Oxford: Die Persönlichkeit

in Arbeit


Einige Seiten seiner Persönlichkeit werde ich in anderen Themen-Kapiteln abhandeln, etwa seinen Adelstolz im Kapitel „Der Aristokrat“, seinen Skeptizismus im Kapitel „Die Philosophie“. Wo ich die besondere Empathie unterbringen soll, weiß ich noch nicht – wahrscheinlich beim Thema „Der Dichter“.

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Ich beginne mit dem Thema „run-away wit“:

und leiste mir ein längeres Zitat aus Walter Kliers „Der Fall Shakespeare“ (Seiten 221-222). Er zitiert hier ausführlich Peter Moore, der sich auf Arundels Pamphlet gegen Oxford bezieht (Hervorhebungen von mir):

Arundel behauptet, Oxford habe erzählt, daß er (=Oxford) bei dem berühmten von Alva in Flandern einen solchen Eindruck gemacht habe, daß Alva (der tatsächlich bereits ein Jahr früher aus Flandern abgereist war) ihm das Kommando über die gesamten Truppen des spanischen Königs in den Niederlanden übertragen habe, und wo er alsdann solche Wundertaten vollbracht habe, daß sich sein Ruhm bis nach Italien verbreitete. Als Oxford dann nach Italien kam, habe ihm der Papst eine Armee von 30 000 Mann gegeben, um bei einem Bürgerkrieg in Genua einzuschreiten. Nachdem er diese Dinge referiert hat, scheint Arundel unbewußt aus der Deckung zu kommen und fährt fort: ‚... er ist voll von solchen Lügen und er schwelgt geradezu in ihnen, verschiedene Male hat er sie erzählt, und wenn er einmal anfängt, kann er gar nicht mehr damit aufhören, was so vergnüglich war, daß ich oft vor Lachen vom Tisch aufstehen mußte, und ebenso erging es Lord Charles Howard und den anderen, die ich vorher genannt habe, und zu Beweis nehme ich sie alle zu Zeugen; unter anderen zählten dazu die Lords Windsor, Compton, Henry und Thomas Howard ebenso wie Walter Raleigh.

Arundel erzählt uns hier ja, daß Oxford ein wunderbar einfallsreicher Geschichtenerzähler war, der der selben Zuhörerschaft immer wieder dieselben Geschichten auftischen und sie damit jedesmal wieder zu Lachstürmen hinreißen konnte. In der zitierten Passage ‚und wenn er einmal anfängt, kann er gar nicht mehr damit aufhören‚ allerdings beschreibt Arundel eine spezielle persönliche Eigenschaft, die Ben Jonson ebenso in seiner Charakterisierung Shakespeares hervorhebt. Der Bemerkung, die Schauspieler hätten an Shakespeare gerühmt, daß er niemals eine Zeile strich, fügt Johnson hinzu, er hätte besser tausend gestrichen, was bedeutet, er habe sich leicht von seinem eigenen Einfallsreichtum mitreißen lassen und nicht gewußt, wann er aufhören sollte. Jonson führt aus: ‚Er war in der Tat ehrlich, und von offener und freigebiger Natur; hatte eine ausgezeichnete Phantasie, wackere Ansichten und vornehme Sprache; worin er mit einer Leichtigkeit dahinfloß, daß es manchmal nötig war, ihn zu stoppen: Sufflaminandus erat (man hätte ihm das Maul stopfen sollen), wie Augustus von Haterius sagte. Er hatte seinen Witz in der Gewalt, wäre es doch mit dem Kommando darüber ebenso gewesen. Viele Male ist es ihm passiert; er konnte dem Gelächter nicht entgehen.

Jonson beschreibt also hier ein Charakteristikum, das mit dem identisch ist, was Arundel über Oxford sagt – sein Witz,. oder Geist hatte die Tendenz, mit ihm durchzugehen. Wir sollten auch die Emphase beachten, mit der diese Kommentare gemacht werden. Sie weist darauf hin, daß es sich um eine hervorstechende Eigenschaft handelt. Arundel etwa bringt einen reich orchestrierten Schwall von Verleumdungen vor, getrieben von Rachegefühlen und natürlich, um Oxfords Anklage gegen ihn zu diskreditieren. Dann aber schwächt er die Kraft seiner eigenen Anschuldigung, indem er dessen Erzähltalent so beschreibt, als könne er einfach nicht über diese Eigenschaft Oxfords hinwegkommen. Ironischerweise begeht Jonson den selben Fehler, den er an Shakespeare kritisiert; er kann sich von seiner Idee nicht lösen, bevor er sie nicht auf vier verschiedene Arten ausgedrückt hat: ‚wherein he flowed … Sufflaminandus erat … His wit was in his owne power … Many times hee fell …

Selber möchte ich hinzufügen: Betrachten wir Shakespeares eminentes Vergnügen an seiner Figur Falstaff! Was für ein anarchischer, verantwortungsloser Typ, ebenso großmäulig wie kriminell – und Shakespeare schenkt ihm sein Bestes, er entwaffnet uns damit, dass wir nicht anders können als Falstaffs genialem Witz begeistert zu folgen. Am Ende ist Shakespeare (Oxford) klug genug zu erkennen, dass dieses Feuerwerk an Witz, die Falstaff’sche Hemmungslosigkeit und Egozentrik nicht staatstragend sind und für den Helden tragisch enden: Prince Hal lässt ihn fallen, sobald ihn der Tod seines Vaters königliche Macht und Verantwortung verleiht – sobald er Henry V. wird.


Anmerkungen:

Oxford war 1574 kurz in den Niederlanden, 1575 in Italien. Das Pamphlet Arundels stammt aus dem Jahr 1581.

Ben Jonsons Charakterisierung finden wir in „Timber„.


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