Pro Stratford: Streitgespräch 7

S: Ich muss wieder darauf zurückkommen: Wir stützen uns auf den KONSENS der Anglisten, der Fachleute. So gut wie jeder, der sich wissenschaftlich mit Shakespeare beschäftigt, geht davon aus, dass es keine vernünftigen Zweifel an der Autorschaft gibt.

O: Es gibt allerdings vernünftige Leute, die Shakespeare bestens kennen und an der Autorschaft des Mannes aus Stratford sachlich und präzise zweifeln.

S: Es sind eben keine Wissenschaftler.

O: Deine Wissenschaftler sind in Sachen Autorschaft keine Wissenschaftler. Sie fragen nämlich nicht, sondern erklären die Frage selbst zum Tabu. Sie beschäftigen sich grundsätzlich nicht mit der Autorschaftsfrage (außer in der Form von verärgerten oder verächtlichen Nebenbemerkungen).

S: Mannomann, hast du Schoenbaums extrem detailliertes, radikal sachliches Werk nicht gelesen? Diesem Mann bestreitest du die Wissenschaftlichkeit?

O: Schoenbaum hat die Verfasserschaft des Mannes aus Stratford immer VORAUSGESETZT, er hat sie nie untersucht. Er konnte sie nicht untersuchen, weil er die Frage nicht gestellt hat. Er ist grundsätzlich nicht der Meinung, dass die Verfasserschaftsfrage wissenschaftlich untersucht werden müsse – weil sie schlicht erledigt sei. Weil es sie (unter vernünftigen Menschen) gar nicht gebe. Das ist eine für einen Wissenschaftler schändliche Ignoranz.

S: Also unterstellst du ihm Unwissenschaftlichkeit?

O: Ja. In der Frage der Autorschaft: Ja. Wenn die Prämisse unwissenschaftlich ist, nämlich dogmatisch absolut gesetzt und aus der Betrachtung herausgenommen wird, ist das im übrigen durchaus wissenschaftliche Werk auf Sand gebaut.

S: Das ist ein starkes Stück! Jeder, der Schoenbaums ruhige, sachliche, genaue, jedes Detail skeptisch prüfende Analyse aller Dokumente für unwissenschaftlich erklärt, spinnt! Hat keine Ahnung von Wissenschaft!

O: Du bist es, der keine Ahnung von Wissenschaft hat. Es geht in der Wissenschaft nicht, dass ich eine empirische Aussage von vorne herein als absolut und unhinterfragbar setze – und dies auch noch angesichts so naheliegender Zweifel, wie wir sie vorbringen. Schoenbaum hat sein Werk auf die Basis eines Tabus gesetzt. Er hat nie gefragt, OB der Mann aus Stratford der Autor war.

S: Das brauchte er doch nicht zu fragen! Es ist doch von vorne herein klar. Und die Detailanalyse, die er vornimmt, bestätigt das.

O: Klar, wenn ich einmal davon ausgehe, dass du mich umbringen willst, und wenn es da für mich keinerlei Zweifel gibt und wenn ich auch noch jeden, der daran zweifelt, zum Deppen oder zum Mitverschwörer gegen mich erkläre, dann wird es kein Chance mehr geben, mich mit sachlichen Argumenten zu überzeugen, dass es vielleicht doch nicht stimmen könnte.

S: Jetzt erklärst du UNS für verrückt!

O: Nein, ich zeige, worin euer Fehler besteht. Es ist einfach unwissenschaftlich, dogmatisch empirische Annahmen zu setzen und für tabu zu erklären.

S: Andersherum: Es ist einfach unwissenschaftlich, das großartige wissenschaftliche Werk von Schoenbaum (und von Chambers schon in den 30er Jahren) einfach für unwissenschaftlich zu erklären.

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