Pseudonym: Die Sonette verlangen es

Sie verlangen es

1. von ihrem Inhalt her.

Kein lebender Autor des hohen Adels (und seine direkten Nachkommen), aber auch kein bürgerlicher Autor, der respektiert in seiner Kleinstadt Teil der lokalen, überwiegend puritanischen Oberschicht sein will, wird die homoerotischen Beschwörungen an den „schönen Jüngling“ und die finstere Dark-Lady-Obsession der dritten Sonett-Sequenz unter dem Klarnamen veröffentlicht sehen wollen. Warum sollten sie einen Skandal riskieren?

2. vom Interesse des „only begetter of these ensuing sonnets“ – vermutlich Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton – her.

Warum wird der Inspirator der Sonette nicht mit Namen benannt? Warum deutet der Herausgeber auf einen Inspirator hin – um ihn dann (beinahe) zuverlässig vor unseren Augen zu verbergen? Der Inspirator WILL NICHT und DARF NICHT öffentlich identifiziert werden. Er ist für den Leser aber doch in den Sonetten energisch präsent. (Und wahrscheinlich für einen gewissen Kreis von adeligen Eingeweihten durchaus bekannt. Womit der Kern der Sache in der höfischen Familie bleibt.)

3. vom Standpunkt des Herausgebers aus.

Er kann keinen Skandal wollen – der würde ihn zu viel kosten. Gefängnis und schlimmeres, wenn der Earl wütend wird. Eine scharfe Klage seitens Shaksperes aus Stratford, der die Urheberschaft der Sonette strikt zurückweisen müsste (um sich selbst zu schützen).

Halten wir darüber hinaus fest: Herausgeber Thomas Thorpe, der die Widmung schreibt (eigentlich macht so etwas nur der Autor!), weist den Leser formgerecht darauf hin, dass der Autor bereits verstorben ist: by our ever-living poet.

Thorpe spricht von „unserem Shake-speare“ und betitelt das Werk „Shake-speares Sonnets“ (nicht, wie üblich, „Sonnets, by William Shakespeare„).


Mehr zu alledem im Sonette-Kapitel.


 

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