Pro Stratford: Streitgespräch 5

S: Es ist gut, dass sich die Anglistik nicht von euch ablenken lässt. Wir beschäftigen uns mit dem, worauf es ankommt, mit dem Werk. Sollen die Anhänger von Verschwörungstheorien doch ihren Narrheiten folgen, wie sie wollen!

O: Da ihr dem falschen Mann als Autor huldigt, geraten auch eure Interpretationen auf die schiefe Bahn. Aber lassen wir das mal. Was heißt hier Ablenkung? Es ist eine empirisch umstrittene und zu diskutierende Frage, ob der Mann aus Stratford der Autor war. IHR tabuisiert die Frage – damit scheidet ihr in dieser Frage aus der Wissenschaft aus. In dieser Frage seid ihr einfach mal Gläubige, blind für die Möglichkeit, dass es sich anders verhalten könnte als ihr glaubt.

S: Also, da wird’s bunt. Ausgerechnet IHR wollt UNS Mangel an Wissenschaft vorwerfen!

O: Da ihr die Autorschaft zum Tabu erklärt – ja. Und das Tabu hindert euch, den Fragen, die wir euch stellen, nachzugehen. Es hindert euch am Forschen. Es behindert die Interpretation – denn immer, wenn ihr an die Autorschaftsproblematik stoßt, müsst ihr sofort wegschauen, müsst ihr euch sofort wegdrehen – denn da liegt eine heilige Grenze, wehe dem, der sie überschreitet!

S: Wer sind denn die Gläubigen in dieser Debatte! Diejenigen, die sich vor den Argumenten der Fachleute wegdrehen? Wenn wir euch zeigen, dass der Earl of Oxford es definitiv nicht sein kann, seid ihr nicht im geringsten bereit, auf die sachliche wissenschaftliche Ebene zu gehen – ihr Oxfordianer seid eine aufdringliche, wissenschaftsblinde Sekte.

O: Nun, anders als du, mein Lieber, bin ich bereit, an Oxford zu zweifeln. Jeder sachliche Hinweis ist wertvoll – auch jeder, der GEGEN Oxford spricht. ICH erkläre nicht, dass es an Oxfords Autorschaft keinerlei Zweifel gibt. So ein Selbstverdummungsmanöver charakterisiert eher euch.

S: Ach ja, fast alle Anglisten sind auf dem Selbstverdummungstrip! Von München über London und New York bis Sidney und Kapstadt – alle in einer Verschwörung gegen die Wahrheit verbunden.

O: Nein. Alle verbunden durch den blinden Fleck. Durch das Tabu. Und wer (als Anglist oder Anglistikstudent) ausbricht, isoliert sich, gefährdet seine berufliche Zukunft, seinen Ruf.

S: Das ist die gerechte und notwendige Reaktion auf Inkompetenz.

O: Kompetenz wäre es zu erkennen, DASS es VERNÜNFTIGE Zweifel gibt. Euer Mangel an Bereitschaft, wenigstens den Zweifel ernst zu nehmen, macht euch unfähig, der Autorschaftsfrage nachzugehen. So seid ihr an der Forschung gehindert – und wir sind es, die diese Forschung betreiben, von außerhalb der Anglistik. Konfrontiert mit unseren Ergebnissen schaut ihr dann alt aus. Das ist die Strafe fürs Tabuisieren.

S: Ach ja, wenn uns einer damit kommt, Southampton sei der Sohn von Elizabeth, gezeugt mit Oxford, dann sollen wir das ernst nehmen?

O: Wie wär’s – ihr könntet euch auf die Hauptargumente der Zweifler stürzen, zum Beispiel die Sache mit den Sonetten. Wie kommt es, dass der Verleger und Widmungsschreiber Thorpe behaupten kann, der Autor Shake-speare sei bereits verstorben?

S: Mein Gott, es ist doch klar, dass der Autor der Sonette 1609 noch nicht verstorben war. Was kümmert uns das Geschwätz von Thorpe?!

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