Poseners Shakespeare-Biographie

Alan Posener hat die viel gelesene Rowohlt-Monographie über Shakespeare geschrieben.

Wie geht er mit den heiklen Punkten im Leben des Geschäftsmanns um?

1

Die Kleinstadt hat Shakespeare geprägt. Bilder aus der Landschaft seiner Kindheit und Jugend durchziehen das Werk.

S. 7

Er zitiert ausgiebig eine längere Stelle.

Allerdings dürfte jeder (mit einem Sensorium für so etwas), der außerhalb von London aufgewachsen ist, auch ein Aristokrat, solche lyrischen Natur- und Kleinstadtempfindungen gekannt haben.

Das ist keine idyllische Beschreibung eines ländlichen Arkadien, keine Schäferlyrik, wie sie am Hof in Mode war.

S. 8

Richtig. Aber wie viele Stellen lassen sich in dem vieltausenseitigen Werk Shakespeares finden, die nun genau die Hofwelt wiedergeben, und dies auch nicht idyllisch? Wird der geniale Dichter als Hofmann nicht ebenso genial die Welt jenseits des Hofes erfassen können wie der geniale Dichter als Kind von Stratford das Hofleben?

Shakespeare kann auch ländliche Typen und ländliches Leben authentisch darstellen. AUCH das. Aber überwiegend stellt er höfisches, aristokratisches Leben dar. Warum, wenn er doch erstens dem Leben des Landes und der Kleinstadt entspringt, zweitens alles dafür tut, in eben dieses ländliche und kleinstädtische Leben zurückzukehren?

Leider erläutert uns Posener das nicht.

2

Nur einmal, so stellt Posener richtig fest, hat Shakespeare für ein Drama ganz die bürgerliche Welt gewählt – in der Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor„. Er führt uns dort die bürgerliche Welt nicht ohne Sympathie vor.

Wie aber kommt es, dass in den restlichen 36 Theaterstücken (aber auch in den Sonetten und in den Versepen) die aristokratische Welt und der aristokratische Blick dominieren?

Richtig ist auch: Die Höflinge treibt es manchmal aufs Land – hin zum einfacheren Leben. Typisch Höfling.

3

Mit dem im Showgeschäft verdienten Geld wird er das zweitgrößte Haus in Stratford kaufen, Landbesitzer werden, das vom Vater nicht mehr verfolgte Verfahren zurAnerkennung als Angehöriger des niederen Adels abschließen können (1596).

S. 12

Mit dem Dramenschreiben wird man nicht reich. Zwischen 4 und 10 Pfund wird ein Drama bezahlt. Als Schauspieler wird man ebenfalls nicht reich – nur etwa 20 von den 1000 Schauspielern zu Shakespeares Zeit haben es wenigstens zu etwas Vermögen gebracht. Am ehesten verdient man noch als Anteilseigner. Damit lassen sich schon größere machen.

4

Man merkt immer wieder: Posener folgt nicht Shapiros Rat, Biographie und Werk im Falle Shakespeare strikt auseinanderzuhalten und auf Bezüge zu verzichten. Er tut, was er kann, um Bezüge herzustellen. Dabei vermeidet er möglichst alle Irritationen – alles das, was auf fehlende Bezüge hinweist oder Werk und Biographie in Gegensatz bringt.

5

William hat mehrere Brüder. Posener spekuliert: Im Werk gibt es auffallend oft die Rivalität zwischen Brüdern; hier könnten Werk und Biographie zusammenhängen. – Ich würde sagen: Das ist eine legitime Spekulation, vorausgesetzt, Shakspere ist der Autor Shakespeare. Betrachtet man das, was wir über die Brüder wissen, merken wir nichts von einer Rivalität zwischen den dreien und William. Im Gegenteil.

6

Bezüglich der Bildung genügt Posener offensichtlich das, was Shakspere in der Grammar School in Stratford gelernt hat. Wie er zu seinen Fremdsprachenkenntnissen, seinem professionellen Rechtsverständnis, seinem Wissen über die aristokratische Jagd etc. gekommen ist, interessiert Posener nicht.

Ein Stipendium für die Uni Cambridge (wie William Smith in Stratford oder Christopher Marlowe in Canterbury) hat unser Shakspere nicht geschafft.

7

Posener: Shakespeare dachte wohl mit gemischen Gefühlen an seine Schule zurück. Dafür sprächen einige Stellen in Verlorene Liebesmüh, Wie es euch gefällt, Die lustigen Weiber von Windsor, vielleicht auch Ben Jonsons Feststellung, der Autor habe nur „small Latin“ gekonnt.

Wie wäre das vereinbar mit der überragenden Intelligenz und Bildung, die der Autor Shakespeare in seinem Werk entfaltet? Wenn er Probleme in der Schule hatte, dann deshalb, weil er dramatisch unterfordert war.

Bei Ben Jonson, so Posener, schwinge der Aufstieg vom Maurer-Sohn zum gelehrtesten aller Dichter mit. Bei Shakespeare, so ergänze ich, merkt man nichts von einem solchen Aufsteiger-Bewusstsein. Wie kommt es, dass ein so bedeutsames biographisches Faktum keinen Niederschlag in diesem umfangreichen Werk findet, das durchaus auch auch Persönliches einbezieht, etwa in Hamlet, in den Sonetten? Die Shakespeare-Interpreten versuchen sich immer wieder daran, persönliche Bezüge herzustellen – haben sie einmal wenigstens ein Beispiel für einen Bildungsaufsteiger entdeckt? (Hätte sich Posener das nicht fragen müssen?)

8

Man kann dem Werk entnehmen, dass Shakespeare keine Sympathien für Puritaner und religiöse Eiferer hatte. Statthalter Angelo (in Maß für Maß) und Malvolio (in Was ihr wollt) bezeugen das. – Hier stimme ich Posener zu.

9

Das Vordringen des Protestantismus war in Stratford deutlich spürbar.“ (16) – Bilderstürmerei war eine der Folgen. John Shaksperes Abstieg – vielleicht – eine andere. „Die Fraktion der Puritaner, denen jeder Kompromiss in Glaubensfragen suspekt war, wuchs von Jahr zu Jahr.“ – Auch in Stratford. Auch in der Familie Shakspere? „Äußerlich passten sich die Shakespeares der Staatskirche an.“ – Oder den Puritanern, die auch in Stratford allmählich das Sagen hatten? Am Ende wird Susanna Shakspere jedenfalls den Puritaner John Hall heiraten, und Vater William wird ihr und ihm den Großteil seines Vermögens vererben. Wurde auch William am Ende noch Puritanerfreund? Freund einer Bewegung, die das Theater grundsätzlich negativ sah? – In diesem Kapitel geht Posener noch nicht auf diese Frage ein. Schauen wir mal, ob er sie am Ende aufgreift.

10

In den Dramen Shakespeares wird durchgehend und ausnahmslos der Kult der ehelichen Treue und der Keuschheit vor der Ehe gefeiert. – wie steht es damit im Leben von Shakspere aus Stratford (wenn er denn der Autor war)? – Posener deutet das Problem vorsichtig an, als er von der überstürzten Heirat unseres 18jährigen spricht und von der vorehelichen Schwängerung Anne Hathaways. Er könnte noch die Dark-Lady-Sonette hinzufügen – glatter Ehebruch.

11

Allerdings verlangen die Heldinnen vieler Dramen ein intimeres Verständnis der Ehe.“ – Davon findet sich im Leben unseres Geschäftsmanns nicht nur nichts, sondern in Form des „second best bed“ das Gegenteil. Auch scheint Shakspere der Tod seines Sohnes Hamnet 1596 kein literarisches Denkmal wert zu sein. Dazu kommt die Flucht (?) nach London. Die Arbeit in London muss allerdings keine Flucht (vor Ehe und Familie) gewesen sein. Es ging wohl primär ums Geld – um die finanzielle Rettung der Familie. Ob der vorübergehende Abschied von Stratford und Familie, wie Posener meint, eine traumatische Trennungs-Erfahrung war? Es ist nur eine Dreitage-Reise zwischen den beiden Orten.

12

Untreue spielt im Werk eine besondere, eine auffallende Rolle. Gibt es hierzu etwas im Leben des Stratforders? Hat auch Shakspere einmal seine einst geliebte Anne verdächtigt, verlassen, verstoßen? – Posener tut so, als ob da etwas gewesen wäre, und zwar im Zusammenhang mit dem Verlassen von Stratford nach 1587. Ich kann da nichts erkennen. Posener zieht hier etwas an den Haaren herbei, um Werk und Mann einander näher zu bringen.

13

Shakspere als „Proteus„? – Posener meint, wenn schon, dann wäre das ein passendes Pseudonym für den Autor gewesen. Aber Shakspere ist alles andere als ein Proteus. Er ist als Persönlichkeit sehr eindeutig und gradlinig – Schauspieler (anfangs) und konsequenter Geschäftsmann und heimatverbundener Stratforder.

14

Im Fall „Greene’s Groatsworth of Wit“ folgt Posener phantasievollen Interpretationen – Shakspere als Dramatiker, etc. Shakspere als derjenige, der sich beschwert und von Chettle eine freundliche Entschuldigung bekommen habe.

Keinen Hinweis gibt es im folgenden darauf, dass die Frühwerke Shakespeares offensichtlich schon früher (jedenfalls in früheren Fassungen) existiert haben müssen, als es für eine Shakspere/Stratford-Biographie möglich ist.

15

Für Posener war der Earl of Southampton Shakespeares Patron. Aufgrund der Widmung von Venus and Adonis sowie The Rape of Lucrece ist das für einen Stratforder eine zwingende Annahme. Mit Problemen:

„Allerdings muss die Einführung in die luxuriöse, kultivierte und geistvolle Welt des Adels, wo Broterwerb als Schande galt, für den Sohn eines Kleinbürgers zunächst eine Identitätskrise ausgelöst haben.“

Allerdings. Posener meint, in einigen Sonetten Indizien dafür gefunden zu haben. Protestiert der Autor der Sonette gegen die Adelswelt?

Fällt Posener nicht auf, dass das Werk Shakespeares ganz aus der Perspektive eines Aristokraten geschrieben wurde? Dass also unser Stratforder sich nun fast bedingungslos mit dieser Welt der Aristokraten identifiziert haben muss?
Mal sehen, ob Posener weiter zu diesem Problem Stellung bezieht.

16

Könnte sich Posener nicht einmal fragen, woher der Stratforder Shakespeare so plötzlich die Perfektion her hat, die sich in den beiden Versepen zeigt? Nur einfach auf Genie zu verweisen, dürfte da nicht genügen. Auch Genies fallen nicht vom Himmel. Zumindest auf die Frage müsste Posener eingehen. Und dass wir hier von einem Rätsel stehen.

17

Posener zitiert aus den Parnassus-Plays etwas, das er offenbar völlig falsch versteht. Es lässt den Komiker William Kempe folgendes sagen:

Von den Universitätsleuten können nur wenige gute Stücke schreiben, die riechen zu sehr nach diesem Schriftsteller ‚Ovid‘ und diesem Schriftsteller ‚Metamorphosen‘ und reden zu viel von ‚Proserpina und Jupiter‘. Also, unser Mann hier, der Shakespeare, steckt sie alle in den Sack.

zit. Posener S. 30

Offensichtlich wird hier Kempe als Depp vorgeführt, der nicht weiß, was jeder weiß: dass „Metamorphosen“ kein Dichter ist, sondern ein Werk von Ovid; der zweitens nicht weiß, dass Ovid die Grundlage für die hier gefeierten Versepen von Shakespeare liefert – und dass drittens „unser Mann hier, der Shakespeare„, der Schauspieler und Theatermanager, natürlich nicht der Autor ist – der im übrigen auch nicht in dem Sinne Universitätsmann ist, wie es die Studenten und Professoren in Cambridge sind, sondern ein Aristokrat, der einer anderen Sphäre angehört (der allerdings auch Recht in Cambridge studiert hat …)

Shakspere, den Kempe hervorhebt, gleicht eher Gullio, dem affektierten Dandy und Tölpel des Stücks, der „nichts als reinen Shakespeare spricht„: „Poesiefetzen, die er im Theater aufgelesen hat„.

Posener merkt nicht, dass sich die Szene hier gegen Shakspere richtet, während der Autor Shakespeare im Hintergrund bleibt und geehrt wird.

18

1594 wird Shakspere eines von acht Gründungsmitgliedern der „Lord Chamberlain’s Men“. Er muss dafür zwischen 50 und 100 Pfund einbringen – ca. 25.000 bis 50.000 Pfund heute. Woher nimmt er das Geld, fragt Posener.

Als Dramenautor hat er so viel nicht verdient. Hat ihm „Patron“ (?) Southampton das Geld gegeben? Hat er es gegen einen Zins von 10% geliehen? Hat er es als Schauspieler verdienen können? (Posener scheint das anzunehmen.)

19

Posener schreibt nun etwa 10 ebenso kompetente wie anschauliche wie nützliche Seiten über das Theater in London und seine Entwicklung in der Zeit Shakespeares. Auch über den heftigen Widerstand der immer stärker werdenden Puritaner gegen das Theater – diese „Lasterhöhle“.

20

Wie kommt Posener darauf: „Shakespeare war ab 1598 Theaterbesitzer und Intendant, Autor, Regisseur und Schauspieler in einer Person.“

Theaterbesitzer und Schauspieler – ja. Aber Intendant und Regisseur? (Autor? – Das ist unsere generelle Frage.) Woher nimmt Posener das? Wie kann er Schauspieler, Intendant und Regisseur eines fast ständig aktiven Theaterunternehmens sein, wenn er erhebliche Zeit (mehr als die Hälfte?) fernab in Stratford-upon-Avon verbringt?

Außerdem fehlt auf der Liste alles, was sein merkantiles Leben in Stratford angeht. Hat ihn der Erwerb seines großen Vermögens keine Zeit und keine Energie gekostet?

21

Shakespeares Jahreseinkommen aus der Theaterarbeit wird auf etwa 200 Pfund geschätzt.

Wie kommt man darauf? (Posener gibt uns hier keine Quelle an.) Als Autor der Werke und als Schauspieler wird er nicht viel verdient haben. Vielleicht nur ein Zehntel diese Summe, vor allem, wenn er die meiste Zeit abwesend war. Als Theater-Anteilseigner kann einiges an Profit hereingekommen sein, aber es gab viele aufführungsarme Jahre, in denen wenig zu verdienen war. Schätzen wir die Jahreseinnahmen lieber auf 100 Pfund im Durchschnitt – auch das ist eine beträchtliche Summe.

22

„Mit 47 Jahren war er wohlhabend genug, sich aus der aktiven Theaterarbeit und der Hauptstadt nach Stratford zurückzuziehen, wie es sich für einen Gentleman mit verbrieftem Adelsprädikat gehörte. … Der Sohn des Handschuhmachers konnte zufrieden sein.“

Also, das ist die Priorität des größten Autors der englischen Sprache – des theaterbesessenen, dichtungsbesessenen, sprachbesessenen Autors der Werke Shakespeares? Wie lesen wir nun die Werke Shakespeares? Er hat sie mal so nebenbei geschrieben, um Geld zu machen und sich am Ende von Theater und Kunst zurückziehen zu können. Der Schöpfer des Shakespeare-Werks zieht den Kleinstadtmief den metropolitanen oder den aristokratischen Kontakten und Möglichkeiten vor?

Vielleicht war das ja so. Müsste uns Posener dies aber nicht psychologisch erklären? Müsste er nicht Vergleichsfälle anführen? (Zum Beispiel Rossini. Das ist der einzige einschlägige Fall, der mir dazu einfällt. Ich werde mir das mal genauer anschauen.)

23

Auf den folgenden Seiten widmet sich Posener kompetent und interessant den Werken und ihrem Verhältnis zur Zeit.

Ein Aspekt, der ihm zu denken geben müsste: Die englische Gesellschaft beginnt, allmählich die Kranken, Armen, Sittenlosen, Huren, Unbehausten, Narren, Unangepassten auszugrenzen, zu Fremden zu erklären, und ihnen kapitalistisch-zweckrational die fleißigen, gesunden, tugendhaften, gesetzestreuen Bürger entgegenzusetzen.

Shakespeare macht diese Bewegung nicht mit. Im Gegenteil. (S. 55ff) In seinem Theater bleibt Platz und Ehre für die Narren. (Nicht so viel Platz dagegen für die biederen – oft lächerlichen – Bürger.)

Wie passt dies nun zum guten Geschäftsmann und Bürger Shakspere aus Stratford-upon-Avon?

Der Autor Shakespeare steht gegen die Raffgier der neuen, der sich entwickelnden kapitalistischen Welt. – Der Geschäftsmann aus Stratford steht für sie. Seine Priorität ist eindeutig: Geldverdienen, reich werden, aufsteigen – das Bürgertum als neue Elite, mit Gentleman’s Rang.

24

Mit dem Pöbel kennt Shakespeare allerdings keine Gnade. Er wird – wie Shylock oder Jago oder Macbeth oder Richard III – durchaus so dargestellt, dass man merkt: Es sind auch Menschen. Aber Sympathie folgt keine daraus. Shakespeare senkt den Daumen: Zum Teufel mit ihnen!

(Die Beispiele dafür muss ich mir noch im einzelnen genau ansehen. Auch die Rolle von Jack Cade in 2HenryVI.)

In der Ablehnung des Pöbels könnte der satte Bürger Shakspere durchaus mit dem hocharistokratischen Autor der Werke einer Meinung sein.

25

Über die Sonette hat Posener manches zu sagen – ich rechne es ihm hoch an, dass er nicht den Unfug der Anglisten mitmacht, sie zu entbiographisieren. Er geht, wie ich, davon aus, dass die Sonette Biographisches spiegeln; dass wir hier tatsächlich einen Blick ins Seelenleben und Intimleben des Autors tun können.

Damit handelt sich der Biograph aber die Probleme ein, die die akademischen Kastrierer der Sonette umgehen wollen: Die lyrisch-biographischen Einblicke passen hinten und vorne nicht zur Biographie des Stratforders.

Natürlich vermeidet Posener es auch, auf die Probleme mit der Veröffentlichung einzugehen – die Wirkung des mit dem Druck öffentlich verkündeten Ehebruchs, eine Widmung nicht vom (noch lebenden) Autor (wenn der Autor der Stratforder ist), vor allem der Hinweis des Herausgebers Thorpe, dass er Autor bereits verstorben ist.

26

Ein Juwel, nebenbei (nur indirekt zum Thema gehörend):

Wenn es stimmt, dass große Dichtung einen Versuch darstellt, den mythischen Kern einer Kultur zu berühren, einen „vom Drachen der Ideologie bewachten Wort-Schatz“ …

S. 84

Über diesen Gedanken lässt sich ein Leben lang nachdenken. Was wäre der verborgene „Wort-Schatz“ UNSERER Kultur? Und jener der elisabethanischen Kultur? Und gibt es substantielle Verbindungen zwischen beiden, die uns das Werk Shakespeares über die Zeitbrüche hinweg so lebendig erhalten?

27

Wenn ich (hoffentlich bald) über das Thema Shakespeare und die Frauen schreiben werde – hier im Hinblick auf Shaksperes Verhältnis zu seiner Ehefrau und auf das zu seinen – weiterhin illiteraten – Töchtern, werde ich auf Poseners Kapitel über die Frauen im Werk des Autors Shakespeares zurückkommen. Es ist ein ausgesprochen gutes Kapitel.

Der Mann, der die Frau zurückweist, wird zum rasenden Ungeheuer. In den Sonetten, in Othello, in The Winter’s Tale, in Much Ado About Nothing, in Cymbeline, in Measure for Measure, … Der Mann ohne Frau – lächerlich, ein Nichts. Die Frauen haben Bildung, oft mehr als die Männer. Oft sind sie stärker, härter, klüger als die Männer. Sie können – in ihrer Stärke – auch mörderisch und dämonisch werden.

Shakespeares Lösung: Mann und Frau sollen sich auf Augenhöhe begegnen können. Gesund ist es, wenn sie einander Partner sind. Liebe ist das Ideal. (Anders als in der bürgerlichen und der aristokratischen Zweckehe.)

Shakspeare aber verweigert seinen Töchtern humanistische Bildung und demütigt seine Frau, indem er sie zum Schuldenmachen zwingt und ihr nichts als sein „second-best bed“ vermacht.

Darauf geht Posener nicht ein.

28

Wie erklärt Posener Shakespeares Abschied von Dichtung?

Er musste nicht mehr schreiben, aber ganz konnte er es nicht lassen: Mit dem jungen Dramatiker John Fletcher kollaborierte er wahrscheinlich 1612 und 1613 bei …

S. 113

Er war nun reich genug und musste nicht mehr schreiben? – Wir wissen, und auch Posener weiß das, dass das Schreiben von Theaterstücken finanziell wenig gebracht hat.

Unterstellt Posener hier nicht, dass Shakespeare (der Autor) hauptsächlich materiell und nur nebenbei von den Musen motiviert worden ist?

Er konnte es auch nicht ganz lassen – so nebenbei hat er dann doch noch was geschrieben – in Kooperation mit einem höchst mittelmäßigen Autor? Eine Kooperation auf Augenhöhe konnte das nicht gewesen sein. Aber unserem Shakespeare war sein Werk und seine Qualität und seine Überlieferung ja schon immer egal, also hat es ihn vielleicht nicht gestört, wenn ein Teil (der, den er selber geschrieben hat) Shakespeare-Qualität hatte, der anderen Teil dagegen peinlich abfiel.

Wie erklärt man sich so ein Verhalten? – Am besten versucht man es gar nicht erst.

29

Das Testament. Posener hält das „zweitbeste Bett“ für das Ehebett, das beste wäre für die Ehrengäste bestimmt gewesen. Wo hat er das her? Außerdem sei für die alte Dame gesorgt – sie würde ja im Haus der Tochter weiter wohnen können … (Womit nun die Tochter über die Mutter herrscht …) Könnte Posener nicht auf die Forschung zu Testamenten im damaligen England zurückgreifen? Warum nennt William Shakspere seine Frau im Testament nicht beim Namen? Fügt nicht ein freundliches, anerkennendes Wort hinzu, wie es üblich ist? Kommt erst am Ende der drei Seiten auf die Ehefrau zu sprechen – und quetscht die Bemerkung zwischen die Zeilen?

30

Kein Wort darüber, dass Shaksperes Tod keine Nachrufe, keine Elegien, keine Reaktion in Autorenkreisen hervorruft.

31

Die Autorschaftsfrage beschäftigt Posener in der üblichen Stratfordian-Weise. Er kann sich nur lustig machen über Leute wie mich. Lächerlich, den Earl of Oxford als Kandidaten zu betrachten! Argumente? Fehlanzeige. Es bleibt Posener unverständlich, warum ein Höfling wie der Earl of Oxford seine Werke nicht unters einfach Volk bringen durfte – jedenfalls nicht unter seinem Namen. Wäre das aber nicht ein interessanter Forschungsgegenstand? Man stelle sich einen Höfling vor, der solche Theaterstücke schreibt. Was soll er nun machen? Er kann sie – unter Pseudonym – am Hof aufführen lassen. Dafür wird ihm der theatersüchtige Hof dankbar sein. Er kann seine Stücke aber nicht unter seinem Klarnamen dem Globe überlassen, oder gar dem Drucker. Das ginge gegen die Adelsehre. – Möchte uns Posener weismachen, dass das dieser Hinweis auf die Standesschranke falsch ist?

Es war kein Komplott. Es war ein kulturell bedingter Konsens. So, wie man Franklin Delano Roosevelt seinerzeit nicht als Rollstuhlmann abgebildet hat; so, wie man das Wissen um John F. Kennedys exzessives Liebesleben der Öffentlichkeit verborgen hat, so hat man der Öffentlichkeit Englands die Autorschaft des Earl vorenthalten.

Posener bemüht sich nicht, auf die eigentliche Argumentation der Oxfordianer einzugehen. Er bastelt sich einen Strohmann – und spricht von Komplott.

32

Zu Shakespeares Lebzeiten wurden keine Zweifel an der Autorschaft geäußert? – Erstens ist das falsch – mehrfach wurde angenommen, hinter Shakespeare stecke Francis Bacon. Zweitens kam damals wohl niemand, der mit dem Theater professionell zu tun hatte, darauf, dass Shakspere aus Stratford wirklich der Autor sein könnte. Eher der Beschaffer und Besitzer einiger der Stücke – und der Verkäufer an die Verleger und Drucker.

33

Weil wir so wenig über Shakespeare wissen, wird er zur idealen Projektionsfläche für unsere Phantasien.

122

Erstens: Falsch. Wir wissen ziemlich viel, erstaunlich viel über den Geschäftsmann aus Stratford. Immerhin circa 70 dokumentarische Fußabdrücke lassen sich erkennen und studieren. Keiner davon zeigt uns einen Autor.

Zweitens: Auch für die heutigen Stratfordianer, auch für jemanden wie Posener ist Shakespeare eine Projektionsfläche für ihre Phantasie. Ein Adeliger kommt für sie als Autor prinzipiell nicht in Frage!

Drittens: Nüchtern bleibt hingegen Diana Price. Schade, dass Posener ihr Buch nicht zur Kenntnis nehmen konnte. (Die erste Auflage ist im selben Jahr erschienen, die ergänzte Ausgabe 2012. Es würde mich interessieren, wie Posener sie nach einer aufmerksamen Lektüre Punkt für Punkt kommentieren würde.)


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