Pseudonym: Die Ehre des Adels steht auf dem Spiel

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Unter den Höflingen der elisabethanischen Zeit gab es viele kultivierte, gebildete, sowohl Männer als auch Frauen. Die Queen selbst gehörte zu ihnen.

Dieser Teil des Adels liebt die Kunst, die Dichtung, das Theater, die Philosophie, die Klassiker, die hohe Musik.

Sie schreiben auch selbst, als Dilettanten, für ihren Kreis. Vor allem Lyrik. Aber auch Theaterstücke, die am Hof und in den Häusern der großen Adeligen aufgeführt wurden. Manchmal mit Höflingen als Schauspieler.

1589 schreibt ein anonymer Autor (eventuell Puttenham, selbst ein Adeliger):

Viele hervorragende Gentlemen bei Hof haben lobernswert geschrieben und es wiederum unterdrückt, oder zugelassen, daß es ohne ihren eigenen Namen veröffentlicht wurde: als sei es unehrenhaft für einen Gentleman, gelehrt zu erscheinen und zuzugeben, daß man eine der Künste liebt.“

(zit. bei Walter Klier, S. 185)

An anderer Stelle lautet ein Puttenham-Zitat (oder dieses?) so:

“Noblemen . . . have written excellently well as it would appear if their doings could be found out and made public with the rest, of which number is first that noble gentleman Edward Earl of Oxford.”

Adelige … haben ausgezeichnet geschrieben, und das würde deutlich werden, wenn ihre Hervorbringungen entdeckt und öffentlich gemacht werden könnten; von ihnen ist der erste der edle Gentleman Edward Earl of Oxford.

Es bilden sich unter ihrem Patronat Theatertruppen. Die dürfen (obwohl üblicherweise als Vagabunden und sittenloses Volk eingeschätzt) auch öffentlich auftreten und dabei fürs Hoftheater üben und sich zusätzlich Einkommen verschaffen. Es erweist sich, dass diese vom Hof und vom Hochadel geschützten Truppen rasch im Volk populär werden, und dass bürgerliche Autoren auch oder sogar vor allem für das öffentliche Theater zu schreiben beginnen.

Möglich gemacht wird das Theater in dieser Zeit und zunächst durch den Adel, durch den Hof. Sie schützen es auch gegen den immer heftiger werdenden Angriff der Puritaner, die etwa in London gleich von Anfang an das Theaterwesen unterbinden und es auf das Gebiet außerhalb der Zuständigkeit des Londoner Stadtrats verbannen. (In Stratford kommt das puritanische Theaterverbot erst 1602.)

Das Theater Englands ist damals zu allererst Hoftheater. Nicht Volkstheater.

Dabei steht das Theatervergnügen dem Vergnügen an der Bärenhatz und dergleichen – von der Queen gechätzten – groben Unterhaltungen näher als der großen Kunst. Der Dichter erwirbt sich seinen Lorbeer durch die Lyrik.

Sidneys Sonette, Spensers Gedichte, Shakespeares Versepen – das werten die Zeitgenossen als die Beispiele der höchsten Kunst. Theater – ist noch umstritten, das Schreiben und Aufführen von Bühnenspektakeln noch dem Handwerk nahe.

Es gewinnt allmählich an Prestige. Es gibt in den Kreisen der Gebildeten immer mehr Kenner und Verehrer des Theaters. Bei ihnen steigt es auf Augenhöhe mit der Lyrik.

Schreibt ein Adeliger Gedichte, so tut er das nicht für die breite Öffentlichkeit, sondern für die adelsinterne Öffentlichkeit. Seine Produkte kursieren, vielfach abgeschrieben, im Manuskript, meist anonym oder mit verschlüsseltem Namen.

Es geht nicht an, diese Adelspoesie per Druck verkäuflich zu machen.

Zumindest gilt das, solange der Autor noch lebt. Er könnte in den Ruch kommen, damit Geld zu verdienen. Das wäre gegen die Ehre des Adels.

Auf diese Weise sein Einkommen zu vermehren, gilt als unehrenhaft und hat den Verlust und hat den Verlust des Titels und des Ranges zur Folge.

(schreibt Norbert Elias, zititert bei Walter Klier, S. 184)

Der adelige Autor legt auch wenig Wert darauf, dass der Pöbel seine Werke in die dreckigen Finger bekommt.

Es ist lächerlich für einen Lord, Verse drucken zu lassen.

schreibt der Jurist und Historiker John Selden (zitiert bei Walter Klier, S. 183; weitere Ausführungen von Klier zur Pseudonym-Frage auf den Seiten 237 – 243).

Sidneys hochgeschätzte Sonette kamen erst 5 Jahre nach seinem Tod zum (Raub-)Druck – gegen den Willen der Familie und in einem überaus fehlerhaften Quarto. Daraufhin entschloss man sich zu einer anständigen Ausgabe.

Es blieb den Zeitgenossen aber ein Geheimnis, wer Astrophel und Stella in diesem Sonett-Zyklus waren. Dass Sidney hier seinen Ehebruch besingt – den mit Penelope Devereux, Lady Rich. (Mit Ehebruch kann der Adel leben, aber er sollte nicht explizit werden, nicht öffentlich dokumentiert werden können.) Ein schönes Beispiel für eine Ehren-Verschwörung: 1581 geschrieben, wird der Zyklus 1591 (5 Jahre nach Sidneys Tod) gedruckt und sehr populär – und der eine oder andere Eingeweihte spielt nebenbei schon mal darauf an, wer denn diese Stella gewesen sein könnte … aber es bleibt bei Andeutungen, niemand deckt die Verschwörung auf, bis zum Jahre 1691. (Vgl. dazu Peter Moore, Stillschweigen um Stella, und Walter Klier, S. 240f).

Die Vermeidung des Drucks und der Öffentlichkeit im Falle von adeligen Dichtern galt noch dringender für das Verfassen von Bühnenspektakeln.

Kein Problem war es, wenn man bei Hofe oder in Adelskreisen nebenbei auch wusste, wer das gerade aufgeführte Stück geschrieben hat. Man durfte sogar Rollen darin übernehmen. Nicht in Frage kam es, mit diesen Stücken als identifizierbarer Autor an die breite Öffentlichkeit zu treten.

Die Autorschaft musste im Falle eines Adeligen anonym bleiben. Oder durch ein Pseudonym geschützt werden. (Das galt nicht für bürgerliche Autoren.)

Das Theater war zunächst kein kommerzieller Betrieb – es wurde im Laufe der 80er und 90er Jahre aber immer mehr dazu. Solange es im wesentlichen Hoftheater war, genügte die bloße Anonymität des Autors, das Inkognito. In dem Maße, in dem Theaterstücke jedoch populär und vor Zuschauermassen gespielt und von einigen inzwischen sogar als Kunstwerke angesehen wurden, war im Falle eines adeligen Autors Ablenkung nötig: ein Pseudonym. Somit konnte er auch nicht – wie etwa der bürgerliche Ben Jonson – unter dem eigenen Namen oder in eigener Person als Verhandler in theater-kommerziellen Angelegenheiten auftreten.

Möglich, dass Oxford ein kleiner Schauspieler und tüchtiger Theatermanager namens Shakspere aus Stratford aufgefallen ist. Es wird ihm dann wohl recht gewesen sein, wenn dieser Mann durch seinen Namen seinem Pseudonym zusätzlich Ablenkungswirkung verschafft hat.

Die Familien Oxford, Pembroke, Montgomery und Southampton, die in die Shakespeare-Werke verwickelt waren, hatten auch über den Tod des Autors hinaus ein Adelsinteresse, Prestige-Interesse daran, dass sie nicht mit dem problematischen Werk zu eng in Verbindung gebracht wurden. Sie waren mächtig genug, dafür zu sorgen, die hochadelige Herkunft der nun allgemein verbreiteten Werke im Verborgenen zu halten.

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