Pseudonym

Pseudonyme kommen in der Literatur gelegentlich vor. Mark Twain war Samuel Clemens, George Eliot war Mary Ann Evans, Currer Bell war Charlotte Bronte.

Die Unmöglichkeit, die Biographie des Mannes aus Stratford mit dem ähnlichen Namen plausibel mit dem Werk zu verbinden, legt den Schluss nahe:

„Shakespeare“ war ein Pseudonym für einen Autor, der Grund hatte, seine wahre Identität als Autor zu verschweigen.

Wie geht man vor, wenn man vor dem Fall steht: War’s ein Pseudonym oder nicht? War der vorgebliche Autor wirklich der Autor?

Der Anregung von John M. Shahan folgend frage ich:

  1. Gibt es hinreichend Gründe, den Namen in Zweifel zu ziehen? Ist die Biographie des genannten Autors vereinbar mit der Biographie eines Autors?
  2. Hat der genannte Autor sich selbst diese Werke zugeschrieben?
  3. Hat der genannte Autor – wer immer er gewesen sein mag – in seinem Werk selbst etwas über seine Identität gesagt?
  4. Haben andere, die ihn kennen konnten, ihm die Werke zugeschrieben? Wenn nicht, warum nicht?
  5. Haben andere, die ihn kennen konnten, Zweifel an der Identität von Werk und genanntem Autor ausgedrückt?
  6. Haben spätere Begutachter plausible Gründe gefunden, die zum Zweifel führen?

Ich ergänze:

7. Gibt es plausible alternative Kandidaten?

Im Teil 1 des Buches habe ich begründet, warum „Shakespeare“ nicht der Mann aus Stratford sein kann – warum es sich also bei dem Autorennamen um ein Pseudonym handeln muss.

Jetzt geht es um die Plausibilität des Kandidaten Edward de Vere, 17th Earl of Oxford.

Um die Frage: Warum braucht und gebraucht er ein Pseudonym? Warum schreibt er nicht unter seinem Namen?

Warum behält seine (weitere) Familie diese Praxis bei und schiebt 1623 dem Mann aus Stratford die Autorschaft zu?

Inwieweit hat das Pseudonym seinerzeit funktioniert?

Was ließe sich gegen die Möglichkeit des Pseudonyms im Falle Oxford einwenden?

Diana Price schreibt:

Im klassenbewussten Tudor-England war es kein Zeichen guter Erziehung, als Autor publiziert zu werden, zumal als Autor von Theaterstücken oder Versen.

Während Bürgerliche offen um des Profits willen publiziert haben, ließen die Gentlemen ihr Werk privat unter Freunden als Manuskript, entsprechend dem Image des Aristokraten als fähigem Dilettanten. Gentlemen-Amateure haben ganz besonders Distanz bewahrt gegenüber dem Beruf des Dramatikers – „damit niemand denken möge, sie würden sich entwürdigen, indem sie kommerzielle Theater regelmäßig mit Stücken beliefern“ (Bentley, Dramastist, 14)

Price schließt daraus, dass alle, die Bezug nehmen wollen auf den – an sich anonymen – aristokratischen Autor, dafür ein pen-name, ein Pseudonym brauchten und auf jeden Fall keine persönliche Begegnung mit dem Autor ins Spiel bringen konnten.

Die Forschung sollte untersuchen, ob John Seldens (1584-1654) Feststellung in ihrer Allgemeinheit und Grundsätzlichkeit korrekt ist:

„Für einen Lord wäre es lächerlich, Verse drucken zu lassen; es genügt, wenn er sie zu seinem eigenen Vergnügen macht, aber sie zu veröffentlichen wäre närrisch.“

zit bei Kreiler, S. 396

Das bezieht sich auf Lyrik. Wie steht es damals mit Bühnenspektakel, mit Theaterstücken? Dafür müsste Seldens Diktum noch entschiedener gelten.

Andererseits legen die Earls of Pembroke und Montgomery 1623 wert darauf, dass „Shakespeares“ Theaterstücke in einer aufwändigen Gesamtausgabe gedruckt und veröffentlicht werden.

Einerseits hohe Wertschätzung – andererseits Verbergen der Autorschaft? Das ist erklärungsbedürftig.


Anmerkung:

Walter Klier untersucht die Pseudonym-Sitiation in seinem „Der Fall Shakespeare“ auf den Seiten 183-189.

Meines Wissens gibt es keine Untersuchung dieser Frage oder überhaupt der Frage, wie Aristokraten, die dichterisch tätig sind, mit ihrer Autorschaft und der Öffentlichkeit umgehen, seitens der Stratfordianer bzw. Anglisten.

Es würde sich lohnen, dieses Thema systematisch zu erforschen.

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