unter den 33 Werken, die Oxford gewidmet worden sind, handeln 6 von Religion und Philosophie, 2 von Musik, 3 von Medizin; der Schwerpunkt war literarisch: 13 der Widmungen gehören zu originalen oder übersetzten Werken der Literatur. – Wie sieht hierzu der Vergleich mit anderen Adeligen bzw. Autoren bzw. Größen des Kulturlebens aus? – Und niemand scheint „Shakespeare“ ein Werk gewidmet zu haben …


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