Pericles

Es gibt Fachleute, die meinen, das Stück sei nicht von Shakespeare. Es sei zu anders und zu schwach im Vergleich mit den 36, die im First Folio überliefert wurden. (Pericles kam erst im Second Folio hinzu.)

Ich sehe das – wie die meisten Shakespeareologen – anders. Mir gefällt das Stück, und mich reizt die besondere, etwas andere Qualität. Es ist so – Pericles ist anders. Fremder. Antiker. (Ich habe mit Vergnügen antike Romane gelesen, Heliodors Äthiopika zum Beispiel, und daran erinnert Pericles auch in seiner Erzählweise.)

Angeblich wurde es 1607 geschrieben, in einer Zusammenarbeit von Shakespeare (Akte 3, 4 und 5) und George Wilkins, einem gelegentlich schriftstellernden Wirtschaus- und Bordellbesitzers mit krimineller Karriere späterhin.

Überliefert wurde das – sehr populäre – Stück in einem „bad quarto„.

Die ersten beiden Akte passen von der Handlung her bestens zu den drei weiteren. Das Problem ist: Sie sind schwach versifiziert. Sie sind sprachlich unter dem Niveau von Shakespeare, deutlich schwächer als die weiteren Akte.

Aber auch in den ersten beiden Akten zeigt sich immer wieder einmal die Qualität des Meisters – und in den Akten 3 bis 5 gibt es Stellen, die dem schwachen Autor der ersten beiden Akte zugeschrieben werden können.

Wie soll man sich nun diese Zusammenarbeit vorstellen?

Ein Beispiel: Ein Meisterkoch, fünf Sterne, bereitet ein Galadiner für bedeutende Gäste vor. Er übergibt die ersten zwei Gänge einem Jungkoch, während er die späteren Gänge selbst übernimmt.

Der junge Koch kann’s natürlich noch nicht sonderlich gut, gelegentlich mischt sich der Meisterkoch mal ein und verbessert das Produkt, aber insgesamt bleibt die Kochleistung mittelmäßig.

Der junge Koch mischt sich aber auch gelegentlich ein in die Arbeit des Meisterkochs und verdirbt das eine oder andere dabei.

Lässt sich der Meisterkoch das gefallen? Wieso sollte er nicht alle fünf Gänge übernehmen? Es ist doch ein Galadiner! Als Meisterkoch hat er gewiss keine Schwierigkeiten, fünf exzellente Gänge statt nur drei auf den Tisch zu bringen.

Die orthodoxen Interpreten entkommen der unsinnigen Interpretation nicht. Für sie muss es Kollaboration von Shakespeare und Wilkens gewesen sein.

Es gibt zwei sehr viel naheliegendere Möglichkeiten, sich die Differenz zwischen den beiden Teilen bei Pericles und die jeweiligen Stärken und Schwächen zu erklären. Ich entscheide mich nicht zwischen ihnen – sie sind beide plausibel.

I. Oxford, der Autor, ist tot. Man findet unvollendete Stücke bei ihm, eins davon ist Pericles. Die Papiere dazu enthalten Notizen zur Gesamthandlung, ein paar wenige Stellen der ersten beiden Akte sind ausgeführt, sowie fast ganz die Akte 3 bis 5, bis auf einige Lücken. George Wilkins bekommt dieses Fragment zur Verfügung gestellt und macht daraus ein Stück. Es wird dann schlampig gedruckt, was die Schwächen noch vermehrt.

II. George Wilkins hat mit dem Stück nichts zu tun. Er verfasst in dieser Zeit nur eine Prosastory entlang dem Drama und seiner Quelle. Das Stück gibt es schon länger und ist auch einige Male gespielt worden, aber um 1607 herum wird es plötzlich Mode, wird es populär. Ein Drucker möchte es haben und schickt zwei Piraten in eine der Aufführungen, die sich den Text merken und dann aufschreiben sollen. Der eine übernimmt die ersten beiden Akte – und versagt ziemlich, das heißt, er muss immer wieder Verse und Stellen improvisieren, weil er sie sich nicht genau gemerkt hat. Der zweite macht seine Arbeit besser, aber auch er muss ein paar Mal nach eigenem Vermögen Verse machen, weil er die originalen nicht mehr genau weiß.

Für die orthoxen Herausgeber von Pericles kommt es nicht in Frage, diese beiden doch so naheliegenden Erklärungen auch nur zu erwähnen.


1604 bringt John Day sein Stück Law Trick heraus. Eine Szene darin ähnelt sehr der Szene mit den drei Fischern in Pericles.

Woraus die Orthodoxie folgert: Shakespeare hat sich das bei John Day abgeschaut.

Allerdings war John Day berüchtigt dafür, dass er für seine Stücke – auch für Law Trick – hemmungslos geklaut hat.

Läge es also nicht näher anzunehmen, dass Law die Szene Shakespeare abgeschaut hat?

(Vgl. Peter R. Moore, S. 187f)

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