Pro Stratford: Streitgespräch 6

S: Um beim 5. Gespräch anzuknüpfen: Bloß, weil dieser Thorpe in seiner Widmung, die er sich wirklich hätte sparen können, uns mal ein wenig verwirrt, sollen wir in die Knie gehen und zugeben, Shakespeare könne nicht Thorpes Shake-speare sein?

O: Die Kette bricht an ihrem schwächsten Glied. Das gilt auch für die Oxford-Kandidatur. EIN zwingendes Detail gegen ihn, wie klein es sein mag, genügt, und die Kandidatur ist beendet.

S: Solche Details gibt es zuhauf, und ihr gebt euren Helden nicht auf.

O: Solche Details sehe ich im Moment nicht. Aber es kann schon sein, dass ich im Laufe meiner Forschung auf eins stoße. Ich habe das Studium von „Oxfraud“ noch vor mir …

S: Dann bleibt mir ja noch die Hoffnung, dass du vernünftig werden könntest.

O: Vernünftig ist keine Eigenschaft eines Ergebnisses, sondern eines Verfahrens, das zum optimalen Ergebnis führt.

S: Dazu gehört auch, dass man Irritationen wie die mit dem „ever-living poet“ der Sonette nicht überschätzt.

O: Aber in diesem Fall haben wir eine smoking gun: Der Autor Shake-speare war 1609 tot. Ihr habt kein Argument, um das zu entkräften. Darum eure „ever-living“ silence. Euer wirklich peinliches Schweigen.

S: Als ob es nicht Möglichkeiten gäbe, sich diese Stelle anders zu erklären. Was, wenn sich Thorpe ein Ablenkungsmanöver oder einen Trick oder ein Versehen geleistet hätte? Was, wenn der, dem die Sonette gewidmet worden sind, auf einem Ablenkungsmanöver bestanden hätte? Es ist so viel möglich, noch viel mehr, als ich hier aufzählen kann. Auch die Interpretationen, die du auf der ever-living-Seite für bescheuert erklärst, sind eben Möglichkeiten, mit denen man rechnen muss.

O: Wer äußert sich jetzt irrational? IHR nehmt euch jedes Recht, Offensichtliches zu leugnen im Namen von offensichtlich unplausiblen Möglichkeiten; IHR nehmt euch jedes Recht, von Täuschungen und Irrtümern und Tricks zu reden, um euch über die Hürde zu helfen – und UNS werft IHR vor, dass WIR irrational vorgehen?

S: Jetzt weichst du aus! Alle die Möglichkeiten, die ich gerade genannt habe, bestehen. Irgend etwas davon wird zutreffen. Denn Shakespeare WAR Shakespeare, das steht nun einmal fest.

O: Das Ergebnis der Prüfung steht also immer schon fest. Ist unumstößlich. Wenn bei der Prüfung herauskommt, dass das Ergebnis falsch ist, dann liegt der Fehler bei der Prüfung, dann hat man eben falsch geprüft.

S: Mein Gott, sieh es doch endlich ein: Es gibt die Autorschaftsfrage nicht als rationale Frage. Das Ergebnis liegt in der Tat fest. Weil es hundertprozentig gesichert ist.

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