Oxford-Bio: nach 1604

1605

Die Serie der „guten“ Quartos reißt ab. Dafür werden jetzt zahlreiche Theaterstücke, die eindeutig nicht von „Shakespeare“ sind, unter dem Autorennamen „Shakespeare“ veröffentlicht. „Shakespeare“ kann sich nicht dagegen wehren. (Weder Shakspere noch die King’s Men wehren sich gegen den Missbrauch des großen Names! Von Shakspere kann man nicht sagen, dass er dazu neigt, Streit und Prozesse zu vermeiden … )

Shakspere erwirbt umfangreiche Zehntgüter und lebt nur wohl überwiegend in Stratford

Gun Powder Plot im November des Jahres. Damit beginnt eine neue Welle der Verfolgung von Katholiken.

1606

Der Theologe Nathaniel Baxter würdigt in einem Gedicht (u. a.) den Earl of Oxford und seine Tochter Susanna.

1607

William Barstead veröffentlicht ein Gedicht mit dem Titel Mirrha the Mother of Adonis:

Sein Lied war aller Ehren wert (Shakspeare er)
besant die schöne Blüte, obgleich der verdorrte Baum
Lorbeer ihm gebührt, seine Kunst, sein Witz
hat ihn erworben, Zypresse wird deine Stirn bekränzen.

zit. bei Sobran, S. 172

Englisch: His Song was worthie merrit (Shakspeare hee). Das past tense – Shakespeare ist nicht mehr unter den Lebenden. Die Zypresse war Symbol der Trauer.

Kein Wunder, so schreibt Sobran, dass diese Zeilen, diese Huldigung nicht von Stratford-Biographen erwähnt werden.

1608

Der sehr populäre Pericles wird als (bad) Quarto auf den Markt geworfen.

1609

Sonette veröffentlicht. By our ever-living poet – Hinweis, dass der Autor tot ist. Warum schreibt nicht der – noch quick lebendige – Shakspere die Widmung? Warum heißt der Titel nicht „Sonnets. By William Shakespeare“ sondern – eher für einen pseudonymen Autor üblich: „Shake-speares Sonnets„? (Sprechen Autoren in der dritten Person von sich? Hätte Schiller seine Balladen herausgegeben unter dem Titel „Schillers Balladen“?)

Für diese Fragen haben die Stratfordianer nur unplausible oder auch gar keine Erklärungen.

Diese Veröffentlichung ist für einige wichtige Leute ein Skandal: Für Southampton, der zu einer mächtigen und kriegerischen Figur am Hof geworden ist und keinerlei Wert legt auf eine publizierte Bekanntschaft mit einer Lyrik, in der er als femininer und angehimmelter schöner Jüngling präsent ist. Für Henry, Earl of Oxford und seine Schwestern ein Skandal, denn in einer hochadeligen Familie wirft man seinen edlen Namen nicht dem Pöbel vor die Füße. Sie werden also in Zukunft mehr darauf achten müssen, dass man mit Shakespeare nicht Oxford meinen kann.

Die Sonette sind nur kurz auf dem Markt, sie werden vermutlich aus dem Verkehr gezogen.

Auch wenn die Sonett-Mode vorbei ist – läge es nicht dennoch nahe, dass Shakespeare weiter das eine oder andere Sonett verfasst? Er hat damit ja eine dichterische Form gefunden, die ihm für seinen Selbst-Ausdruck nach Bedarf zur Verfügung steht.

Shakespeare – der Stratforder – soll, so Schoenbaum und andere Biographen, in diesen Jahren den Höhepunkt seiner Berühmtheit in London erlebt und genossen haben … (Dabei ist er in diesen Jahren für uns in London unsichtbar, zwischen 1604 und 1612 finden wir keine Spur von ihm.)

Mit Troilus and Cressida erscheint noch einmal ein gutes Shakespeare-Quarto. Es war schon 1603 zur Veröffentlichung frei gegeben. Jetzt erscheint es mit einem Vorwort, das nicht vom Autor stammt. (Sondern von Ben Jonson?) Es sei kein Stück für die Masse, sondern eins für den höheren Geschmack.

Wenn der Autor nicht mehr unter den Lebenden ist und seine Komödien nicht mehr im Handel sind, werdet ihr euch um sie reißen und ihretwegen eine neue englische Inquisition ausrufen lassen. …

Nehmt dies als Warnung und dankt dem Glück dafür, daß dieses Stück zu euch durchgerutscht ist, denn nach dem Willen der edlen Besitzer solltet ihr, blaube ich, eher um die Kömödien bitten als zu ihnen gebeten werden.

Kreiler S. 517

Wer sind diese „edlen Besitzer“ („grand possessors„)? – Die Erben Oxfords, die Ehefrau, der junge Henry, die drei Schwestern. Offensichtlich liegen noch viele Stücke zum Druck bereit. Um sie sollte das Publikum bitten.

Heißt die Stelle, mit der das Zitat oben beginnt; Wenn = Falls …? Oder: Wenn = Sobald? – Dann läge eine Andeutung vor, dass der Autor noch lebt. Was natürlich in unserem Fall wieder ein Verschleierungsmanöver sein kann. Das Inkognito muss gewahrt bleiben. Etwas anders übersetzt:

Und glaubet dies, daß, wenn er dahin ist und seine Komödien nicht mehr erhältlich, ihr euch um sie reißen werdet.

Shakspere aus Stratford war 45 und – dem Vernehmen seiner Biographen nach immer noch ein aktiver Autor. (Er wird noch – angeblich – Cymbeline und The Tempest schreiben, sowie drei weitere Werke – angeblich – mit anderen Autoren in Kooperation.)

1611

Emilia Lanier, geb. Bassano, veröffentlicht (als erste Frau in der englischen Literatur) einen Band Gedichte unter ihrem eigenen Namen: Salve Deus Rex Judaeorum. Das Vorwort, das sie dazu liefert, ist wohl der erste feministische Text Englands. Emilia Lanier (geb. 1569, gest. 1645) ist eine Zeitlang Maträsse des Patrons der Lord Chamberlain’s Men, von dem sie 1592 ein Kind bekommt, woraufhin sie rasch mit dem Hofmusiker Lanier verheiratet wird. – Sie ist ein plausibler (aber natürlich nicht sicherer) Vorschlag für die Dark Lady der Sonette. Sie entstammt einer italienischen Musikerfamilie aus Bassano (spielt der charmante Geliebte des Antonio, Bassanio, im Merchant of Venice darauf an?) Die Attribute (schwarze Haare, schwarze Augen, Alter, musische und klassische Bildung, Bezug zu Adel und Hof) könnten passen. – Es ist nur ein Vorschlag – wir haben keinerlei Beleg.

(vgl auch Wikipedia)

1613

George Chapman huldigt Oxford in seiner Tragödie The Revenge of Bussy d’Amboise. Dort erzählt eine Figur:

Aus Italien kommend überholte ich in Deutschland einen großen und berühmten Grafen von England; den stattlichsten Mann, den ich je sah: von Kopf bis Fuß von seltener und vollkommener Wohlgestalt; er hatte ein Gesicht wie einer jener altehrwürdigen Römer, von denen seine höchst edle Familie abstammte; dazu war er von unübertrefflichem Geist, ritterlich und gelehrt, freigebig wie die Sonne, sprach und schrieb gewandt, sei es über gelehrte Themen, sei es über die Kunde von den Gemeinwesen; und es war der Graf von Oxford.

zit. nach Sobran, S. 169

1615

W. H. Earl of Pembroke wird Lord Chamberlain, zuständig für Theater und Publikation. Stoppt alle Shakespeare-Veröffentlichungen;

1616

Vorbereitungen für das First Folio beginnen; Ben Jonson wird als Editor eingesetzt und bekommt dafür extra 100 Pfund pro Jahr. W. Shakspere stirbt in Stratford
Ben Jonson gibt seine eigenen gesammelten Werke heraus – ein Novum in der Literaturgeschichte.

1621

Konflikt von Henry de Vere & Southampton mit dem Geliebten und Günstling des Königs, Buckingham. Die beiden stehen an der Spitze einer protestantischen Opposition gegen den anfangs pro-spanischen Buckingham. Henry de Vere landet für einige Zeit im Gefängnis. Nach dem sich 1623 die spanischen Heiratspläne für den Kronprinzen zerschlagen haben, kommt de Vere frei und versöhnt sich mit König und Günstling. Der Weg zum First Folio ist wieder frei.

1622

Henry Peachum gibt in seinem The Complete Gentleman eine Liste der Poeten der Golden Zeit Queen Elizabeths. Dabei nennt er keinen „Shakespeare“, führt aber den Earl of Oxford als ersten und besten auf der Liste an.

1623

Philip Earl of Montgomery, der Gatte von Oxfords jüngster Tochter Susan, ermöglicht zusammen mit seinem Bruder, dem Earl of Pembroke, das First Folio. (Sie verfügen vermutlich über die Manuskripte.) Im November wird das First Folio im Stationer’s Register angemeldet, die Auslieferung beginnt Anfang des folgenden Jahres. Ben Jonson (verdeckt hinter den angeblichen Verfassern des Widmungsgedichts, Hemminges und Condell) nennt das Werk „trifles„, die das Produkt von Mußestunden (idle hours) seien. – Der Bürger arbeitet hart und ist stolz auf sein fleißiges Bemühen; der Aristokrat arbeitet nicht. Er vergnügt sich mußevoll, und was dabei herauskommen kann, sind edle Nebensachen.

John Selden (1584-1654):

Es ist für einen Lord wahnwitzig, Verse drucken zu lassen, und es ist mehr als genug, wenn er sie schreibt, um sich selbst zu gefallen, aber sie publik zu machen ist wahnsinnig.

zitiert bei Detobel, S. 77

Ben Jonsons nennt die Werke Shakespeares standesgemäß trifles, Kleinigkeiten, Geschöpfe der gelegentlichen Muße des Hochadeligen. Etwas anderes dürfen sie ehrenhalber nicht sein.

1624

Der Earl of Southampton stirbt in den Niederlanden, im Kriegseinsatz, an einer Seuche.

1625

Earl Henry de Vere stirbt in den Niederlanden, an einem Fieber. Die Grafenwürde übernimmt ein anderer Zweig der Familie.

1703

Die Familie de Vere erlöscht.

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *