Pro Stratford: Streitgespräch 3

S: Pseudonym – und das, obwohl der Name der gleiche ist. Was soll das? Da nehm ich doch lieber an, es handelt sich um die gleiche Person. Außerdem war unser Shakespeare Schauspieler und Theaterunternehmer – also mitten drin. Warum soll er dann nicht auch Autor gewesen sein?

O: Wie gesagt, das, was wir über ihn erfahren, passt nicht zum Werk.

S: Mein Gott, dann passt es halt nicht ganz. Was soll’s! Der Ausgangspunkt ist und bleibt klar: Der Name ist derselbe, und im First Folio wird dem Stratforder Shakespeare das Werk zugeschrieben.

O: Aber 1609 war der Autor Shakespeare bereits tot!

S: Wie kommst du jetzt darauf?

O: Der Herausgeber der Sonette macht den Käufern das deutlich. Er schreibt die Widmung selber, spricht vom „ever-living“ poet, was damals einen Verstorbenen bezeichnet hat, und der Inhalt der Sonette ist moralisch problematisch für einen, der seriös leben will, verheiratet ist und keine homosexuellen Neigungen öffentlich vorführen will. Daraus folgt: Der Autor war tot, der Name ist ein Pseudonym.

S: Die Sonette braucht man biographisch nicht ernst zu nehmen, und für die anderen zwei Punkte findet man sicher auch irgend eine Erklärung.

O: Also müssen wir die Sonette kastrieren. Entwerten. Nur damit kein Zweifel an der Autorschaft aufkommt. Und Erklärungen, wenn man unbedingt welche braucht, findet man in der Tat zu allem. Fragt sich bloß, ob sie plausibel sind.

S: Wir müssen einfach davon ausgehen, dass Shakespeare Shakespeare war. Dann lösen sich alle Probleme fast wie von selbst.

O: Als Wissenschaftler würde ich das nicht so machen können, ebensowenig wie als Kriminalkommissar: Einfach eine Ausgangsthese absolut setzen und dann alles so interpretieren, dass es zu dieser Ausgangsthese passt.

S: Irrational seid doch ihr! Wir fangen doch jetzt auch nicht an, wegen einiger Flat-Earther neu zu überlegen, ob die Erde platt ist. Oder wegen der Intelligent-Designer, ob Darwin stimmt. Oder wegen der Holocaust-Leugner, ob Auschwitz passiert ist.

O: Wie kommst du darauf, das zu vergleichen? Ich habe doch sachliche Einwände vorgebracht – empirische und logisch nachvollziehbare.

S: Das bilden sich die Flat-Earther, Intelligent-Designer und Holocaust-Leugner auch ein.

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