Pseudonym: Southamptons Ehre steht auf dem Spiel

Warum enthält das First Folio von 1623 nicht diejenigen Werke, für die Shakespeare seinerzeit besonders verehrt wurde?

Die beiden Versepen, Venus and Adonis sowie The Rape of Lucrece.

Sowie die 1609 veröffentlichten Sonette, die (so scheint es) schon lange nicht mehr zu kaufen waren.

Ein Manko, sowohl für die Ehre des Künstlers als für den Folio-Verkauf.

Es liegt nahe, den Einfluss von Henry Wriothesley, 3rd Earl of Southampton, dafür verantwortlich zu machen. (Ich folge hier der Argumentation von Walter Klier, S. 254f)

Beide Versepen enthalten eine Widmung an ihn. Die Sonette zeigen ihn uns als homoerotisch angehimmelten, eher femininen Schönling.

Damit wollte der inzwischen mächtige, angesehene, kriegerisch aktive Earl nichts mehr zu tun haben. Die heiße Beziehung zum Earl of Oxford war für ihn eine Jugend-Sünde. Gras sollte über sie wachsen.

Pembroke und Montgomery, die mutmaßlichen Betreiber des First-Folio-Projekts, haben darauf Rücksicht nehmen müssen.

Es musste sichergestellt werden, dass der wahre Autor des Werkes nicht offensichtlich wurde. (Durch geschickte Andeutungen für Eingeweihte sollte aber erkennbar bleiben, dass dann doch nicht der obskure Geschäftsmann und ehemalige Schauspieler aus Stratford der Autor des mit einer Folioausgabe gewürdigten Werks war.) So hat man also dem toten William Shakspere of Stratford-upon-Avon die in der puritanischen Kleinstadt wohl eher berüchtigten als berühmten Werke angehängt. Die puritanische Familie Shakspere-Hall wird darüber kaum glücklich gewesen sein.


Nun, dies ist eine Theorie. Beweisen können wir sie nicht. Sie ist allerdings angesichts der Faktenlage plausibel – und ich sehe keine bessere.

Was spräche gegen sie?

Der Earl of Southampton ist im Jahr darauf im Kriegseinsatz an einer Krankheit gestorben.

Die am ehrenvollen Schwindel Beteiligten (Pembroke, Montgomery, Ben Jonson) haben beschlossen, bei der für alle bequemen Täuschung zu bleiben.


(Diese Seite geht parallel zur First-Folio-Seite über Southampton.)

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2 thoughts on “Pseudonym: Southamptons Ehre steht auf dem Spiel”

  1. Das mit dem Schweigegeld halte ich für Spekulation. Denkbar, aber spricht viel dafür? Darüber muss ich mir noch mehr Gedanken machen. Ich neige eher dazu:
    Willy Brandt war Herbert Frahm. Stellen Sie sich vor, ein Mann in Berlin hätte zufällig auch Herbert Frahm geheißen – als Willy Brandt Bundeskanzler war. Und stellen wir uns einmal zusätzlich vor, dass der ursprüngliche Name hätte so geheim gehalten werden müssen wie Willy Brandts „womanizing“. (Viele wussten Bescheid, haben aber dicht gehalten.) Hätte man dem zufälligen Herbert Frahm Schweigegeld bezahlen müssen? Namensgleichheiten kommen oft vor. Williams gab es wie Sand am Meer, und nicht verwandte Shakespeares (in verschiedenen Schreibweisen) gab es wohl hunderte in England.

    Warum sollte es keinen William Shakespeare geben, wenn sich der Earl of Oxford diesen pen name gibt? Kann natürlich sein, dass der Stratforder die Situation für sich ausgenutzt hat – er hat ja auch Stücke für seine Truppe gekauft bzw. geordert und könnte schon mal behauptet haben, dieses oder jenes Stück sei von ihm. Denkbar ist das durchaus. Ob das aber Anlass war, ihn zu bestechen? Oxford könnte sich eher gedacht haben, dass es gut ist, wenn bezüglich der bürgerlichen Öffentlichkeit von seiner Autorentätigkeit abgelenkt wird. Und DAS wieder wäre eine weitere Möglichkeit: Dass er den Stratforder dafür bezahlt hat, sich gelegentlich als Autor auszugeben. Es wäre für Oxford eine Entlastung gewesen.

  2. Man fragt sich, warum sich die Shakspere-Hall Familie nicht geäußert haben, warum sie das Spiel mitspielten. Es wurde ja vermutet, dass Shakspere eine Menge Geld dafür bekam, Schweigegeld. Wurde das von seinen Erben weiterhin respektiert und geschwiegen?

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