Pro Stratford: Streitgespräch 4

O: Drehen wir den Spieß mal um. Wie kommt ihr dazu, jeglichen Zweifel an eurer Shakespeare=Shakespeare-Theorie auszuschließen? Wär ich ein Stratfordianer, ich würde das ablehnen. Als Wissenschaftler kommt es für mich nicht in Frage, jeglichen Zweifel auszuschließen.

S: Du würdest also auch im Fall eines Holocaust-Leugners sagen: Ja, Zweifel am Holocaust bestehen, weil es ja doch Leute gebe, die ganze Bücher drüber schreiben, dass es den Holocaust gar nicht gegeben habe, und dass es sich um eine jüdische Lüge handele.

O: Auf was könnten sich denn die Holocaust-Leugner stützen? Alles, wirklich alles empirische Material spricht gegen sie. Es ist eine rein ideologisch getriebene Verneinung. Das ist im Fall der Stratford-Zweifler anders. Sie stützen sich auf jede Menge empirisches Material.

S: Jeder ihrer sogenannten empirischen Einwände ist längst und zuverlässig widerlegt.

O: Eben nicht. Nehmen wir als Beispiel das Testament. Es ist schlechterdings unmöglich zu beweisen, dass da erstens ein sprachlicher Absturz stattgefunden hat, der zweitens auf gesundheitliche Probleme zurückzuführen ist. Sowas ist eine Theorie, und nicht einmal eine plausible – es fehlt der fachmännisch-medizinische Beweis, dass einer vom Shakespeare-Niveau auf dieses Shakspere-Niveau absacken kann, während er doch gleichzeitig noch durchaus bei Trost ist und in der Präambel behaupten kann, er habe das Testament bei vollen geistigen Kräften diktiert. Da MÜSSEN Zweifel bleiben.

S: Ja, ok, für einen Wissenschaftler. Aber wer liest denn Shakespeare als Wissenschaftler? Eine kleine Minderheit. Die Leute wollen Klarheit, Sicherheit, Verehrung, sie wollen keinen Autor, bei dem man daran zweifeln könnte, ob er es denn wirklich war. Die Ruhe der Sicherheit geben wir ihnen. Auch wenn natürlich (für uns Wissenschaftler) es letztlich Zweifel geben kann. Die aber nicht überwiegen. Die soweit ausgeräumt sind, dass wir guten Gewissens der Öffentlichkeit gegenüber sagen können: Meine Damen und Herren, Sie brauchen nicht zu zweifeln, Sie liegen ganz richtig mit der Überzeugung, dass Shakespeare Shakespeare war. Wir, die Fachleute, bestätigen Ihnen das.

O: Ach, wirklich? Du hegst auch noch einen Rest von Zweifel in dir? – Wenn das so ist, gehst du dem Zweifel dann nicht neugierig nach? Wieso errichtet ihr Stratfordianer dann ein Tabu gegen alle Zweifel, und Einschüchterungsformeln gegen diejenigen, die sich auf den Zweifel einlassen? Und bedeutet euer Ausschließen jeden Zweifels, obwohl es doch klar ist, dass zum Beispiel in Sachen Testament es nahe läge, die Zweifel überwiegen zu lassen – keinen Betrug? „Frommen“ Betrug, ok, aber eben Betrug? Die Sprache des Testaments und die Sprache des Werks gehen nun mal nie und nimmer zusammen – aber ihr gaukelt ihr dem gläubigen, leichtgläubigen, gerngläubigen Publikum absolute Sicherheit vor und sagt: Doch, doch!

S: Wir haben die Zweifel ausgeräumt! Es ist sehr wohl denkbar, dass Shakespeare sich im Falle von funktionalen Sachtexten des Alltags einer ganz anderen Diktion bedient als in seinem Werk; es ist sehr wohl denkbar, dass er durch Krankheit auch in seiner Sprachfähigkeit gelitten hat und auch beim Konzipieren des Testaments nicht mehr auf der früheren Höhe war. Warum hat er sich so vollständig nach Stratford zurückgezogen? Weil er Teil der Normalität werden wollte, vielleicht, oder weil er geistig mächtig abgebaut hat in seinen letzten Lebensjahren, so dass ihm das biedere Stratforder Milieu jetzt besser gepasst hat als das intellektuelle und künstlerische Milieu in London.

O: Alles das einmal zugestanden (die Biographen drücken es übrigens nicht so deutlich aus wie du) – es ist eine ziemlich spekulative Theorie, nicht wahr? Wie kann man spekulative Theorien als eindeutige Widerlegungen bezeichnen? Wie kann man sagen: Nun gibt es aber keinen Zweifel mehr! Nun ist aber alles zweifelsfrei geklärt! – Nur weil man ein paar Denkbarkeiten gefunden hat?! (Nebenbei bemerkt: Beginnt der Rückzug nach Stratford nicht schon 1597 mit dem Kauf von New Place? War nicht die Priorität immer das ländlich beschränkte Stratford?)

S: Dann sieh das doch mal im größeren Zusammenhang. Mit dem First Folio steht nun mal von vorne herein fest, dass der Stratforder William Shakespeare der Autor William Shakespeare ist. Das Testament ist da nur eine Irritation am Rande, zugegebenermaßen eine bleibende, aber es genügt, dass man sich irgendwie schon erklären kann, wie es trotz allem zu dem für einen Shakespeare seltsamen Schriftstück gekommen ist.

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