Contra 5: Name

Shakespeare und / oder Shakspere?

Es ist schon richtig, wenn die Stratfordianer behaupten: Mal schreibt man so, mal so. Es geht – scheinbar – bunt durcheinander.

Nun, ziemlich, aber nicht ganz.

Wirft man einen Blick auf das Kirchenbuch von Stratford, so heißt unser Mann wie alle anderen seiner Familie Shakspere. Da findet sich kein Shakespeare. (Oder doch ein einziges Mal?)

Wirft man hingegen einen Blick auf die Veröffentlichungen, also die 36 Quartos und Octavos, so findet man fast nur Shakespeare. Dieser Name war zugkräftig für Verleger, Drucker und Publikum, und zwar genau in dieser Schreibweise. Niemals in der in Stratford überwiegenden Version: Shakspere.

Überhaupt, wenn es um Londoner Aktivitäten von Shakspere geht, überwiegt die Schreibung Shakespeare. (Ein Pluspunkt für die Stratfordianer: Auch bei der Beantragung des Wappens finden wir die Schreibung: Shakespeare.)

Kann man von (bedingter) Konsistenz sprechen?

Immerhin: Shakspere selbst schreibt sich ausschließlich (oder lässt sich schreiben) Shakspere – jedenfalls in Stratford. (Gelegentlich schreibt jemand nach Gehör auch Shaxpere oder Shackspere.)

Shakspere aus Straford legt Wert darauf, Shakspere (mit kleinen Variationen: Shackspere, Shaxpere, Shakspeare) geschrieben zu werden, der Autor hingegen tritt so gut wie immer unter dem Namen Shakespeare auf.

Sein Bruder wird – in London – unter dem Namen Shakespeare beerdigt. Sein unehelicher Sohn danach allerdings wieder als Shackspeere. Das Wappen bekommt John Shakespeare bzw. die Familie Shakespeare.

Shakspere/Shakespeare – hat die hier festgestellte relative Konsistenz eine Bedeutung?

Die Stratfordianer bestreiten es. Shakspere war Shakespeare. Shakspere könne man vergessen.

Hat er etwa einen Unterschied gemacht. Der Mann denkt vielleicht so:

Shakespeare ist natürlich kein Pseudonym, wie einige annehmen, aber ICH als seriöser Kaufmann IN STRATFORD heiße Shakspere, ICH als berühmter, aber eben auch berüchtigter und gefährdeter Autor IN LONDON, Autor von moralisch angreifbaren Theaterstücken und Sonetten und zwei erotischen epischen Gedichten, nein, Leute, mein Londoner ICH lasse ich Shakespeare nennen.

Damit mache ich den Unterschied klar. Die eine Person ist nicht so einfach gleich der anderen. IM PRAKTISCHEN LEBEN bin ich der geschäftlich und moralisch seriöse, der hart aufs Geld schauende Kaufmann aus Stratford, merkantil bis in die Knochen – alles andere als der doch ziemlich exzentrisch und riskant schreibende Dichter mit seiner Vorliebe für Verschwender, Narren, Müßiggänger, Schwärmer, Verbrecher, freche Jungfrauen, verdammt intellektuell und klassisch irre gebüldet daherredende Bühnenfiguren – und – ha ha – mit meiner Verachtung für die dummen Bottoms und Dogberrys der pöbeligen Mittelschicht.

Und kommt mir einer in Stratford mit dem Verweis auf London quer, dann zeige ich kühl auf den Namensunterschied und weise die Verantwortung für die Werke zurück. Wie anders sollte ich mich auch schützen? In Stratford wäre ich als der Autor unchristlicher, christenverführender Werke unten durch. Die Sonette also sind auf keinen Fall von Shakspere – ich bin kein Sodomit und kein Ehebrecher! Zwinker Zwinker.

Diese „postmoderne“ Überlegung habe ich noch in keiner Biographie Shakespeares finden können. Immer heißt es, ein Unterschied zwischen dem Mann und dem Werk sei gar nicht gegeben bzw. irrelevant für die Autorschaftsfrage.

Da aber eine auffallende, wenn auch nur etwa 90prozentige Konsistenz zu erkennen ist, könnte der Unterschied bedeutsam sein. Es könnte sich um ein Indiz handeln: Shakspere ist nicht Shakespeare.

Könnte. Ich sage nicht, dass es ein Beweis ist. Der Namensunterschied passt gut zur Gesamtlage, und man wird sich fragen können, warum Shakspere nicht darauf besteht, generell Shakespeare geschrieben zu werden, auch in Stratford – dem Ort, auf den es ihm ankommt; er tut es weder im Kirchenbuch von Stratford noch, wenn er selber mal unterschreibt oder jemand für sich unterschreiben lässt. (Die sechs Unterschriften deuten darauf hin, dass zumindest einige Male Shakspere andere für sich hat unterschreiben lassen.)



Detaillierte Darstellung findet sich in John M. Shahan / Alexander Waugh: Shakespeare Beyond Doubt? – Shakespeare Authorship Coalition. 2016. Darin: A. J. Pointon: The Man Who Was Never Shakespeare. The spelling of William Shakspere’s name. Seite 14 – 28; sowie Frank Davis: Shakespeare’s Six Accepted Signatures. Seite 29 – 40.


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