Schauspieler

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Das gehört zu den verifizierten Fakten: Shakspere war auch Schauspieler. Und zwar zumindest ab 1594 einer von den Lord Chamberlain’s Men, und das war die beste Truppe der Stadt.

Zweimal wird er als Schauspieler von Ben Jonson genannt, als dieser seine Gesammelten Werke in einer Folio-Ausgabe herausgibt (1616).

Als Schauspieler steht er auch im First Folio 1623.

Das sind die einzigen eindeutigen Nennungen als Schauspieler.

Falls in Chettles „Greene’s Groatsworth of Wit“ 1592 die upstart crow bzw. der shake-scene Shakespeare meinen (was durchaus ungeklärt ist), so wäre das die erste Nennung als Schauspieler.

Alle anderen bühnennahen Nennungen von Shakespeare können sich auch auf seine Tätigkeit als Theatermanager bzw. Anteilseigner beziehen.

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Große Rollen scheint er nicht gespielt zu haben. Denn das wüssten wir sonst. Es gibt genug Berichte etwa über Alleyn oder Burbage, die Stars auf der Bühne in seiner Zeit.

Eine (eher zweifelhafte) Anekdote nennt ihn als derjenige, der in Hamlet den Geist gespielt haben soll. Das würde dazu passen, dass er zu denen gehört hat, die in den Stücken drei, vier der kleineren Rollen übernommen haben.

3

Wann hätte er seiner Schauspieler-Tätigkeit nachgehen können, wenn er ab 1597 einen beträchtlichen Teil seiner Zeit in Stratford war?

Auf jeden Fall wird er im Laufe des folgenden Jahrzehnts zu selten anwesend gewesen sein, um noch als Schauspieler aktiv zu sein.

4

Es ist auch sonst schwierig, sich vorzustellen, wie er die zeitaufwändige Schauspielerei mit seinen vielen anderen Aktivitäten vereinbaren konnte.

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Gelernt hat er den Beruf des Schauspielers offensichtlich nicht auf die Weise, wie das damals üblich war: als Junge in 7jähriger Ausbildung. In Stratford konnte er es kaum professionell beigebracht bekommen. 1588 etwa kam er dann nach London, 24jährig. Viel zu alt, um diesen Beruf noch ordentlich zu lernen. Hatte er davor irgend welche Gelegenheiten dazu gehabt? Musste er nicht ständig für seinen Vater, für die Familie arbeiten? Wie hätte er sich von der Familie wegstehlen können, um erst einmal Jahre lang nichts zu verdienen?

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Schauspieler waren an sich Vagabunden. Insofern hoch gefährdet, als liederliches fahrendes Volk aufgegriffen und misshandelt zu werden. Man brauchte also einen Patron. Den fand man in einer der offiziell anerkannten Truppen. Ansehen erwarten sich allenfalls die wenigen Superstars der Bühne, etwa Burbage, Alleyn, Kempe. Die haben wohl auch gut verdient; die Schauspieler der Nebenrollen werden finanziell knapp über die Runde gekommen sein. Auch Shakspere wird als Schauspieler wenig verdient haben. Wenn er mit dem Theater zu Geld gekommen ist, dann als Anteilseigner und mit geschäftlichen Aktivitäten rund ums Theater.

7

Als Schauspieler wird er auch bei Hofe und in Häusern von Adeligen aufgetreten sein. Dabei wird er den Dienstboteneingang benutzt haben müssen. Eine Beteiligung am Innenleben des Adels (samt tieferen Einsichten in deren Denken und Treiben) bedeutet das nicht.

8

Vielleicht war Shaksperes Zugang zum Schauspielern dadurch gesichert, dass er Rollen für sich fordern konnte: als Anteilseigner, Finanzier, Theatergeschäftsmann. Es sieht aber nicht so aus, als ob das Theaterspielen für ihn im Mittelpunkt des Interesse stand. Priorität hatte das Geldverdienen. Das Reichwerden. Der Aufbau seiner Stellung in Stratford-upon-Avon.

9

Zugunsten der Stratfordianer lässt sich sagen: Molière war zwei, drei Generationen später zugleich Eigentümer, Stückeschreiber, Schauspieler, Intendant und Regisseur seiner reisenden Truppe.

Das hätte sich – einen Parallelfall angenommen – bei Shakespeare in London aber schriftlich deutlich niedergeschlagen. Das hätten andere als etwas Ünübersehbares, Erstaunliches, Bedeutendes registriert. Es wäre auch im First Folio unbedingt angesprochen worden.

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