Sonett 145: hate away = Hathaway?

(Übernahme aus dem Oxford-Bereich; dort geht es u. a. um die Argumente GEGEN Oxford als Autor.)


Bryson zum Beispiel bringt dieses „Argument“ auf Seite 192:

Desweiteren müsste man die vielen Textanspielungen wegdiskutieren, die auf William Shakespeare als Autor hinweisen – das Wortspiel mit Anne Hathaways Namen in Sonett 145 zum Beispiel. Das hieße wahrlich, die Kunst der Verstellung auf die Spitze zu treiben, wenn man witzige Anspielungen auf die Gattin seines Strohmannes in sein Werk einstreute.

Da kann man nur staunen.

Ständig und penetrant bestehen unsere Stratfordianer darauf, dass wir das Werk Shakespeares und ganz besonders die verführerischen Sonette nicht biographisch nehmen dürfen.

Ich wiederhole: Nach Meinung der Stratfordianer kann und darf man aus den Sonetten nichts über das Leben des Autors herauslesen. Das zu tun sein hoffnungslos romantisch und unwissenschaftlich.

Und was passiert dann bei Sonett 145?!

Immer wieder diese Heuchelei. Kaum meinen sie, es ergebe sich eine biographische Brücke, egal wie konstruiert sie sein mag – schon gilt es für sie als Beweis. Aber jedes Element, das gegen die Identität Shakspere-Shakespeare spricht, wird mit dem Hinweis diskreditiert, dass biographische Bezüge in die Irre führen.

Wie zwingend wäre nun dieser Schluss von hate away auf Hathaway?

Hier ist das Sonett:

Those lips that Love’s own hand did make
Breathed forth the sound that said ‚I hate,‘
To me that languish’d for her sake:
But when she saw my woeful state,
Straight in her heart did mercy come,
Chiding that tongue that ever sweet
Was used in giving gentle doom,
And taught it thus anew to greet:
‚I hate‘ she alter’d with an end,
That follow’d it as gentle day
Doth follow night, who like a fiend
From heaven to hell is flown away;
‚I hate‘ from hate away she threw,
And saved my life, saying — ’not you.‘

Es steht im Zusammenhang mit den Sonetten davor und danach. Die Dark Lady schenkt dem leidenden Autor wieder ihre Gunst.

Sonett 145 gehört zu den drei Sonetten (wie 153 und 154), die als vergleichsweise so schwach eingeschätzt werden, dass sie entweder für nicht-shakespearisch hält oder dass sie ein früher Versuch, ein Jugendwerk, sein könnten.

Wie kommt man nun von hate away auf Hathaway?

Es ist an den Haaren herbeigezogen. Es müsste sich auf die Situation des 18jährigen Shakspere beziehen, als er 1582 seine Anne Hathaway heiratete.

Andrew Gurr, der „Entdecker“ dieses Bezugs, meint, Shakespeare habe das Gedicht tatsächlich als 18jähriger geschrieben, es sei sein erstes Sonett. Der älteste poetische Text, den wir von ihm kennen.

Schon die Aussprache spricht dagegen. t ist nicht th. Das a in hate ist nicht das a in Hathaway. Es sei denn, in Warwickshire hätte man beides dialektbedingt ähnlich ausgesprochen. Ein Beweis dafür steht aus. Hat man in Stratford damals tatsächlich t wie th oder th wie t ausgesprochen? Oder hat wie hate oder hate wie hat? – Wahrscheinlich nicht. Aber selbst wenn doch – der Bezug bliebe immer noch recht abenteuerlich.

Nun, wie dem auch sei – es ist alles in allem bestenfalls ein sehr sehr schwaches Argument pro Shakspere als Autor. Man muss schon recht verzweifelt sein, wenn man wie Bryson u. a. behauptet, es gebe ja doch so viele Textanspielungen, die Shakspere als Shakespeare nahelegen – und dann ausgerchnet dieses Beispiel als Beleg wählen muss.

Um das noch einmal klarzustellen: Selbst wenn es sich zeigen ließe, dass sich im Falle einer Identität von Shakspere und Shakespeare ein Wortwitz mit Bezug auf Ann Hathaway denken ließe, wäre das

(1) kein Beleg gegen einen anderen Autor (denn dass sich etwas denken lässt, verbürgt noch nicht, dass es auch Tatsache ist),

(2) noch kein sicherer Beleg dafür, dass Ann Hathaway tatsächlich gemeint war (es wäre in diesem Fall nur eine nicht unplausible Hypothese, gegen die immer noch die Aussprache stünde).

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