Pro Stratford: Streitgespräch 2

S: Bleiben wir mal dabei: Du glaubst nicht, dass ein Dichter auch geschäftstüchtig sein kann.

O: Doch, ich glaub schon, dass er das sein kann. Aber ich glaube nicht, dass der Autor des Werks das war. Der hat keinerlei merkantile Gesinnung gehabt, sondern eher eine aristokratische. Bürgerliches Geschäftsleben kommt kaum vor, aristokratischer Reichtum aber ständig.

S: Vielleicht hat unser Shakespeare ja von dieser aristokratischen Fülle geträumt. In Filmen erleben wir heute auch noch gern das Leben der Reichen und der Adeligen.

O: Für sich aber war der Mann dann strikt profitorientiert und dabei geizig, tüchtig, erfolgreich. Er hat es immerhin zum Millionär gebracht, sozusagen. Fünf Häuser in Stratford, eines davon mit 20 Zimmern, dazu beträchtliche Pachtgüter … Das kostet Zeit, Energie, Verbissenheit, denn er hat weit unten angefangen, als er nach London gekommen ist.

S: Vielleicht hat ihm ja ein hochadeliger Patron den Großteil davon gegeben? Einer, der begeistert war von dieser aristokratischen Schreibe und ihrem Erfolg nicht nur im bürgerlichen Theater, sondern auch am Hof und in den Häusern der Aristokraten. War vielleicht zum Teil Auftragsarbeit für die reichen Adeligen und die Queen.

O: Wär eine interessante Hypothese. Warum bringen die Shakespeare-Biographen sie nicht?

S: Keine Ahnung. Aber irgendwie wird sich der Reichtum, zu dem unser Stratforder Shakespeare gekommen ist, schon erklären lassen. Da mach ich mir keine Sorgen, das macht mir auch keinen Zweifel.

O: Ich will dich ja nicht beunruhigen. Aber meinst du nicht, dass man angesichts der Diskrepanz von Biographie und Werk auch einen Grund sehen könnte, einmal die andere Möglichkeit zu erwägen: Shakespeare war ein Pseudonym?

S: Ich hab für Verschwörungstheorien nichts übrig. Was soll denn das, wieso sollte sich der Autor verstecken müssen?

O: Ich sehe schon, mit dem Problem von Hocharistokraten, dass sie ihre Hobby-Werke nicht dem Pöbel in Form von Druckveröffentlichung oder offener Namensnennung zum Fraß vorwerfen dürfen, hast du dich noch nicht beschäftigt.

S: Das brauche ich auch nicht. Es ist doch offensichtlicher Unsinn.

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