Pseudonym: Warum „Shakespeare“ bzw. „Shake-speare“?

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Harveys Rat an Oxford 1578

Hatton (der Günstling der Queen) sei ein von der Queen beglückter Unglücklicher – Oxford hingegen ein verwöhnter Mensch, der sogar noch im Glück unglücklich bleibe, schreibt Gabriel Harvey, ein Gelehrter und Dichter im Dienste des Earl of Leicester. Oxford sei ein gefährlicher und gefährdeter Alleskönner, überaus begabt, aber zu leichtsinnig, leichtfertig verschwendet er sein Talent.

Eure Miene schleudert Lanzen; wer möchte nicht schwören, daß ein Achill wieder lebendig ist?
= „… whose contenance shakes spears“
Handelt, großer Earl, Ihr müßt die Hoffnung auf Eure Tapferkeit nähren; es nützt im Frieden, daß ein Mann die schrecklichen Waffen des Mars ergreift.
zit. Kreiler, S. 207

Es wird nichts daraus; der Krieg ist abgesagt. Aber ersatzweise könnte sich Oxford zum kriegerischen Sänger entwickeln, also vielleicht seinen Speer in schlachtenreichen Theaterstücken schwingen.

Die Speer-Schleuderin der klassischen Welt ist Athene/Minerva.

Schluss mit der Anonymität: Oxford wählt und veröffentlicht sein Pseudonym. 1593.

Der erste Erbe meiner Erfindung“ sei dieses Versepos Venus and Adonis, gewidmet dem Earl of Southampton von William Shakespeare. Dito 1594 bei The Rape of Lucrece. Die öffentliche Hochachtung für den Autor bezieht sich zu seinen Lebzeiten hauptsächlich auf diese beiden Werke. Die Theaterstücke rangieren eine oder mehrere Stufen tiefer, da Theater damals noch nicht das hohe Prestige der Lyrik genossen hat.

Kennt Oxford den Theaterunternehmer und kleinen Schauspieler William Shakspere aus Stratford? Vermutlich. Vielleicht hat der junge Mann sogar schon das eine oder andere Theaterstück von Oxford zu seinem Eigentum gemacht und an Theatertruppen oder Verleger verkauft. Und als eigenes Werk ausgegeben? Von den olympischen Höhen der Hofwelt herabblickend, wird Oxford seine edle Stirm in Falten gelegt haben … Einerseits nicht schlecht, denkt er vielleicht, denn Ablenkung ist gut; andererseits hat er auch seinen Autorenstolz … Wir entnehmen das den Sonetten ganz unmittelbar.

1597: Mehrere Shakespeare-Dramen kommen in schlechten Quartos, in Raubkopien heraus.

1598: Oxford hat sich entschlossen, für „gute Quartos“ mit dem Autorennamem Shakespeare zu sorgen. Im selben Jahr macht Francis Meres die Fachwelt mit dem Namen bekannt.

1599 grübeln Fachleute darüber, welche Person hinter dem Pseudonym Shakespeare steht. Francis Bacon etwa? Die Spekulationen werden von oben her unterbunden.


Walter Klier (S. 208) übersetzt Harvey so:

Deine Augen blitzen Feuer, Du hast das Auftreten des Speereschwingers …

Die von Harvey gebrauchte Wendung „vultus tela vibrat“ wirkt bewusst doppeldeutig gesetzt. Sie kann heißen: Dein Auftreten schwingt Waffen, dein Wille schwingt Waffen, dein Unternehmen erschüttert den Willen der anderen. Vielleicht sind wir hier dem Ursprung des Pseudonyms „William Shakespeare“ auf der Spur.

Soll man tela als Speer/Lanze oder als Wurf übersetzen?

Oxford steht vor der Frage, ob ihm eher die Lanze oder die Feder entspricht. Die Wahl des Pseudonyms würde dafür sprechen, dass er BEIDEM genügen will.

Warum „William“?

So nennt man damals gerne die Dichter. Dazu kommt: Burghleys Vorname war William, er heißt unter Studenten der „große“ William, Student Oxford dann folglich der kleine.

Oder reizt Oxford schon immer das, was er im berühmt-berüchtigten Will-Sonett ins Extrem treibt?

 

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