Schoenbaum erklärt

Samuel Schoenbaum ist derjenige der Biographen Shakespeares, der wohl das höchste akademische Ansehen genießt. Er ist der Sachliche, der Nüchterne, der Genaue. Seine „Biographie“ ist darum weniger Biographie als – wie der Titel richtig sagt: Dokumentation seines Lebens.

Schoenbaum macht sich immerhin einige Gedanken zum zentralen Widerspruch in der Biographie unseres Mannes: hier der engagierte Geschäftsmann und sein materieller Erfolg, da der Mann der Kunst und sein Werk. Immerhin, er umschifft nicht feige diese penetrant merkantile Seite im Leben des Mannes aus Stratford.

Geht man nach den Urkunden, den Dokumenten, dann hat sich Shakspere vorwiegend mit dem Geldverdienen beschäftigt. Von Kunst und Dichtung keine Spur, außer in Form von Schauspielerei in den ersten ca. 10 Jahren in London. In Stratford – nichts davon. Null. Keine Aktivität, keine Bekanntschaft, kein Dokument verweist auf etwas, das mit Dichtung oder mit Kunst und Bildung zu tun haben könnte.

Zum engeren Freundeskreis in Stratford zählen zum Beispiel die Combes. John Combe, der reichste Mann der Stadt, ein berüchtigter Wucherer, durch Wucher zu Reichtum gekommen. William Combe, der berüchtigte enclosure-Mann, der jahrelang die Stadt mit seinem für die Bürger gefährlichen Projekt in Atem hält –

ausdrücklich stellt Schoenbaum (S. 334) fest: Combe und Shakespeare bleiben Freunde bis zum Ende. Er findet für das Verhältnis sogar ein Zitat im Hamlet:

Er besitzt viel und fruchtbares Land: … Er ist eine Elster, aber wie ich dir sagte, mit weitläufigen Besitzungen von Kot gesegnet.

Das sagt Hamlet über den verächtlichen (!) Osrick. Inwiefern passt nun diese verächtliche Aussage zur Freundschaft Shakespeares mit dem – also doch wohl verächtlichen – Combe?

Merkt Schoenbaum den Widerspruch nicht? Warum muss er hier – kontraproduktiv – Hamlet zitieren?

Schoenbaum versucht sich schließlich an einer Erklärung des Widerspruchs, die ich vollständig zitieren möchte (Seite 338):

Andere Mitbürger hatten größere Zehnt-Anteile als Shakespeare und waren reicher als er. Aber bis 1605 hatte er die zerrütteten Vermögensverhältnisse seiner Familie mehr als wieder in Ordnung gebracht: Neben seinen Einkünften aus dem Zehnt nannte er Acker- und Weidegründe, das Geburtshaus in der Henley-Street sowie das große Haus New Place mit seinen weitläufigen Gärten und dem Häuschen sein eigen. Und all dies zuzüglich seiner Theater-Einnahmen.

Kein Zweifel, der Beifall der Menge galt dem Schöpfer des Hamlet. Aber nach dem die vier Offiziere den Prinzen unter Kanonendonner von der Bühne getragen hatten, legte sich der Applaus, und das Publikum strömte hinaus ins Dunkel von Bankside.

Verdienste dieser Art waren vergänglich. Eine erbliche Liegenschaft aber, weitergegeben von Generation zu Generation, das bedeutete Dauer. So mag er gedacht haben.

Doch in direkter Linie war seine Familie noch vor dem Jahrhundertende erloschen, die Abgaben fielen an die Stadtbehörde zurück, ein späterer Besitzer machte New Place dem Erdboden gleich, und die Felder von Old Stratford gibt es heute nur noch in längst abgelaufenen Kaufverträgen.

Einzig die Kunst, ganz wie er in seinen Sonetten vorhergesagt, als das Gefühl für Ewigkeit ihn streifte, ist von Dauer.

Wieder dieser Widerspruch. Schoenbaum verweist zurecht auf die mehrfachen Sonett-Aussagen: Was bleibt, sind die Verse. Was bleibt, ist das Werk des vollendeten Künstlers – und das ist er, der Autor der Sonette und der Autor des Hamlet. Er WEISS, dass er Geniales schafft. Er WEISS, dass sein Werk überlebt. Nicht sein Name – ausdrücklich sagt er auch das; sein Name wird verborgen bleiben – aber SEIN WERK wird bleiben, es wird selbst Marmorbauten überleben.

Mag also der Beifall des Tages rascher vergehen als der materielle Besitz, der sich mittels Theatergeschäften erwerben lässt – das Kunstwerk wird schließlich diesen materiellen Besitz überleben.

Das sagt, das denkt Shakespeare, der Autor. Schoenbaum weiß das – er zeigt, dass er es weiß. Es steht ganz einfach schwarz auf weiß im Werk des Autors.

Und dennoch biegt der Biograph und Interpret ab, weicht er aus. Es darf nicht sein. Shakespeare, der Stratforder, muss sich Illusionen gemacht haben, was die Dauerhaftigkeit von Kunstwerk im Vergleich zu Geschäftswerk angeht. Das zeigt sein Leben. Das Leben des Geschäftsmannes aus Stratford.

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