K5 Shakespeare als Geldverleiher – und Heuchler?

Vielleicht finden wir eine Antwort auf diese „Zurückhaltung“ der Interpreten in der Biographie von William Shakespeare, Kaufmann aus Stratford upon Avon.

Der hat bekanntlich auch als Geldverleiher operiert, auch einmal einen säumigen Zahler verklagt. Er hat vermutlich den üblichen und erlaubten Zinssatz verlangt: 10% vermutlich, so viel also, wie erlaubt war. Sein Vater wurde einmal bestraft, weil er 20% verlangt hatte.

Gegen das Geldverleihen und Zinsnehmen (im Rahmen des Erlaubten) ist nichts einzuwenden. Ich kritisiere Mr. Shakspere nicht. Er ist ein tüchtiger Geschäftsmann. Und Sein Zeitgenosse Francis Bacon hat in den 1620er Jahren eine sehr vernünftige Verteidigung des Zinsnehmens geschrieben – „On Usury„.

Nur – wie passt das zusammen – der geldverleihende und zinsnehmende Kaufmann aus Stratford namens William und der den Zins rabiat ablehnende Kaufmann aus Venedig namens Antonio, der uns als Held und Beinahe-Märtyrer präsentiert wird, mit dem sich das Publikum damals und (wohl auch noch) heute heftig identifiziert?

Übersehen wir also nicht, dass uns das Theaterstück diesen Zinshasser Antonio entschieden positiv darstellt – der Zuschauer kann gemäß der Sympathielenkung durch den Autor kaum anders, als mit Antonio zu sympathisieren – und stellt sich gegen den bösen Juden Shylock, den üblerweise zinsnehmenden Geldverleiher, gegen den Wucherer. Der dann vernichtet wird als ein Unmensch, der nach Fleisch und Leben des guten Menschen greift; der bühnengerecht vernichtet wird vor Gericht. Das Publikum jubelt und lacht sich schief. (Heute ist es natürlich zurückhaltender. Aber Shakespeare hat das Stück für seine Zeitgenossen geschrieben, nicht für uns.)

Es ist eben doch eine Komödie. (Für die Menschen um 1600.)

Kein Wort über den Widerspruch zwischen den beiden Kaufleuten (den aus Venedig und den aus Stratford) bei den Interpreten. Dabei kennen sie doch die Biographie ihres Helden. Sie WISSEN, dass der Kaufmann aus Stratford …

Und in den Biographien – wird dort der auffallende und gewiss biografisch relevante Gegensatz thematisiert? Was wäre über einen Autor zu sagen, der einerseits auf offener Bühne den Zins lautstark und wirkungsvoll verdammt und den Zinsnehmer theatralisch vernichtet – im realen Kaufmannsleben aber jederzeit seine 10% Zins einstreicht und den Wucherer John Combe zu seinen guten Freunden zählt?

Das Thema rührt an das Stratford-Tabu. Die Biographen müssen schweigen. Stratford blickt angestrengt weg.


Fortsetzung: Shylock – Monster und Mensch

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