Richard Field

Der Drucker in London, der die gediegenen Ausgaben der beiden Shakespeare-Bestseller druckt: Venus and Adonis (1593) und The Rape of Lucrece (1594).

Er stammt aus Stratford-upon-Avon, wurde 1561 (drei Jahre vor William Shakspere) nicht weit von Shaksperes Henleystreet-Haus geboren. Man wird sich also von Kindheit an gekannt haben.

Sein Vater ist ein Färber, hat insgesamt 10 Kinder und kann ihnen nur sehr bescheidene Verhältnisse bieten. 1579 macht er etwas, das in der Kleinstadt Staunen und Kopfschütteln zurfolge haben musste: Er schickt seinen zweiten Sohn Richard nach London, um dort das unglaubliche, exotische, hypermoderne, rein metropolitane Handwerk des Druckens zu lernen.

Drucken lernt er in 7 Jahren Lehre bei einem französischen Flüchtling, dem Hugenotten Thomas Vautrollier, der seine Druckerei mit voller Beteiligung seiner offensichtlich hochkompetenten Frau Jacqueline betreibt.

Es ist eine der besten, saubersten, genauesten, verlässlichsten Druckereien in London. Vautrollier betrachtet das Drucken weniger als Handwerk denn als Kunst.

Diese Tradition wird Richard Field erfolgreich fortsetzen. Er wird zum Beispiel zum Drucker für das, was Lord Burghley, die rechte Hand der Queen, zum Druck gibt.

1589 stirbt Thomas Vautrollier. Richard Field (27 Jahre alt) heiratet dessen doppelt so alte Witwe und kann damit die Firma übernehmen.

Angesiedelt ist sie im Blackfriars-Komplex. Als die Chamberlain’s Men 1596 hier ihr Theater einrichten wollen und bereits mächtig investiert haben, wenden sich die Bewohner und Nutzer der weitläufigen Blackfriars-Gebäude, darunter auch Richard Field, dagegen, mit dem Hinweis auf Lärm und Sünde, und das Projekt scheitert. Die Theatertruppe sucht und findet eine andere Lösung – am Ende bauen sie ihr Globe am anderen Ufer der Themse. (Das Blackfriars unterstand nicht der Zuständigkeit der puritanischen Stadtväter, die sonst das Theaterprojekt dort selbst verhindert hätten.)

Wir wissen von keiner Beziehung zwischen Shakspere und Richard Field – außer, dass Shakspere, wenn er denn der Autor der beiden Versepen wäre, bei sie bei seinem Stratforder Bekannten hätte drucken lassen.

(Nebenbei: Field war also der von Lord Burghley bevorzugte Drucker. Der Earl of Oxford war sein Schwiegersohn und früheres Mündel. Bei Field also ließ er seine beiden Erstlinge auf dem Buchmarkt edel-aristokratisch drucken.)

Field hatte allerdings, und darauf weisen alle (!) Biographen hin, eine ansehnliche Bibliothek in seiner Druckerei. Man braucht unbedingt einen Zugang zu Büchern für den Stratforder jungen Mann und Autor … Also phantasiert man …

Ich zitiere mich nun selbst:

Ein gewisser Richard Field, der Drucker der beiden Versepen 1593/94, mit denen der Name Shakespeare erstmals als Autorenname in die Welt gesetzt wird, stammt aus Stratford-upon-Avon und ist etwa Williams Jahrgang. Was für eine Gelegenheit! Machen wir einfach mal Shakespeares Freund aus ihm! – Es gibt zwar keinerlei Anhaltspunkte dafür, aber was soll’s! Unser Shakespeare braucht Freunde, also muss Field herhalten.

Dabei spricht einiges dagegen, dass er ein Freund unseres Mannes aus Stratford war: Erstens bekommt Field nichts weiteres mehr zum Drucken von Shakespeare; zweitents gehört Field zu denen, die gegen das Etablieren der Lord Chamberlain’s Men (Shakespeares Truppe!) im Blackfriars Theatre protestieren; drittens lebt Field 1616 noch, im Testament von Shakespeare kommt er aber nicht vor. (Auch sonst gibt es keine Bezüge zwischen Will und Bobby mehr.)

Das alles erwähnen unsere Shakespeare-Biographen nicht, und so hindert es sie nicht, Richard Field zum Freund zu adeln und dem Barden außerdem noch die Bibliothek des Druckers (hatte er eine?) für seine Recherchen zur Verfügung zu stellen. Meistens wird diese wunderbare Freundschaft konjunktivisch eingeführt – „wir können annehmen“, „wahrscheinlich“, „es liegt nahe“ … – um dann, im nächsten Absatz oder auf der nächsten Seite indikativisch fortgeführt zu werden: Richard IST jetzt Wills Freund, lebenslang.

Prüfen Sie es selber nach, wenn Sie eine Shakespeare-Biographie lesen! Erst ist etwas denkbar, dann liegt es nahe, dann wird es gewiss. Einfach so. Gefühlsmäßig. Ohne Beleg, gepuscht vom Wunschdenken.


Der Text, dem ich meine Informationen über Richard Field entnehme, vermeidet diesen peinlichen Fehler fast ganz und bleibt durchgehend seriös:

Carol Chillington Rutter: Schoolfriend, publisher and printer Richard Field. In: Edmondson/Wells, The Shakespeare Circle, S. 161 f

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