Pro Stratford: Streitgespräch 1

S: Also, die Sache ist einfach und klar. Es ist praktisch der gleiche Name, und das First Folio weist das Werk Stratford zu. Shakespeare ist Shakespeare. Daran gibt es nichts zu zweifeln.

O: Das First Folio ist auffallend zweideutig, und die Biographie des Stratforders passt hinten und vorne nicht zum Werk. Also gibt es Grund zum Zweifeln.

S: Bloß weil es ein paar komische Stellen im First Folio gibt, möchtest du zweifeln? Und dass bei Shakespeare Leben und Werk nicht zusammenpassen, zeigt doch bloß, dass du ein Snob bist.

O: Na, dann zeig mir doch mal, WIE das, was wir über den Stratforder wissen, zu einem Menschen passt, der die Sonette und die 37 Theaterstücke geschrieben hat.

S: Ich hab da kein Problem. Wieso soll der Autor nicht auch ein Geschäftsleben gehabt haben? Sowas kann doch wohl vorkommen, oder?

O: Hauptsächlich scheint er doch drauf aus gewesen zu sein, möglichst viel Geld zu verdienen, die Standeserhöhung zum Gentleman samt Wappen zu erreichen und sich schließlich literaturfrei nach Stratford zurückzuziehen, als reicher und angesehener Bürger. DAS ist mit dem Autor nicht kompatibel.

S: Wer sagt denn, dass er der Literatur abgesagt hat, oder dass er den Schwerpunkt nicht doch auf das Schreiben gelegt hat?

O: Man kann zum Beispiel nicht zugleich gegen das Zinsnehmen wüten und selber Geldverleiher sein und Zinsen kassieren.

S: Wieso nicht? Die Bühne ist nicht das Leben. Venedig und Belmont sind eine Märchenwelt.

O: Komischer Autor, der seine Leidenschaft in Antonios Leiden legt – und es hat für den Autor gar nichts zu bedeuten.

S: Es bedeutet ihm schon was, aber eben nicht, dass er nicht selber Geld gegen Zinsen verleihen könnte. In der wirklichen Welt geht das eben nicht anders. In der Traumwelt von Venedig und Belmont schon.

O: Für einen Heuchler geht das, ja. Meinst du nicht, dass die Biographen den Widerspruch wenigstens mal diskutieren sollten?

S: Wieso? Du möchtest das doch nur deshalb haben, damit du uns weiter belästigen kannst mit deinem Zweifel an der Autorschaft.

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4 thoughts on “Pro Stratford: Streitgespräch 1”

  1. Man muss natürlich immer wieder bei Null anfangen. Jeder, der sich zum Experten machen will, ist erst einmal ein Anfänger. Wo soll der denn bitte anfangen – wenn nicht bei null? Und jeder, der sich mal als Laie für diese seltsame Situation interessiert, in die wir durch die Autorschaftsfrage kommen, muss und wird bei Null anfangen.

    Wenn Sie einem Einwanderer die deutsche Sprache beibringen wollen, fangen Sie auch bei Null an. Obwohl ja doch die deutsche Sprache schon ziemlich fertig vorliegt.

    Bei unsrem Thema haben wir nicht den Konsens, den wir bei der Muttersprache haben. Es ist umstritten. Das macht den Wissensaufbau komplizierter – und reizvoller.

    Es ist alles durchgekaut? – Wunderbar, sehr vieles ist sehr gründlich durchgekaut, ich profitiere davon. Vieles ist aber noch nicht gründlich durchgekaut, wie ich merke, und vor allem: Das Material ist komplex und unübersichtlich. Man muss sehr viele Einzelheiten und Zusammenhänge im Kopf behalten, um sie immer wieder systematisch und zuverlässig nach dem letzten Stand aufeinander beziehen zu können. Um alles im Fluss zu halten, damit sich alles immer wieder verändern kann.

    Ich mache das Internetbuch auch für mich selbst. Ich sitze da und ordne mir die Fakten und Interpretationen und Meinungen der anderen, indem ich Element für Element notiere, einsortiere. Da es geschrieben dasteht, kann ich es immer wieder von außen betrachten, als etwas Fremdes, skeptisch zu Beäugendes.

    Wen das nicht interessiert – ja nun, es ist ja niemand gezwungen, meinen Bemühungen zu folgen. Ich nehme aber an, dass dieser hier wachsende Versuch, das komplexe Material zu sichten und zu ordnen, die Zusammenhänge zu systematisieren, Hierarchien gemäß der Wichtigkeit der Argumente zu etablieren, etc. – ich nehme an, dass dies alles auch für andere interessant und nützlich sein kann.

    Wenn nicht, dann eben nicht. Ich hab jedenfalls meinen Gewinn davon.

    Ihr „stärkstes Argument“ habe ich, so, wie Sie es formuliert haben, nicht verstanden. Ich werde aber noch den zwei Links nachgehen, vielleicht verstehe ich es dann.

  2. Ich denke , dass man nach 100 jähriger Shakespeare Autorschaftskontroverse nicht mehr wieder bei Null anfangen sollte. Das alles ist doch wirklich zum hundertsten male in extenso durchgekaut,… eine Lösung oder Fortschritt oder Paradigmenwechsel ist hier – ohne neue Impulse – nicht mehr zu erwarten.
    Das stärkste Argument contra SH und für CM ist die zeitnahe Literatur mit einem schier unvorstellbaren kontextuellen (nicht mehr bekannten, ungelesenen ?) Schatz literarischer Buchgenres, hinter dem sich der historische Autorschafts-Plot auf vielfältigste Weise verbirgt.. .https://youto.be/KNvy0sCxpBw

    .
    Das stärkste Argument contra William aus Stratford sind die 500 zeitgenössischen Kontexte und Buchgenres
    https://youto.be/KNvy0sCxpBw

  3. Ein feiner Link! Danke dafür!

    Über Marlowe kann ich im Moment noch nicht viel sagen. Aber ich versichere Ihnen, ich werde mich in die Marlowe-Theorie vertiefen, sobald ich meine Oxford-Seiten einigermaßen fertiggestellt habe.

    Was ist für Sie das stärkste Argument contra William Shakspere/Stratford?

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