Oxford: Die Frauen

Über die Frauen der Familie – die Mutter, die Halbschwester, die Schwester, die zwei Ehefrauen, die drei Töchter geht es auch auf der Themenseite Familie.

Auch diese Seite, wie alle Themen-Seiten, ist eine Baustelle.


Stephen Greenblatt hat ein schönes Kapitel über Shakespeare und die Frauen in seiner Roman-Biographie „Will in der Welt“. Er denkt dabei natürlich nie an Oxford. Dem Leser aber geht es ständig durch den Kopf, wenn er Greenblatts hervorragende Charakterisierungen liest: Das ist doch Oxford – nicht der Geschäftsmann aus Stratford!

Beginnen wir mit diesem Zitat:

In der elisabethanischen Zeit hatten nur ganz wenige junge, unverheiratete Frauen irgend eine Kontrolle über ihr eigenes Tun und Lassen.

Die Eltern entscheiden. Punkt.

Es gilt für Shakspere, es gilt für Oxford.

Nun ja, vielleicht für Oxford nicht ganz. Ich komme darauf zurück – eng an Greenblatt angelehnt …

Bevor er ins Detail geht, macht uns Greenblatt ein Zugeständnis:

Doch der Impuls, Shakespeares Leben zu erkunden, entspringt ja letztlich der starken Überzeugung, daß seine Stücke und Dichtungen nich tnur aus anderen Stücken und Dichtungen schöpfen, sondern auch aus den Dingen, die er aus erster Hand, mit Leib und Seele kannte.

Wir dürfen also Werk und Biographie aufeinander beziehen. Greenblatt macht das durchgängig in seinem Buch. (Lehnen Wells, Edmondson, Shapiro, Kathman etc. das ab? Weisen sie ihren Verbündeten Greenblatt in die Schranken mit ihrer Forderung, auf biographische Brücken gefälligst zu verzichten, denn da gehen die Stratforder gegenüber den Oxfordianern unter?)

1 Romeo und Juliet

Es scheint eine ideale Liebe zu sein. Julia ist Jungfrau; sie gibt sich Romeo erst dann sexuell hin, als sie formell verheiratet sind.

Julia und Romeo sind dann nicht prüde. Sie freuen sich auf die körperliche Vereinigung. Sie schämen sich nicht.

Natürlich ist Julia deutlich jünger als Romeo. Wie es sich für Oxford gehört. (Im Falle von Shakspere als Autor: Greenblatt schließt zurecht aus dem Werk, dass der Straforder seine Eheschließung als Fehler sieht. Orsino in The Twelfth Night: Wähle doch das Weib sich einen Älteren stets!)

Romeo und Julia setzen sich über ihre Väter, ihre Familien hinweg. Sie brechen das selbstverständlich gültige Recht der Väter, über die Ehepartner ihrer Kinder zu bestimmen. Die ideal Liebenden vergehen sich gegen den Willen und Befehl der Eltern. – Sie bezahlen dafür mit dem Leben, aber die Zuschauer wohl auch zu Shakespeares Zeiten fühlen sich verführt, pro Romeo&Julia und gegen die Eltern Partei zu ergreifen. Das hat damals etwas Kulturrevolutionäres.

Die Eltern entscheiden? – Ja, natürlich. – Aber …

2 Die vielen Stücke, in denen der Mann seiner Ehefrau unrecht tut.

Das fällt jedem auf, der alle Werke Shakespeares kennt. Der Mann, der seiner Ehefrau oder seiner Geliebten nicht gerecht wird, ist ein Hauptthema im Werk. Es ist (mit Ausnahme von Troilus & Cressida) immer der Mann, der schuld ist und immer die Frau, die unschuldig ist, wenn die Beziehung leidet, kriselt oder zerbricht.

Othello ist das heftigste Beispiel dafür, The Winter’s Tale kommt gleich danach, Much Ado About Nothing, Measure for Measure, All’s Well End’s Well, Two Gentlemen of Verona, Merchant of Venice, Love’s Labour’s Lost, Comedy of Errors, …

3 Comedy of Errors

Eine berührende Stelle stößt uns darauf, dass es eigentlich immer die Frauen sind, von denen die emotionale Teilnahme in einer Beziehung ausgeht. Hören wir nicht Oxfords Anne, wenn Adriana zu ihrem (vermeintlichen) Ehemann spricht:

Wie kommt’s denn, mein Gatte, o wie kommt’s,
Daß du so ganz dir selbst entfremdet bist?
Dir selber, sagt ich; mir ja wirst du fremd,
Mir, die ich unzertrennlich dir vereint,
Nichts bin als deines Herzens bester Teil.
Ach, reiße nicht dein Innres von mir los!
Denn wisse, mein Geliebter, leichter träufst du
’nen Tropfen Wass in die tiefe See
Und nimmst den Tropfen unvermischt zurück,
Ohn allen Zusatz oder Minderung –
Als daß du dich mir nimmst, und nicht auch mich.

Die verlassene Gattin geht dem Autor nicht aus dem Kopf. Was hat er ihr angetan?! Er versucht es wieder gutzumachen – auch mit Versen.

Den hektischen Erkennungsszenen der Komödie fehlt eine Szene der Versöhnung der Ehegatten.

4 The Winter’s Tale

Es sieht zunächst so aus, als ob König Leontes und seine Frau Hermione eine liebevoll entspannte Ehe führen, in der sie es sich leisten können, Scherze über sich zu machen. Doch die emotionale, sexuelle und psychische Intimität enthält eine Gefahr: die Eifersucht. Plötzlich und überraschend bricht sie durch. Leontes wird verrückt vor Eifersucht – und brutal. Ist es hier nicht gerade die Nähe, die im Mann das Paranoische ausbrütet?

5 Othello

Jago verführt den großen General. (Wie Howard und seine Clique Oxford verführen, seiner Frau Anne zu misstrauen und sich von ihr um seiner Ehre willen zu trennen.)

Kann Desdemona etwas dafür? – Vielleicht ist Othello dieser heftigen Intimität, diesem wirklich persönlichen Vertrauen, diesem Sturm der Liebe nicht gewachsen?

Ehe ist damals üblicherweise etwas Distanziertes. Man(n) liebt – eine Jungfrau, eine Frau, mit der man eben nicht verheiratet ist, aber gewiss nicht seine Ehefrau. Das war schon bei den Minnesängern so.

Männer sind Mai, wenn sie freien, und Dezember in der Ehe

sagt Rosalinde in As You Like It.

Die Komödien enden mit dem Happy End der Heiraten. Aber in kaum einem Fall bekommen wir den Eindruck, dass die Ehe gelingen wird. Viola & Orsino? Rosalinde & Orlando? Katherine & Petruchio? Portia & Bassanio? Jessica & Lorenzo? Mariane & Angelo? Isabella & Vincentio? Die Paare in Midsummer Night’s Dream? Hera & Claudio? – Nun, vielleicht haben Beatrice und Benedick eine Chance. Es finden sich wohl noch ein paar weitere Beispiele, die uns nicht ganz hoffnungslos lassen.

Gute Ehen allerdings sind böse Ehen: Gertrud & Claudius; Lady Macbeth & Macbeth. Gibt es Ausnahmen?

Beglückende Vereinigungen sind solche, die gegen die Regeln verstoßen: Romeo&Juliet, Antonius&Cleopatra.

Share

Leave a reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *