Oxford: Der Aristokrat

in Arbeit

Dieses Kapitel beschreibt den aristokratischen Rahmen, in dem und für den Shakespeares Werke entstanden sind. Auf dieser Seite werden die einzelnen Punkte nur angerissen. Später werden – soweit im Rahmen der Verfasserschaftsfrage nötig – ausführlichere Unterkapitel entstehen. 

Folgende Kapitel wird es geben (das, was im Moment unter den einzelnen Nummern steht, ist nur ein Entwurf):


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Was ist ein Earl?

Ein Graf. Nach der Hinrichtung des Duke of Norfolk (und da es zu dieser Zeit auch keinen Marquess gibt) bilden die Earls den höchsten Rang der Aristokratie und am Hof. Darunter kommen die Viscounts, darunter die Barone.

Adeliger, also auch Earl, ist man von Geblüt. Man erbt diese besondere Qualität. Und gibt sie weiter an die Nachkommen. Es ist dieses (von Gott verliehene) biologische Erbe, das den Aristokraten „leistungsfähig“ macht und ihm damit automatisch, dank Herkunft, das Recht auf die höchsten militärischen und politischen Positionen gibt.

Die Bürger haben dies bedingungslos zu akzeptieren. Es ist Teil der Ordnung der Welt, die Gott geschaffen hat.

Nichtadelige sind für den Aristokraten immer nur Diener. Es ist peinlich, wenn sich herausstellt, dass ein solcher Diener einmal für einen Adeligen mehr ist als das – etwa in einer homoerotischen Beziehung, oder wenn ein Untergebener als Ratgeber den Aristokraten zu lenken scheint.

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Die Earls of Oxford

Die Earls of Oxford rangieren unter den Aristokraten am höchsten, aus Gründen der Anciennität.

Mit Aubrey de Vere werden 1133 die de Veres Lord Great Chamberlains. Der Sohn Aubreys wird zum Earl of Oxford gemacht.

3

Rolle der Aristokraten am Hof und in der Politik

4

Oxford ist Lord High Chamberlain bzw. Lord Great Chamberlain

Eine an sich rein zeremonielle Position, aber von hohem Rang. U. a. gehört der Lord Great Chamberlain zu den Baldachin-Trägern der Queen. Er ist der Erste Schwertträger bei royalen Zeremonien und bewegt sich in größter Nähe zum Monarchen bzw. zur Monarchin. Am stärksten wird seine Rolle bei der Krönung eines neuen Monarchen.

Zeremoniale Funktionen übt er auch bei der Ernennung von Peers fürs Oberhaus und bei der Ernennung von Bischöfen aus.

Sein Amtszeichen ist der Schlüssel.

Das Amt ist erblich und seit 1133 (mit kurzen Unterbrechungen) in der Hand der Familie de Vere – bis 1626, als Oxfords Sohn Henry ohne Erben stirbt.

Sein Amt ist nicht zu verwechseln mit dem politisch bedeutenden Amt des Lord Chamberlain, dem Schatzmeister.

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Adelsehre, Adelsstolz: Der Name

Der Name ist der Name einer Familie; es gilt, die Ehre der Familie zu bewahren. Der Name ist also keine rein oder primär individuelle Angelegenheit. Bringt ein Aristokrat durch Fehlverhalten seinen Namen in Misskredit, gerät die Familie in Misskredit.

Die Ehre des Names verpflichtet zu ritterlichem Verhalten – etwa zur Verteidigung in Form eines Duells (mit Gleichrangigen). Den Schutz des Namens kann die Queen über ihre staatlichen Machtmittel sicherstellen – oder aber die Kampfkraft der dafür einsetzbaren Truppen des Aristokraten selbst. Gewalt ist für Aristokraten ein legitimes Mittel in der Auseinandersetzung.

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Adelsehre, Adelsstolz: Das Geld und die Arbeit

Der Aristokrat arbeitet nicht. Es wäre gegen seine Ehre. Er übt das Waffenhandwerk und ergänzt diese Haupttätigkeit durch politische, administrative und richterliche Aufgaben, sowie durch spezifisch aristokratische Formen von Sport und Unterhaltung.

Der Aristokrat „verdient“ sich nicht seinen Lebensunterhalt – was er an Einkommen erzielt, ist teils „Beute“ (Ausbeutung arbeitender Untertanen), teils anerkennendes oder um Loyalität werbendes „Geschenk“ seitens der Höheren, vor allem des Königs bzw. der Queen.

Lässt sich der Aristokrat in Geschäfte ein, wird dies diskret erledigt. Als Unternehmer oder Kaufmann tritt der Aristokrat grundsätzlich nicht auf. In England zumindest kann er aber in bürgerliche Unternehmen investieren.

Der Adel lebt in einer Welt peinlich genau beachteter, genau umrissener Gesten des Respekts und der Rangzuweisung. Niedriger Gestellte müssen beständig darauf achten, die richtigen Formen der Ehrerbietung zu zeigen. Wann und wie genau man sich verbeugt, niederkniet, den Hut zieht, einen Bückling macht …

Arbeit – ist verächtlich. Wer mit seiner Hände Arbeit oder mit seines Kopfes Arbeit sein Leben verdienen muss, gehört nicht zum Adel. Arbeit wird nicht geachtet, weder die Arbeit der Hände noch die des Kopfes. Dem Adel ist die Muße angemessen, der Müßiggang.

7

Adelsehre, Adelsstolz: Der Krieg, der Kampf, das Tournier

Der Aristokrat versteht sich als Ritter, als Krieger – im Rahmen der (zu Elizabeths Zeiten längst obsolet gewordenen) feudalen Gesellschaft mit ihrer Pseudo-Dreiteilung der drei Stände, dem betenden, dem verteidigenden und dem arbeitenden Stand.

Die hohen Positionen in der Armee stehen den Aristokraten zu – je höher, desto höcher die Charge. Davon, dass sie kompetente Feldherrn sind, gehen sie selbstverständlich aus. Es liegt ihnen im Blut.

Von früh an lernen sie den Gebrauch der Waffen und welche Ehre damit verbunden ist. Sie lernen die Heldentaten früherer Geschlechter kennen …

Ein Aristokrat kann fechten. Er macht das möglichst professionell. Es könnte sein, dass er es bei einem Duell braucht.

Zentral für das kriegerische Erscheinungsbild des Aristokraten ist seine Teilnahme am Tournier – und sein ehrenhaftes Abschneiden dort. Das gilt zumindest für seine jüngeren Jahre.

8

Adelsehre, Adelsstolz: Die Freizeitvergnügungen

Das Kampftraining gehört zu den professionellen Tätigkeiten.

In der Freizeit pflegt der Aristokrat vor allem der Jagd, und dies nicht wie ein bürgerlicher Jäger. Falkenjagd hat besonderes Prestige.

Hinzu kommt aristokratischer Sport: Tennis vor allem.

Theater, Maskenspiele, Maskenball, Tanz, höfische (Kunst-)Musik (nach Noten gespielt und gesungen), Kartenspiel nehmen einen beträchtlichen Teil des Tagesablaufs ein.

Kompetente Bürgerliche können hier zu besonderen Dienstleistungen verwendet werden, etwa als Schauspieler, als Autoren und Regisseure von Theater und Masken, als Musiker. Aber auch Aristokraten können mitspielen – im nur für die Aristokratie öffentlichen Bereich.

Ein Aristokrat kann ein nicht-aristokratisches Hobby auch zur Leidenschaft machen. Etwa das Drechseln von Tischbeinen, das Herstellen von Uhren, das Spielen eines Musikinstruments als Solist oder in einem Orchester, oder etwa das Dichten von Sonetten und das Verfassen und Inszenieren von Theaterstücken. Solange das im adeligen Kreis bleibt, ist man da tolerant. Einen Spleen darf ein Aristokrat schon haben. Aber wenn der Mann seine genial gedrechselten Tischbeine auf dem bürgerlichen Markt verkaufen möchte, und dies noch unter seinem Namen, dann macht er sich zum Bürgerlichen – er verliert seine Ehre als Aristokrat und beschädigt die Ehre seiner ganzen Familie und zieht den Adel insgesamt in den Schmutz.

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Adelsehre, Adelsstolz: Il Cortegiano

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Aristokratie und Bildung. Lanze und Feder.

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Einige bedeutende Grafen-Geschlechter

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Adel und Bürgertum

Noch hat die Aristokratie genug Reichtum und vor allem die Macht der hohen Ämter, um sich das Bürgertum halbwegs vom Leibe zu halten.

Aber die Bürger haben angefangen, so viel Geld zu verdienen, dass sie die Stellung der Aristokratie bedrohen. Geld ist Macht. Der Adel wirtschaftet zumeist unklug, neigt zur ostentativen Verschwendung – und braucht Kredit – und Kredit ist fast nur bei reich gewordenen Bürgerlichen zu bekommen.

Die noch dazu ihr Geld und ihre Geldmacht dazu verwenden können, sich Adelstitel zu kaufen. Ein Skandal für die Aristokratie. Aber andererseits, was soll man machen, wenn man unbedingt mehr Geld für sein adeliges Leben braucht?

Immer wieder steigt also ein besonders erfolgreicher Bürgerlicher eine, zwei, drei Stufen nach oben.

Ein kleiner Fall dafür ist William Shakspere aus Straford-upon-Avon, der sich als Geschäftsmann den Rang des Gentleman und das Wappen dazu erwerben kann.

(Gibt es in der Zeit der Queen und ihres Nachfolgers das Beispiel eines sehr reichen Bürgers, der es zum Baron bringt?)

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Adel und Religion

In der Aristokratie hielt sich die Treue zur alten katholischen Religion relativ lang bei relativ vielen. Finanziell konnten sie sich die Strafen, die etwa auf einem Fehlen beim Gottesdienst zu zahlen waren, leisten. Der Druck wurde allerdings immer stärker, die Verfolgung immer schlimmer, nachdem der Papst (und mit ihm die „Papisten“) auf Königsmord gesetzt hatten.

Die Mehrheit der Aristokraten Englands folgte der Religionspolitik der Queen – der gemäßigten Reformation, die zur Anglikanischen Kirche führte.

Einige waren radikaler – etwa der erste Günstling der Queen, der Earl of Leicester. Auch Walsingham, der Spymaster der Queen.

Später zeigte sich ein Gegensatz der Aristokratie zum calvinistischen Radikalismus einer Bewegung, die man (abfällig) die Puritaner nannte.

Es gab mal mehr, mal weniger eine Spaltung zwischen dem Teil der Aristokratie, die sich außenpolitisch an die katholischen Nationen (Spanien, Frankreich) anlehnen wollten, und dem anderen Teil, der sich gegen solche Politik verwahrt hat und eher die Niederländer oder, im 30jährigen Krieg, die protestantische Seite zu unterstützen bereit war. (Etwas irreführend nennen manche diese Adeligen ebenfalls Puritaner. Sie waren aber keine Calvinisten.)

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Die Krise des Adels

(Dazu lese ich bald Lawrende Stone, The Crisis of the Aristocracy 1558 – 1641)

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Resümee für die Autorschaftsfrage

Kann sich ein Bürgerlicher, ein Außenstehender in diese aristokratische Welt so weit hinein-assimilieren, dass ihm das Aristokratische in Fleisch und Blut übergeht?

Vorstellbar ist das schon. Aber erinnern wir uns an das, was Mark Twain so eindrucksvoll in seinem kleinen Buch Is Shakespeare dead? vorgeführt hat: Der Insider käme dem Außenstehenden drauf!

Unser damit ohnehin schon starke Zweifel verschärft sich, wenn wir fragen: WANN und WIE hätte unser Stratforder Bürgerlicher denn die aristokratische Welt, die aristokratische Jagd, die aristokratische Politik etc. so gut kennen lernen können? Er hätte zumindest einige Jahre Teil dieser Welt sein müssen, etwa als Vertrauter eines Earl. – In der Biographie findet sich hierzu kein WANN und kein WIE.

Ich steigere den Zweifel noch, wenn ich auf Shaksperes Präferenzen hinweise. Es ging ihm vor allem ums Geldverdienen – und darum, in seiner ländlichen Heimatstadt als wohlhabender, angesehener Gentleman zu leben. Es ging ihm, wie man aus seiner Entscheidung gegen London, gegen das Theater, gegen die Inklusion in die Welt des höfischen Adels erkennen kann, nicht darum, sich selbst mit der Aristokratie zu verschmelzen.

Als Gentleman mit Wappen gehört er dem untersten Rang des Adels an, dem kleinen bürgerlichen Adel, der seine bürgerliche Geschäftigkeit rangmäßig ein wenig zu veredeln im Stande ist, im Grunde aber doch nur als (besserer) Bürger zählt.

Kommt diese Perspektive irgendwo im Werk Shakesperes vor? Im großen und ganzen betrachtet Shakespeare (der Autor) die Welt von Shakspere (dem Geschäftsmann) aus hocharistokratischem Abstand – mit einer Neigung, sich über diese bürgerliche Welt und ihre Aufstiegsambitionen lustig zu machen.

 

 

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