Shakspere Biographie: Was hat er verdient?

Das Folgende ist insgesamt noch zu spekulativ. Ein paar harte Fakten – einige naheliegende Schlussfolgerungen – einige darüber hinausgehende Vermutungen. Es wäre nötig, dass einmal eine Fachperson sich der Sache gründlich annimmt. Auf dieser Seite findet man nur einen zum Nachdenken anregenden Überblick. Ständig ist die Frage: Ist das, was man hier beobachtet, vereinbar mit dem, was man im Werk des Autors liest?

Bearman, von dem ich die meisten Informationen beziehe, möchte nicht zu dem Schluss kommen, für Shakspere habe das Geldverdienen im Mittelpunkt gestanden. Dummerweise sind aber nur Dokumente verfügbar, die den Mann mit dem Geschäftlichen verbinden. Das geht bis ins Testament hinein. Kein Brief, kein Manuskript, kein Hinweis eines anderen, kein Hausfreund – nichts verweist auf eine literarische oder künstlerische Neigung. Die Dokumente zeigen uns nur einen Geschäftsmann.

Das Werk natürlich legt uns einen ganz anderen Shakespeare nahe. Für Bearman leider kein Grund zum Zweifel an der Identität, sondern Grund dafür, gegen den dokumentierten Eindruck zu behaupten, das Merkantile habe für den Autor eben nicht im Mittelpunkt gestanden.


Als Shakspere ca. 1587/1588/1589 nach London kommt, hat er so gut wie nichts; sein Vater sitzt in der Schuldenfalle.

Shakspere muss also ganz unten anfangen. Zum Beispiel als angeheuerter (nicht ausgebildeter) Gelegenheits-Schauspieler.

Vermutlich wird er vor allem rund ums Theater geschäftliche Angelegenheiten erfolgreich in die Hand genommen haben und sich auf diese Weise eine erste finanzielle Basis geschaffen haben.

Die hat es ihm dann erlaubt, 1594 mit immerhin 50 Pfund als Anteilhaber der Lord Chamberlain’s Men einzusteigen. Vielleicht hat er dazu auch einen größeren Kredit aufnehmen müssen.

50 Pfund sind viel Geld damals. Der Vikar von Stratford, die höchste religiöse Autorität und neben der Stadtregierung die wichtigste Macht am Ort, erhält von der Stadt als Jahresgehalt 20 Pfund; ebensoviel der Leiter der Lateinschule.

(Selbst wenn der Mann aus Stratford die beiden Bestseller Venus and Adonis und The Rape of Lucrece geschreiben haben sollte – verdient hat dabei fast nur der Drucker. Und für ein ganzes Theaterstück hätte er ca. 7 Pfund bekommen. Nach orthodoxer Meinung hat er bis dahin ca. 7 Stücke geschrieben, zum Teil in Kollaboration. Davon hätte er all die Jahre kaum leben können; auch nicht von dem kleinen Schauspieler-Honorar. Er hätte kaum 50 Pfund Kapital anhäufen können.)

Die Teilhabe am Theaterunternehmen ist lukrativ. Sie könnte im in den 1590ern und in einem Jahr, in dem durchgängig Theater gespielt wurde, um die 50 Pfund Gewinn gebracht haben.

1596 muss Shakspere bereits so wohlhabend geworden sein, dass er Wappen und Standeserhöhung zum Gentleman (für seinen Vater) beantragen kann. (Das kostet 31 Pfund an Gebühren sowie einiges Bestechungsgeld. Schwindeln muss er auch dafür.)

1597 kann er ein Herrenhaus in Stratford-upon-Avon kaufen, New Place. Es wird sehr viel mehr als die offiziell (für die Steuer) angegebenen 60 Pfund gekostet haben.

Vermutlich hat Shakspere außer durch die Anteilseignerschaft auch noch mit anderen Geschäften (Theatergeschäften in London) verdient, etwa als Geldverleiher (gegen Zins natürlich) und als Stückehändler.

Bearman kommt auf eine Weise, die mir nicht verständlich ist, auf folgende jährlichen Einnahmen im Theatergeschäft nach dem Start des Globe:

a) Anteilseignerschaft an der Theaterkompanie (100 Pfund eingezahlt) – bringe in einem guten Jahr 120 Pfund Gewinn; vielleicht durchschnittlich die Hälfte – es gibt viele „schlechte“ Jahre, in denen das Theater nicht genug zum Zuge kommt.

b) „housekeeper“ des Globe: Wie hoch war die Einzahlung? 50 Pfund? Die Stellung bringe Shakspere im guten Jahr 80 Pfund, schreibt Bearman; nehmen wir also rund 40 Pfund im Durchschnitt an.

Das würde pro Jahr durchschnittlich 100 Pfund Gewinn machen.

Vorsicht. Vielleicht missverstehe ich hier etwas. Beziehen sich die ca. 200 Pfund Jahresgewinn auf alle Shareholder oder nur auf den Anteil, den Shakspere daran hatte? (Das war wohl ein Zehntel, oder war es ein Fünftel? – Im letzten Fall müsste man die Gewinnsumme durch 5 oder 10 teilen. Dann wäre der Jahresprofit eher mittelprächtig – und wir müssten annehmen, dass Shakspere den Großteil seines Vermögens nicht als Shareholder – und schon gar nicht als Schauspieler und Stückeschreiber – verdient hat, sondern im Rahmen von anderen Geschäften, teils rund um das Theater, teils als Geldverleiher, teils als Spekulant mit Agrargütern.

Für den Druck seiner Werke interessiert Shakspere sich nicht (wenn er denn der Autor wäre) – er würde ihm auch kaum Geld einbringen; am Druck verdienen Drucker und Herausgeber.

1601 – nach dem Tod seines Vaters – kann sich unser Shakspere endlich auch selbst Gentleman nennen. Das macht er umgehend als einer der 18 Pächter eines größeren Grundstücks. Während die anderen fast alle einen Beruf angeben, nennt sich Shakspere nur gent.

Wir erkennen an solchen Beispielen auch, dass Shakspere nicht nur theaterbezogene Geschäfte in London macht. Generell nehme ich an, dass wir zwar viele seiner größeren Geschäfte erfahren, dass aber für viele (vielleicht sogar die meisten) keine Dokumente auf uns gekommen sind.

Schließlich steigt er – finanziell gesegnet – groß in Stratford-upon-Avon ein.

Betrachten wir die Investitionen Shaksperes (ich folge hier Bearman):

1597: mindestens 120 Pfund für New Place

1602: 320 Pfund für Pachtgüter. Shakspere ist jetzt Landbesitzer mit ca. 25 Pfund jährlichen Pachteinnahmen.

1605: 440 Pfund – Kauf der Zehnten. Jahreseinnahme (ohne eigene Arbeit, das Einsammeln übernimmt ein Pächter) mindestens 40 Pfund, wahrscheinlich wesentlich mehr.

1599: 100 Pfund = Investition in das Globe-Theater, Anteil an der Theatertruppe. Wie viel ist die housekeeper-Position im Globe wert?

1613: Kauf der Blackfriars-Immobilie. 120 Pfund; die Hälfte hat er dabei nicht flüssig.

(Dazu kommen vermutlich einige weitere Käufe, von denen wir nichts wissen, weil keine Dokumente überlebt haben.)

Weiter: 1612 oder 1613 trennt sich Shakspere sowohl von seinem Anteil an der Theaterkompanie als auch von seiner „housekeeper„-Funktion bezüglich des Globe. Wenn beides – wie Bearman behauptet – im guten Jahr 200 Pfund bringen kann (und wie ich daraus schließe: im Durchschnitt dann wohl 100 Pfund pro Jahr und mehr), dann kann er diese zwei Positionen für wenigstens 500 Pfund an einen anderen verkaufen. (Bearman scheint das zu übersehen.)

(Vorsicht! Siehe die skeptische Bemerkung oben! Aber ich habe Bearman so verstanden, dass Shakspere mit seinem Anteil und seiner sonstigen Beteiligung bis zu 200 Pfund im Jahr verdienen konnte.)

Möglich, dass Bearmans Rechnung nicht stimmt; mir scheint, dass sie nicht stimmen kann. Das Theatergeschäft (Anteilseigentum, „housekeeper“ im Globe) ist lukrativ, aber bei weitem nicht so wie Bearman annimmt. Wie dem auch sei, als er die beiden „assets“ abstößt, muss er einige hundert Pfund dafür erlöst haben. Einen Teil davon hat er ins Blackfriars Gatehouse gesteckt.

Rechnet man den Wertgewinn des renovierten New Place, den Wert der vier weiteren Häuser Shaksperes in Stratford, den Wert der Pachtgüter, den Wert der tithes, den Wert der Möbel, den Wert der gelagerten Waren, den Wert der Barmittel und des Schmucks etc., so kommt man auf ein Gesamtvermögen von bis zu 2000 Pfund. Und jährliche Einnahmen von um die 100 Pfund.

Über den Daumen gepeilt und zugegebenermaßen etwas spekulativ. Aber wir bekommen so eine plausible Größenordnung.

Shakspere war also so etwas wie ein Vermögensmillionär. Einer der reicheren Stratforder Bürger.

Das sieht nun Bearman wieder ganz anders. Er meint, Shaksperes Vermögen sei zwar recht beträchtlich, aber doch bescheiden gewesen. Was er Tochter Susanna und dem Schwiegersohn an Einnahmen vermachen konnte, seien im wesentlichen nur die 70 Pfund jährlich, die der Erlös aus den Zehnten und den Pachtgütern waren.

Interessanterweise findet Bearman – ein unbedingter Stratfordianer – Indizien dafür, dass Shakspere und seine Familie in Stratford nicht unbedingt hoch angesehen waren. Die (für so relativ reiche und hochstehende Familien ungewöhnliche) Verleumdung der Tochter Susanna wurde zwar niedergeschlagen – aber dass sie überhaupt möglich war, deutet darauf hin; auch dass Shakspere keinen Zugang zur Corporation findet – kein burgess, kein alderman wird. Die Stadtgemeinde sei auch verärgert gewesen im Falle des Kaufs der Zehnten – der an ihr vorbeigegangen sei. (Eigentlich wollte die Corporation von diesen Zehnten mitprofitieren.) Auch die freundliche Beziehung Shaksperes zur Combe-Familie, mit der die Stadt im Clinch lag, hat ihn nicht gerade beliebt gemacht bei der städtischen Elite.

Ich füge hinzu: Geld ist dann doch nicht alles. Als Theatermann war er in Stratford damals eher berüchtigt als angesehen, selbst dann, wenn er nicht die Bürde des Werks zu tragen hatte. Er hat sein Geld in schmutzigen Tätigkeiten verdient – so sehen das wohl die im großen und ganzen puritanisch, calvinistisch denkenden und fühlenden Angehörigen der Stratforder Stadtoligarchie. Insofern hat der ehrgeizige Shakspere sein Ziel, in seiner Heimatstadt zu höchster Reputation zu kommen, doch nicht erreicht. Vielleicht hat er darum auch keinen Versuch gemacht, alderman zu werden.

Susanna und John Hall leben in den kommenden Jahren zwar in wohlhabenden, aber keineswegs reichen Verhältnissen – anders als ihre mit Thomas Nash verheiratete Tochter. Geht bei der Heirat ein Teil des Erbes auf sie über?


Autorität in Sachen Shakespeare-Biographie ist für die Stratfordianer Samuel Schoenbaum. Dieser notiert (auf Seite 303) in seinem Buch:

Ist Shakespeare auch dem endgültigen Schicksal der Stücke, die ihn unsterblich gemacht haben, gleichgültig gegenübergestanden, so zeigt er doch keine solche Unbekümmertheit im Hinblick auf das Zusammentragen und die intakte Weitergabe seines materiellen Besitzes.

Woran man sieht, wo seine Priorität liegt.

Sicher, Geschäftstüchtigkeit und höchster Genius müssen nicht unvereinbar sein. Es ist aber mehr als nur „sorgfältigstes Augenmerk“ für seine weltlichen Interessen – wir erkennen eine klare Priorität. Darum war auch der Abschied vom Theater möglich. Wäre die Priorität beim Theater gelegen, hätte sich Shakespeare nicht so schnell und stark nach Stratford zurückgezogen, hätte er auch bis zum Ende weitergeschrieben.

Vor allem aber lässt sich in den Werken selbst ein solch „sorgfältiges Augenmerk“ auf die kommerziellen Interessen nicht erkennen. Sympathisiert Shakespeare etwa mit den Krämern? Mit den Shylocks? Mit den geschäftstüchtigen Kaufleuten? Sympathisiert er nicht eher mit den Verschwendern? Mit den Großzügigen?

Das müssten uns die Shakespeare-Biographen erklären! Nicht dass der angebliche Autor nebenbei auch geschäftstüchtig war, ist der Punkt, sondern erstens, dass die Priorität auf dem Geschäftlichen liegt, zweitens, dass im Werk eher die Unbürgerlichen geschätzt werden und nicht die bürgerlichen Rechner.


In diesem Überblick sind zu viele Fragen offen, zuviele Positionen unsicher, zu viele Details nicht genug abgesichert. Bei Gelegenheit werde ich Bearman noch einmal lesen, eventuell auch andere Literatur finden, die mir weiter helfen kann.


Robert Bearman: Shakespeare’s Money. Oxford University Press 2015


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